Das Konzentrationslager auf dem Ettersberg
Am 15. Juli 1937 trafen die ersten 149 Häftlinge aus dem KZ Sachsenhausen ein, um das neu gegründete „K.L. Ettersberg" zu errichten. Die Weimarer NS-Kulturgemeinde erhob Einspruch gegen den Namen wegen seiner Verbindung zu Goethe;1 am 28. Juli 1937 erfolgte die Umbenennung in „K.L. Buchenwald, Post Weimar."2 Zu den ersten Häftlingen gehörten politische Gegner des Regimes, Vorbestrafte, Zeugen Jehovas und Homosexuelle; bereits zum Jahresende sind es über 2.500. Im Zuge der Aktion „Arbeitsscheu Reich“ wurden im Frühjahr 1938 rund 4.000 sogenannte „Arbeitsscheue" eingeliefert, Mitte Juni die ersten 1.000 jüdischen Häftlinge; nach dem Pogrom vom 9./10. November 1938 kamen weitere 9.845 hinzu. Mit der Ausweitung des NS-Machtbereichs wuchs auch die Häftlingsgesellschaft: Rom:nja aus dem Burgenland, Wiener Juden und Jüdinnen, Pol:innen, Tschech:innen und nach dem Überfall auf die Sowjetunion 1941 sowjetische Kriegsgefangene. Die SS baute die Lagerinfrastruktur fortlaufend aus: Das 1940 errichtete Krematorium wurde 1942 erweitert. Ab 1943 richteten die Fritz-Sauckel-Werke eine Rüstungsfertigungshalle (Gustloff II) neben dem Lager ein; Häftlinge legten in Schwerstarbeit eine Eisenbahnstrecke an. Im selben Jahr begann der massive Ausbau von Außenlagern – bis zur Befreiung im April 1945 sollten es 141 im gesamten Reichsgebiet werden. Insgesamt waren in Buchenwald und seinen Außenlagern 277.800 Menschen aus 50 Ländern interniert; 56.000 starben durch Unterversorgung, Krankheiten, Gewalt, gezielte Morde oder auf Transporten und Todesmärschen.
©Gedenkstätte Buchenwald
Nachträgliche Legitimierung der Haft
Vom Regime als „Berufsverbrecher" oder „Asoziale" verfolgte werden von Revisionist:innen als „zu Recht“ inhaftiert dargestellt. Diskurse über vermeintliche „Berufsverbrecher“ reichen bis ins Kaiserreich zurück und vermischten sich in der Weimarer Republik mit eugenischen Vorstellungen.3 Nach der Machtübertragung 1933 begann die Kriminalpolizei mehrfach Vorbestrafte unter dem Vorwand der „vorbeugenden Verbrechensbekämpfung“ ohne rechtsstaatlichen Prozess zu inhaftieren. Daneben etablierte das NS-Regime gerichtliche Maßnahmen gegen vermeintliche „Gewohnheitsverbrecher", die von Kastrationen bis zur unbefristeten Verwahrung reichten.4 Die Verfolgten galten als „Unverbesserliche", die aus dem „Volkskörper" auszusondern seien.
Auch vermeintlich „Asoziale" wurden systematisch verfolgt: Als solche galten alle, die von der idealisierten Norm der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft" abwichen – kleinste Vergehen wie Beleidigung oder Trunksucht, aber auch die bloße Denunziation durch einen Arbeitskollegen konnten zur Inhaftierung führen.5 Die deutsche Nachkriegsgesellschaft verdrängte das Leid beider Gruppen lange: Erst 2020 erkannte der Bundestag sie offiziell als Opfergruppe an – unter Enthaltung der AfD-Fraktion.6
Die Versorgungslage
Geschichtsrevisionist:innen beschönigen die Versorgungslage durch selektive Verweise auf den
Der Verweis auf die theoretischen Rationen verkennt zudem die realen Lagerbedingungen wie Kälte, Zwangsarbeit (oft 11 Stunden täglich), soziale bzw. rassistische Hierarchien, Krankheiten, stundenlange Appelle und die systematische Unterschlagung von Lebensmitteln durch die Lagerverwaltung.10 In einem Sonderlager ließ die SS nach Kriegsbeginn gezielt mehrere hundert Juden und Jüdinnen aus Wien und Polen sowie verschleppte Pol:innen verhungern, bis es im Februar 1940 aufgelöst wurde. Insbesondere nach Verhaftungswellen war das Lager derart überbelegt, dass die Rationen in den Notunterkünften halbiert wurden.11 Versorgungspakete durch Angehörige waren verboten. Bei einer Gewichtskontrolle im März 1944 waren von 21.500 Häftlingen im Lager 18.990 untergewichtig.12 Nicht mehr arbeitsfähige Häftlinge galten als „unnütze Esser" und wurden in Buchenwald regelmäßig durch tödliche Injektionen – im Lagerjargon „Abspritzen" – ermordet.
