Das Portal: Intransparent und kremlnah?
Das Interview wurde ins Englische übersetzt und auf eagleeyeexplore.com veröffentlicht. Das Portal verbreitet antiwestliche, teils verschwörungsideologische Narrative und ist in Serbien angesiedelt.1 Die Website scheint dem Kreml ideologisch nahezustehen und wird regelmäßig auf russischen Propaganda-Portalen wie "Pravda Serbia" und "Pravda Balkan" zitiert. Ein Impressum fehlt ebenso wie jegliche Transparenz über Finanzierung oder Eigentümerschaft – eine für russische Proxy-Medien typische Konstruktion. Eagle Eye Explore dürfte sich damit in ein Netzwerk von „alternativen Medien“ einreihen, die mutmaßlich den russischen Einfluss auf dem Balkan zu sichern suchen. Eine Entwicklung, welche die EU seit Jahren kritisch beobachtet.2 In jüngster Zeit führte das Portal vermehrt Interviews mit AfD-Politiker:innen, darunter Markus Frohnmaier, Beatrix von Storch sowie zuletzt dem Thüringer Fraktionsvorsitzenden Björn Höcke.
Populistische Inszenierung: Volkstribun und Gelehrter
Im Interview inszeniert sich Höcke in einer Doppelrolle als Stimme des Volkes und als Intellektueller, der mit politischer Theorie argumentiert. Im Zentrum stehen typisch populistische Narrative vom „Volkswillen“ und der „korrupten Elite“, die dessen Vollzug verhindern würde. Die MAGA-Bewegung lobt Höcke explizit als Vorbild: "MAGA braucht ein MEGA-Pendant in Europa!"3 Für Deutschland prognostiziert er Untergangsszenarien von Krieg, Wohlstandsverlust und dem Übergang von einer angeblichen „Ochlokratie“ hin zu einem „totalitären Monster“. Den Begriff der Ochlokratie entleiht er dabei der politischen Theorie des antiken Denkers Polybios (ca. 200–120 v. Chr.). Polybios entwickelte in seinem Geschichtswerk eine Theorie von einem scheinbar natürlichen Verfassungskreislauf (ἀνακύκλωσις). Dabei unterschied er drei legitime Herrschaftsformen und stellte ihnen ihre negativen Gegenstücke gegenüber:4
- Monarchie (anerkannte Herrschaft eines gerechten Königs) → Tyrannis (brutale Willkürherrschaft)
- Aristokratie (Herrschaft eines ausgewählten Kreises gerechter und weiser Männer) → Oligarchie (Selbstbereicherung der Regierenden)
- Demokratie (Volksherrschaft mit Mehrheitsentscheiden nach Recht und Gesetz) → Ochlokratie (Massenherrschaft mit anarchischen Zuständen)
In der Darstellung von Polybios verfällt die Demokratie zur Ochlokratie durch „Übermut und Zügellosigkeit des Volkes“.5 Höcke behauptet im Interview, die liberale Demokratie in Deutschland befinde sich im Übergang zur Ochlokratie, ja stünde an der Schwelle zum Totalitarismus. Als Belege nennt er u.a. den "Verfall der herrschenden Eliten", den Ausschluss der AfD von parlamentarischen Funktionen und eine angebliche "politische Verfolgung der Opposition".
Widersprüchliche Argumentation
Höckes eigene Beschreibung widerspricht jedoch der klassischen Polybios'schen Definition: So beschreibt er "Machtkartell[e]," „Altparteien“ und ein "links-liberale[s] Establishment", das Deutschland bzw. Europa beherrsche – er behauptet also oligarchische, nicht ochlokratische Strukturen. Die Ochlokratie bei Polybios beschreibt gerade keine elitäre Clique, sondern das Gegenteil: die Herrschaft der kurzsichtigen, eigennützigen Masse. Ähnlich windschief erscheint Höckes Verweis auf das Konzept der "Postdemokratie". Diese politische Theorie wird heute vor allem mit dem Politikwissenschaftler Colin Crouch verbunden. Crouch beschrieb die Demokratiegeschichte als Parabel: Die Staatsform überschreitet irgendwann ihren Höhepunkt und wird zur leeren Hülle. Die Wahlbeteiligung sinkt, sozioökonomisch Schwache werden weniger gehört, Parteien agieren mit manipulativen Techniken zum Stimmenfang – die Demokratie verliert an Legitimität.6 Einige Thesen Crouchs, insbesondere die mangelnde politische Repräsentation, dürften für Höcke attraktiv klingen. Dabei ignoriert er den fachlichen Diskurs völlig: Kritiker warfen Crouch u. a. Normativismus vor, bemängelten das Ausblenden anderer Partizipationsformen und stellten die Analysefähigkeit des Konzepts infrage.7 Diese Kritik dürfte Höcke gleichgültig sein: Er instrumentalisiert sowohl Polybios als auch Crouch, um ein scheinbar unausweichliches Niedergangsnarrativ zu zeichnen, das vorgeblich nur die AfD abwenden kann.
