Der Panzerkampfwagen VI „Tiger"
Der im Film namensgebende Panzerkampfwagen VI „Tiger“ war ein schwerer deutscher Panzer, der vom Alleinhersteller Henschel in Kassel zwischen 1942 und 1944 gefertigt wurde. Mit seiner 8,8-cm-Kanone und einer Panzerung von bis zu 100 mm Dicke an der Front war der Tiger einer der kampfstärksten Panzer des Zweiten Weltkrieges. Von den knapp 1.350 produzierten Exemplaren gingen mehr durch mechanische Defekte und Selbstzerstörung als durch direkte Feindeinwirkung verloren – ein Umstand, der die propagandistische Überhöhung konterkariert.
Die Produktion des Tigers war eine Reaktion auf die Überlegenheit sowjetischer Panzer wie dem T-34, dem die Wehrmacht nach dem deutschen Überfall am 22. Juni 1941 an der Ostfront begegnete. Der Tiger sollte die technische Vormachtstellung wiederherstellen. Während der Entwicklungs- und Produktionsphasen wurden für einigen Kampfpanzerwagen Tarnnamen verwendet. Im Rüstungsministerium entstand die Idee die Tiernamen (u.a. Panther, Tiger) auch für propagandistische Zwecke zu benutzen.1 Eine Marketingstrategie, die teilweise bis heute nachwirkt, wenn moderne Panzer aus deutscher Produktion ähnliche oder sogar gleiche Bezeichnungen (z.B. Leopard, Marder) tragen. Der Name „Leopard" wurde bereits 1942 von der Wehrmacht für einen geplanten leichten Aufklärungspanzer verwendet. Der „Marder" wurde im Nationalsozialismus für drei Panzerjäger-Typen genutzt.2
Psychologisches Kammerspiel und Antikriegsdrama
Dennis Gansel, bekannt für seine Auseinandersetzungen mit deutscher Geschichte und Autoritarismus („Napola – Elite für den Führer" 2004, „Die Welle" 2008), inszeniert „Der Tiger" als atmosphärisch verdichtetes Antikriegsdrama. Premiere feierte der Film bereits im September 2025 in ausgewählten Kinos, seit Januar 2026 ist er auf Amazon Prime Video zu sehen. Der Film folgt einer fünfköpfigen Panzerbesatzung, die 1943 einen geheimen Auftrag erhält: Sie soll einen in Stalingrad verlorengegangenen General hinter feindlichen Linien bergen. Die Mission entwickelt sich zum psychologisch aufgeladenen Kammerspiel, in dem die Grenzen zwischen Realität und Wahn verschwimmen – befeuert durch Konsum von Pervitin (Methamphetamin) und Alkohol. Kritiker lobten den Film mehrheitlich für seine klaustrophobische Atmosphäre, bemängelten aber auch die fehlende Opferperspektive.3
Der Film zeigt an mehreren Stellen explizit NS-Verbrechen: SS-Einheiten ermorden ein ganzes Dorf unter dem Vorwand der „Partisanenbekämpfung" – ein Terminus, der im Vernichtungskrieg auch als Code für Massenmorde an Jüdinnen und Juden diente. Auch die Besatzung des Tigers selbst war, wie eine Rückblende offenbart, an einem Kriegsverbrechen in Stalingrad beteiligt. Damit stellt sich Gansel explizit gegen den Mythos der „sauberen Wehrmacht", wonach die regulären deutschen Streitkräfte im Zweiten Weltkrieg an den Verbrechen des NS-Regimes unbeteiligt gewesen seien. Diese Behauptung ist durch die historische Forschung seit den 1990er Jahren eindeutig widerlegt. Die Wehrmacht war als Institution in die rassenideologische Kriegsführung, den Holocaust und zahlreiche Kriegsverbrechen verstrickt – vom „Kommissarbefehl“ über die Beteiligung an Massenerschießungen bis zum bewussten Aushungern sowjetischer Kriegsgefangener.
Filmkritik von rechts
Moderne filmische Darstellungen des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs werden häufig aus der Perspektive der Alliierten, von Gegner:innen des NS-Regimes oder Verfolgten bzw. Opfern erzählt. Filme aus deutscher Täterperspektive sind seltener. Ein bemerkenswerter Vorgänger war in der jüngsten Vergangenheit Jonathan Glazers „The Zone of Interest" (2023), der das Leben des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß und seiner Familie im krassen Gegensatz zur alltäglichen Vernichtung im Lager inszenierte. „Der Tiger" zeigt nun deutsche Soldaten an der Ostfront. Die Besatzungsmitglieder werden als gewöhnliche Menschen dargestellt – mit Familien, unterschiedlicher Herkunft und einem Leben vor dem Krieg. Innerhalb der Panzerbesatzung werden Fragen nach dem Sinn des Kriegs, Gehorsam und Verantwortung verhandelt. In der Perspektive der Soldaten tritt der explizite politische Rahmen des Eroberungs- und Vernichtungskrieges der Nazis streckenweise in den Hintergrund. Eine Darstellung, die Andockpunkte für die extreme Rechte bietet.