Der Massenmord an sowjetischen Kriegsgefangenen
In der rassistischen Logik des NS-Regimes galten Slaw:innen als „Untermenschen". Nach dem Überfall auf die Sowjetunion ließ die Wehrmacht hunderttausende sowjetische Kriegsgefangene in Lagern hinter der Front verhungern. Einsatzgruppen ermordeten systematisch vermeintliche politische Kommissare, jüdische Rotarmisten sowie Staatsfunktionäre. Die Gestapo setzte diese „Selektion“ fort. Allein in Buchenwald ermordete das „SS-Sonderkommando 99“ rund 8.000 sowjetische Kriegsgefangene. Geschichtsrevisionist:innen leugnen diese Verbrechen bis heute – als angebliche Begründung führen sie mangelnde Zeit zur Reinigung der Mordstätte oder einen drohenden Hörsturz des Schützen an.
Ab September 1941 nutzte die SS den Schießplatz der Deutschen Ausrüstungswerke neben dem Lager, später einen umgebauten Pferdestall.13 Dort mussten sich die Kriegsgefangenen ausziehen und unter dem Vorwand einer medizinischen Untersuchung an eine Messlatte stellen. Dahinter befand sich ein kleiner Raum, aus dem heraus ein Schütze durch einen Spalt in der Wand einen tödlichen Genickschuss abgab. Um den Mord zu verschleiern, wurde laute Marschmusik gespielt. Das Blut der Erschossenen wurde mit einem Schlauch weggespült. Die Toten tauchten in der Lagerstatistik nicht auf. Angehörige der Gestapo berichteten vor NSDAP-Funktionären in Weimar 1942 vom angeordneten Umgang mit sowjetischen Kriegsgefangenen:
”Es besteht somit keinerlei Veranlassung, den Russen gegenüber sentimentale oder sonstige Gefühle walten zu lassen. […] Die Exekution darf nicht im [Kriegsgefangenen]Lager und auch nicht in dessen unmittelbarer Nähe durchgeführt werden, ferner darf sie nicht öffentlich sein und es dürfen grundsätzlich keinerlei Zuschauer zugelassen werden. Nach den vom Inspekteur in Dresden getroffenen Anordnungen werden die als unzuverlässig ermittelten Sowjetrussen auf dem schnellsten Wege einem KL. zugeführt, wo dann die Exekution erfolgt.“14
Lagerkommandant Koch und der Mythos der „ehrbaren SS“
Karl Otto Koch war von Juli 1937 bis Dezember 1941 Kommandant des KZ Buchenwald. Um seinen ausschweifenden Lebensstil zu finanzieren, bereicherte er sich am Eigentum der Häftlinge und unterschlug für das Lager vorgesehene Mittel.15 Zunächst wurde er von SS-Führer Heinrich Himmler geschützt, der ihn später jedoch fallen ließ. Am 19. Dezember 1944 wurde Koch vom SS- und Polizeigericht Kassel u.a. für drei Morde an Häftlingen und Unterschlagung zum Tode verurteilt. Am 5. April 1945 wurde er in Buchenwald erschossen. Revisionist:innen deuten dieses Urteil als Beweis dafür, dass willkürliche Morde im Lager geahndet wurden – um damit die Verbrechen insgesamt in Zweifel zu ziehen.