Ostidentität als politisches Instrument
Neben seinen politikwissenschaftlichen Exkursen versucht sich Höcke erneut an ostdeutscher Identitätspolitik. Der Osten sei noch "deutscher" und "widerstandsfähiger" als die alten Bundesländer. Die "Entnationalisierung im Zuge der ‚Umerziehung' nach 1945 [...] sei bei den Kommunisten im Osten oberflächlicher" gewesen. Aufgrund ihrer "Diktaturerfahrung" seien die Ostdeutschen auch sensibler gegenüber den „subversiven Aktionen des Inlandsgeheimdienstes“ (er meint den Verfassungsschutz) und würden Vergleiche zur Staatssicherheit der DDR ziehen. Diese Gleichsetzungen werden vor allem von der Thüringer AfD selbst verbreitet, die sich an ihrer Einschätzung durch das Thüringer Landesamts für Verfassungsschutz als „rechtsextrem“ stört.8 Höcke legt den Bürger:innen also seine eigene Propaganda in den Mund. Die Thüringer AfD verfolgt seit Jahren eine doppelte Strategie aus DDR-Nostalgie und dem Bespielen vermeintlich ostdeutscher Identitätsmarker auf der einen sowie der Gleichsetzung demokratischer Institutionen mit Organen der SED-Diktatur auf der anderen Seite. Damit erreicht sie DDR-Nostalgiker:innen als auch Wähler:innen, die sich in Opposition zu den bestehenden Verhältnissen sehen.9
Verschwörungsnarrative und antisemitische Chiffren
Eine weitere Feindmarkierung bietet Höcke in Form von NGOs an. Dabei vermischt er Kritik an Nichtregierungsorganisationen mit einer angeblich mangelnden Souveränität Deutschlands. In- und außerhalb der rechtsextremen Szene herrscht bis heute die Vorstellung, dass die Bundesrepublik kein souveräner Staat sei und die eigentlichen Machthaber wahlweise die Alliierten oder geheime Eliten wären. Diese Ideologie wird von Höcke durch Begriffe wie "externe Kontrolle" und "ausländische Mächte" bedient. Besonders deutlich wird dies an der Verwendung der Kraken-Metapher. Im Interview spricht er vom "
Damit bedient er eines der verbreitetsten antisemitischen Symbole des 20. Jahrhunderts. Die Krake als Bild für imperiale Machtansprüche existiert seit dem späten 19. Jahrhundert. Ab den 1920er Jahren nutzten insbesondere die Nationalsozialisten die Krake systematisch als Chiffre für eine angebliche jüdische Weltverschwörung. In Karikaturen wurde das "Weltjudentum" als Krake dargestellt, die mit ihren Tentakeln die ganze Welt umklammert, Profite abgreift und Nationen in den Krieg treibt. Diese antisemitische Bildsprache verschwand nach 1945 nicht, sondern findet sich bis heute – manchmal auch unbeabsichtigt – u.a. in globalisierungskritischen Diskursen. Ein prominentes Beispiel: 2014 veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung eine Karikatur, die Facebook als Krake darstellte, wobei der Kopf des Tieres von Mark Zuckerberg mit überzeichneter Nase gebildet wurde – eine Darstellung, die an tradierte antisemitische Propaganda erinnerte und zu heftiger Kritik führte.10 Höcke, der als Geschichtslehrer tätig war, dürfte die historische Konnotation dieser Metapher durchaus bekannt sein. Auch seine dokumentierten antisemitischen Äußerungen in der Vergangenheit legen den Schluss nahe, dass er dieses Bild bewusst gewählt hat.