So deuten Philipp Stein und Volker Zierke im Podcast des rechtsextremen Jungeuropa-Verlags „Von rechts gelesen“ den Spielfilm unter dem Titel „Der Tiger: Schuldkult war gestern" als beginnende „Kehrtwende“ in der deutschen Filmindustrie. Dabei loben sie insbesondere die Darstellung der Kameradschaft, die bei Zuschauer:innen das Bild einer „coolen Truppe" erzeuge.4 Kritik äußerten die Podcaster fast ausschließlich an technischen Details. Den Film deuten sie als Zeichen einer Angleichung an (Anti-)Kriegsfilmproduktionen anderer Länder. Die „spezifisch deutsche Schuld" würde in „Der Tiger" außenvorgelassen, da allzu plakative Darstellungen des Holocaust fehlten und „nur" Kriegsverbrechen gezeigt würden, welche ja auch die Alliierten begangen hätten.
Noch euphorischer reagierte die neonazistische Kleinstpartei „Der Dritte Weg". Diese diagnostizierte eine Veränderung in der „geistig-psychologischen Tiefenstruktur unseres Landes". In der Vorstellung der extremen Rechten wird Deutschland von einem angeblichen „Schuldkomplex“ bzw. „
Ein „Tiger" für Thüringen
Aufgestachelt vom Tiger-Hype plant der Rechtsextremist Tommy Frenck in Südthüringen eine besonders problematische Form der NS-Heroisierung. Frenck, ehemaliger NPD-Kader und heute Mitglied der rechtsextremen Wählervereinigung „Bündnis Zukunft Hildburghausen" (BZH), betreibt seit September 2024 das Gastlokal „Eiserner Löwe" in Brattendorf. Zuvor hatte er bis September 2024 den „Goldenen Löwen" in Kloster Veßra betrieben, den er nach jahrelangem Rechtsstreit mit der Gemeinde räumen musste. Das neue Lokal dient als Treffpunkt der rechtsextremen Szene und beherbergt u.a. eine „Afrikakorps-Bar" – eine offene Verherrlichung des Wehrmachtsfeldzugs in Nordafrika.
Wie das Portal „In Südthüringen“ am 22. Januar 2026 berichtete, plant Frenck nun den Nachbau eines Tiger-Panzers als Kinderspielplatz auf seinem Grundstück. Er gibt an, vom britischen Panzermuseum im südenglischen Bovington inspiriert worden zu sein, wo das einzige noch fahrtüchtige Exemplar eines Tiger-Panzers (Tiger 131, während des Afrikafeldzugs erbeutet) steht.6 Der entscheidende Unterschied: Das Bovington Tank Museum ordnet seine Exponate in einen historischen Bildungskontext ein. Frencks Projekt hingegen soll diese Waffe als vermeintlich unpolitisches, technisches Meisterwerk inszenieren. Frenck zeigte sich erfreut über die anfangs unkritische Berichterstattung, die zwar seinen rechtsextremen Hintergrund, nicht aber die NS-verherrlichende Dimension des Vorhabens benannte: „Tatsächlich mal ein lesenswerter Artikel". Die Lokalzeitung veröffentlichte im Nachgang kritische Kommentare7 sowie mehrere Leser:innenbriefe, die Frencks Pläne verurteilten.8
Um die Finanzierung zu sichern, startete Frenck eine Crowdfunding-Kampagne. Zusätzlich bewarb er über den Messenger-Dienst Telegram eine Versteigerung, bei der die drei Meistbietenden „KKK-XXL-Kuscheltiere" ersteigern können, handsigniert vom Neonazi-Musiker „Lunikoff". Der rassistische und antisemitische Ku-Klux-Klan terrorisierte die afroamerikanische Bevölkerung während des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, insbesondere im Süden der USA. Auf den von „Lunikoff" signierten „Kuscheltieren" war u. a. „Refugees welcome" zu lesen.
Zwischen filmischer Ambiguität und rechtsextremer Vereinnahmung
„Der Tiger" eignet sich weder zur Verharmlosung noch zur Verherrlichung des Nationalsozialismus. Dennis Gansel inszeniert einen Antikriegsfilm aus deutscher Perspektive, der mit ähnlicher Beklemmung arbeitet wie bereits Wolfgang Petersens „Das Boot" (1981) – ein Film, der trotz seiner pazifistischen Grundtendenz ebenfalls immer wieder rechtsextreme Rezeptionen erfuhr.