Tatsächlich waren Mord und Raub keine Exzesshandlungen eines einzelnen korrupten Kommandanten, sondern wurden innerhalb der SS strukturell begünstigt. Im Steinbruch wurden Häftlinge regelmäßig durch die Postenkette getrieben und „auf der Flucht“ erschossen.16 Im Zuge der Mordaktion „14f13" wurden Menschen mit Behinderungen sowie Jüdinnen und Juden aus Buchenwald in die Tötungsanstalten Bernburg und Sonnenstein (Pirna) verschleppt und ermordet; spätere Transporte jüdischer Häftlinge nach Auschwitz-Monowitz überlebten die wenigsten. Selbst das Zahngold verstorbener Häftlinge wurde systematisch abgeführt: allein im April 1944 504 Gramm.17
Die Rolle der Kapos
Geschichtsrevisionist:innen stellen Kapos und Vorarbeiter als die eigentlichen Verursacher der Gewalt in Buchenwald dar – gestützt auf Berichte aus dem Buchenwald-Report18 sowie auf Schilderungen des ehemaligen Häftlings und späteren Holocaust-Leugners Paul Rassinier.19 Wie in allen KZs setzte die SS auch in Buchenwald Funktionshäftlinge ein. Sie arbeiteten u.a. in den Schreibstuben, im Lagerschutz oder dem Häftlingskrankenbau. Lagerälteste, Blockälteste und sogenannte Kapos hatte umfangreiche Befugnisse wie z.B. Straf- und Weisungserlaubnis. In Buchenwald dominierten anfangs die „Berufsverbrecher", bevor die „Politischen“ im sogenannten „Häftlingskrieg“ 1942/1943 durch Intrigen bis hin zu gezielten Tötungen die Schlüsselposten übernahmen. In der Folge konnten sie die eigenen Leute schützen, Gegner:innen aber auch gezielt benachteiligen oder sogar „beseitigen“, in dem sie diese z.B. auf Transportlisten setzten.20
Die Darstellung der Kapos und Vorarbeiter aber als die eigentlichen Täter verkennt das von der SS aufgebaute System, das Gewalt an Häftlinge auslagerte und diese gegeneinander ausspielte. Trotz dessen ging auch von der SS selbst ständig unmittelbare Gewalt aus: sogenanntes „Baumhängen“, Prügelstrafen auf dem „Bock“, stundenlange Appelle und Folter im „Bunker" gehörten zum Alltag.21
Krude Geschenkartikel
Die Herstellung grausamer „Geschenkartikel“ wird als Legende abgetan. Zwar erwies sich ein 1985 aufgetauchter Schrumpfkopf als unecht,22 doch andere Objekte – wie etwa Lampenschirme aus Menschenhaut – sind reale Schrecken, wie ein Gutachten von 2023 bestätigt.23 Einer der Lagerärzte, Dr. Hans Müller, begann ab 1941 mit dem gezielten Ablösen, Gerben und Verarbeiten tätowierter Menschenhaut.24 Einige der menschlichen Überreste befinden sich heute als Beweise für die NS-Verbrechen in der Sammlung der Gedenkstätte, werden aus ethischen Gründen jedoch nicht gezeigt.
Menschenversuche und Pseudomedizin
Die medizinischen Versuche – etwa zur Entwicklung verschiedener Impfstoffe – werden als Zeichen der angeblichen Fortschrittlichkeit des NS-Staates verdreht. Seit 1939 gab es Kontakte zwischen den zur IG Farben gehörenden Behring-Werken und dem KZ Buchenwald, die ab der Jahreswende 1941/1942 zu einer festen Kooperation führten. Im Januar 1942 richtete die SS in den Baracken 44 und 49 Stationen für Menschenversuche ein. Kurze Zeit später wurden die Versuche in die Baracke 46 verlegt. Seit 1943 befand sich die „Abteilung für Fleckfieber- und Virusforschung“ des Hygiene-Instituts der Waffen-SS inklusive Gästelabor für Ärzte der Wehrmacht und des Robert-Koch-Instituts in Buchenwald. Der Tod der Versuchsperson wurde billigend in Kauf genommen. So starben etwa bei einer Fleckfieberversuchsreihe mit zwei unterschiedlichen Präparaten 21 von 39 Häftlingen. Bis 1944 gab es mindestens 35 solcher Versuchsreihen.25 Die Versuche erbrachten keinen verwertbaren wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn.