Einordnung
Höckes Interview mit Eagle Eye Explore ist mehr als eine weitere Provokation. Die bewusste Wahl eines obskuren, mutmaßlich kremlnahen Portals markiert eine Abkehr von etablierten deutschen Medien und signalisiert den Versuch, sich international mit antidemokratischen Akteuren zu vernetzen. Besonders problematisch ist die Kontinuität antisemitischer Chiffren in seiner Rhetorik. Die erneute Verwendung der Kraken-Metapher zeigt, dass Höcke trotz jahrelanger Kritik und juristischer Auseinandersetzungen an seiner ideologischen Linie festhält. Seine Botschaften sind bewusst codiert: Sie richten sich an ein Publikum, das diese Signale versteht, während Verweise auf Polybios oder Crouch eine intellektuelle Fassade erzeugen sollen. Die teils antisemitisch aufgeladene Diffamierung demokratischer NGOs – etwa der George-Soros-Stiftung – fügt sich in einen europaweit verbreiteten Diskurs ein. Liberale Demokratie wird dabei als dekadent delegitimiert, während illiberale (Ungarn) oder autoritäre Regime (Russland) als vermeintliche Hüter von Nation und Tradition idealisiert werden. NGOs erscheinen in diesem Narrativ als „globalistische Agenten“, die eine angeblich natürliche Ordnung bedrohten.
Diese ideologische Positionierung ist auch vor dem Hintergrund der anstehenden Landtagswahlen zu sehen. Die Instrumentalisierung ostdeutscher Identität, die Gleichsetzung demokratischer Institutionen mit Totalitarismus und die Beschwörung von Untergangsszenarien könnten, wie 2024 in Thüringen, zentrale Elemente der Wahlkämpfe in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern werden. Kurz nach dem Interview nahm Höcke am sogenannten „Ostgipfel“ in Schwerin teil, bei dem die ostdeutschen AfD-Landesverbände eine Erklärung zur angeblichen „Wiederbelebung der Demokratie“ verabschiedeten.11 Diese knüpft an bekannte Untergangsnarrative an und formuliert zugleich den Anspruch, nach den Wahlen allein regieren zu wollen – ein Szenario, in dem die verbalen Angriffe auf Demokratie und Zivilgesellschaft reale politische Konsequenzen annehmen könnten.
[Autor: Jakob Schergaut, veröffentlicht am 22.01.2026]
[1] In den Terms of Law ist das serbische Recht als geltend angegeben. Der Facebook-Account ist zudem auf eine serbische Nummer registriert.
[2] Samuel Greene/Grewgory Asmolov/u.a.: Mapping Fake News and Disinformation in the Western Balkans and Identifying Ways to Effectively Counter Them. European Union, Brüssel dort datiert 23.02.2021, URL: https://www.europarl.europa.eu/RegData/etudes/STUD/2020/653621/EXPO_STU(2020)653621_EN.pdf.
[3] Alle weiteren weiteren Zitate nach: Björn Höcke: EagleEyeExplore. X.com, dort datiert 20.01.2026, URL: https://x.com/BjoernHoecke/status/2013670173241201136 (21.01.2026).
[4] Polybios: Geschichte, Bd. 1. Zürich und Stuttgart 1961, S. 526–527.
[5] Ebd., S. 528.
[6] Collin Crouch: Postdemokratie, 15. Aufl. Berlin 2025, S. 11.
[7] Eike Henning: Totgesagte leben lange. Zum Aussagewert postdemokratischer Theorien. In: Vorgänge 49, H. 2, S. 26–34, Frankfurt am Main, hier S. 34.
[8] Thüringer Landesamt für Verfassungsschutz: Verfassungsschutzbericht 2021. Verfassungsschutz Thüringen, dort datiert 09.05.2022, S. 18, URL: https://verfassungsschutz.thueringen.de/fileadmin/Verfassungsschutz/VSB_2021.pdf (27.01.2025).
[9] Jakob Schergaut/Johannes Streitberger: Geschichtspolitik der AfD im Wahlkampf. In: Ezra u.a. (Hrsg.): Thüringer Zustände 2025.
[10] Redaktion: Antisemitismus-Vorwurf gegen „Süddeutsche Zeitung“. Spiegel, dort datiert 25.02.2014, URL: https://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/mark-zuckerberg-wiesenthal-center-kritisiert-sueddeutsche-fuer-antisemitische-karikatur-a-955613.html.
[11] Björn Höcke: Für eine Wiederbelebung der Demokratie in Deutschland! X.com, dort datiert 19.01.2026, URL: https://x.com/BjoernHoecke/status/2013250771605680396 (22.01.2026).