Die rechtsextreme Rezeption von „Der Tiger" stützt sich auf den stellenweisen fehlenden expliziten politischen Kontext, den sie als Anfang vom Ende des vermeintlichen „Schuldkults" deutet. In der Praxis dürfte der Film bei unbedarften Zuschauer:innen kaum zu größeren Sympathien für den Nationalsozialismus führen. Die Gefahr liegt vielmehr in der atmosphärischen Dichte und der ästhetisierten Darstellung von Soldatentum, die eine Faszination erzeugen kann, die von rechtsextremen Akteur:innen gezielt für ihre Zwecke instrumentalisiert wird.
Einzelne Anhänger:innen der extremen Rechten deuten den Film auch als angebliches Instrument, um die Deutschen „kriegsbereit" für eine mögliche militärische Auseinandersetzung mit Putins Russland zu machen. So imaginierte ein „Von rechts gelesen"-Hörer die Umsetzung des Films als Symptom der vom ehemaligen Bundeskanzler Olaf Scholz verkündeten „Zeitenwende."9 Das rechtsextreme Lager ist spätestens seit dem russischen Angriff auf die Ukraine gespalten: Während „Der Dritte Weg“ und andere neonazistische Kreise Putins Russland scharf kritisieren und dabei teilweise antisowjetische NS-Propaganda wiederbeleben, suchen Teile des Milieus gezielt die Nähe zum Kreml und idealisieren Russland als Bollwerk gegen „Wokeness und Globalismus“.
Als deutlich bedenklicher müssen die Pläne Tommy Frencks bewertet werden. Die Normalisierung vermeintlicher technischer Meisterleistungen des NS-Regimes in aller Öffentlichkeit – zumal als Kinderspielplatz – soll eine sichtbare, offen neonazistische Hegemonie herstellen. Sie ist Teil einer breiteren Strategie der extremen Rechten, historische Symbole des Nationalsozialismus in einen affirmativen Erinnerungskontext zu überführen. Hier zeigt sich exemplarisch, wie Geschichtsrevisionismus nicht nur auf der Ebene von Diskursverschiebungen und Zahlenmanipulationen operiert, sondern auch materiell-symbolisch im öffentlichen Raum wirksam werden soll.
[Autor: Jakob Schergaut, 05.02.2026]
[1] Jan Mohnhaupt: Tiere im Nationalsozialismus. München 2020, S. 120.
[2] Jan Mohnhaupt: Bundeswehr folgt NS-Praxis bei Panzernamen: Von Natur aus töten. In: Der Freitag (2023), H. 15.
[3] Zum Beispiel: Andreas Kilb: Hinter der Front führt jeder Weg in die Hölle. In: FAZ (2025).
[4] Alle weiteren Zitate nach: „Der Tiger“: Schuldkult war gestern. Von rechts gelesen, dort datiert 13.01.2026, URL: https://blog.jungeuropa.de/blog/2026/01/13/von-rechts-gelesen-sendung-179-der-tiger/ (27.01.2026).
[5] Für eine Einordnung des Historikerstreits siehe: Klause Große Kracht: Die zankende Zunft. Historische Kontroversen in Deutschland nach 1945. Göttingen 2005, S. 91–114.
[6] Peter Lauterbach: Ein Wehrmachts-Panzer als Kinderspielplatz. In Südthüringen, dort datiert 22.01.2026, URL: https://www.insuedthueringen.de/inhalt.tommy-frenck-ein-wehrmachts-panzer-als-spielplatz.0548fc41-9684-477f-be96-078abb08cb10.html (27.01.2026).
[7] U.a.: Daniela Rust: Warum wir keinen Panzer des Schreckens brauchen. In Südthüringen, dort datiert 23.01.2026, URL: https://www.insuedthueringen.de/inhalt.nazi-spielzeug-warum-wir-keinen-panzer-des-schreckens-brauchen.b03f620c-5afe-4b0f-810d-66ea06495e71.html (05.02.2026).
[8] „Für mich ist das einfach nur entsetzlich“. In Südthüringen, dort datiert 29.01.2026, URL: https://www.insuedthueringen.de/inhalt.tommy-frenck-fuer-mich-ist-das-einfach-nur-entsetzlich.fadc6db3-54e4-46e6-9446-5b21ac6c3c21.html (05.02.2026).
[9] Kommentar von Nutzer "Paul Panzer" auf: „Der Tiger“: Schuldkult war gestern.