Daneben missbrauchten SS-Ärzte Häftlinge auch für sinnlose chirurgische Eingriffe oder sadistische Experimente. So pflanzte ein SS-Arzt 1944 männlichen Häftlingen synthetische Hormone in die Leistengegend, um ihre Homosexualität zu „heilen". Mindestens zwei der 15 Versuchspersonen überlebten dieses menschenverachtende Experiment nicht.26
Das Leben im Lager
In der extremen Rechten kursieren seit Jahren Darstellungen, die Halbwahrheiten, aus dem Kontext gerissene Fakten und Falschbehauptungen kombinieren, um das Lagerleben zu beschönigen. In einer Ausgabe der rechtsextremen „Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung" behauptet eine Autorin, jeder Häftling in Buchenwald habe „10 Mark pro Woche für den Kauf von Zigaretten in der Lagerkantine, andere Einkäufe, Bordellbesuche oder Sparguthaben" erhalten.27
Das sogenannte Lagergeld wurde von der SS selbst gedruckt und ausgegeben – nicht als reguläre Entlohnung, sondern als Instrument zur Leistungssteigerung für einige wenige. Die 1941 eröffnete Kantine verkaufte zu überhöhten Preisen minderwertige Waren oder solche, die die Häftlinge zuvor selbst produziert hatten – ein Mechanismus, mit dem die SS Geldbeträge abschöpfte, die sich einzelne Häftlinge von Angehörigen überweisen lassen durften.28 Das Bordell war ein Mittel zur Leistungssteigerung, in dem Frauen aus dem KZ Ravensbrück zur Prostitution gezwungenen wurden.29 In der 1938 eingerichteten Häftlingsbücherei konnten Inhaber einer Lesekarte in den wenigen freien Stunden lesen. Das Kino entstand 1941, wobei die SS am Eintrittsgeld verdiente. Später wurden dort Prügelstrafen durchgeführt. An sportlichen Aktivitäten wie Fußball konnten nur diejenigen teilnehmen, die noch nicht vollständig entkräftet waren. Kantine, Bordell und Kino bezeugen nicht vermeintlich komfortable Haftbedingungen, sondern die ausbeuterischen Kontrollmechanismen der SS – deren primäres Mittel die Gewalt blieb.
Das Wissen der Weimarer Bevölkerung
Bis heute hält sich der Mythos, die Weimarer Bevölkerung habe nichts von Buchenwald gewusst. Weimar war eine Hochburg der nationalsozialistischen Bewegung und Zentrum des „Trutzgaus Thüringen“. Zwischen Stadt und Lager entwickelten sich enge Beziehungen administrativer, wirtschaftlicher und kultureller Art: So trat das Deutsche Nationaltheater mehrmals vor der SS in Buchenwald auf.30 Die Verflechtung war alltäglich und sichtbar: Ab 1937 legten Häftlinge die Straße nach Weimar an, die später als „Blutstraße" bekannt wurde. Bis das Lager 1940 ein eigenes Krematorium erhielt, wurden rund 2.000 Leichen im städtischen Krematorium verbrannt. Da die ab 1943 gebaute Bahnstrecke erst 1944 für den Personentransport freigegeben wurde, kamen Häftlinge bis dahin am Weimarer Haupt- bzw. Güterbahnhof an und marschierten von dort nach Buchenwald. Sie arbeiteten in Außenkommandos neben Zivilpersonen, räumten nach der Bombardierung im Februar 1945 Trümmer und fertigten Nachbauten der Originalmöbel Friedrich Schillers an.31 Seit März 1945 trieb die SS Häftlinge aus den Außenlagern nach Buchenwald zurück. Ab dem 7. April veranlasste sie Evakuierungsmärsche von circa 28.000 Häftlingen aus dem Stammlager in Richtung Theresienstadt, Flossenbürg und Dachau. Nach der Befreiung ordnen die US-Amerikaner am 19. April die Besichtigung des Lagers durch über 1.000 Weimarer Bürger:innen an, um sie mit den Verbrechen zu konfrontieren.
Warnung: Das Video enthält explizite Aufnahmen aus dem Konzentrationslager Buchenwald unmittelbar nach der Befreiung. Es zeigt Leichen, ausgemergelte Häftlinge und dokumentiert die Gewaltverbrechen der SS. Die Bilder können verstörend wirken. Bitte mit Vorsicht ansehen.
Häftlingsentlassungen
Einzelne Entlassungen werden zur Verharmlosung genutzt. Eine Propagandaaktion entfiel auf den 50. Geburtstag Adolf Hitlers: 2.300 sogenannte „Asoziale“ durften das Lager verlassen. Die Entlassenen mussten ein Schweigeabkommen unterzeichnen und sich regelmäßig bei der lokalen Polizei melden. Von den bis Ende Juni 1941 eingelieferten 17.000 Juden und Jüdinnen kamen noch 11.600 wieder frei, sofern sie sie ein Ausreisevisum hatten. Zuvor waren bereits mehrere hundert unter den katastrophalen Bedingungen im Lager verstorben.32 Die Verhaftungen sollten Juden und Jüdinnen zur Aufgabe ihres Besitzes und zur Ausreise zwingen. Die antisemitische Politik des NS-Regimes radikalisierte sich schrittweise: von der Ausgrenzung über die gezielte Vertreibung bis hin zu ersten Massenerschießungen und schließlich der geplanten Vernichtung im industriellen Maßstab.
Beweise für die Verbrechen
Unmittelbar nach der Befreiung dokumentierten US-Streitkräfte die Verbrechen in Buchenwald auf Film. Darin sind völlig ausgemergelte Leichname am Krematorium zu sehen. Revisionist:innen behaupten, es handle sich dabei um deutsche Kriegsgefangene aus den Rheinwiesenlagern. Tatsächlich stapelten sich am Krematorium die Leichen, weil seit Februar 1945 kein Brennstoff mehr geliefert wurde, woraufhin Himmler auch provisorische „Notbeerdigungen“ am Südhang autorisierte.33 Als angebliche „Beweise" für eine Inszenierung der Filmaufnahmen dienen den Leugner:innen auch Details wie „zu gut genährte" Häftlinge oder fehlende Häftlingskleidung. Tatsächlich trugen auch während der aktiven Lagerzeit nicht alle Insassen die gestreifte Häftlingskleidung: Sowjetische Kriegsgefangene behielten in der Regel ihre Uniformen an. Teilweise wurden Häftlinge auch mit Kleidungsstücken von in Auschwitz ermordeten ausgestattet.34 Die Lagerinspektion genehmigte ab September 1941 erstmals Privatpakete mit warmer Kleidung für den Winter.35 Nach der Befreiung erhielten Häftlinge eine Erstversorgung, u.a. auch mit Kleidung und Decken. Der Film selbst wird von neonazistischen Kreisen als „deutschenfeindliche Propaganda“ abgewertet – mit Verweis auf die jüdische Herkunft des Co-Regisseurs Billy Wilder.
Der Mythos der Selbstbefreiung
Die US-Armee rückte am 11. April nach Buchenwald vor. Gegen 14:00 Uhr kam es zu Gefechten zwischen der SS und den US-amerikanischen Streitkräften, welche den SS-Bereich ab 14:30 Uhr überrollten. Die meisten Wachen hatten zu diesem Zeitpunkt ihre Posten bereits geräumt, gegen die Verbliebenen gingen organisierte Widerstandsgruppen ab 14:45 Uhr vor und besetzten das Torgebäude.36 Das internationale Lagerkommitee, 1943 gegründet, hatte sich auf eine mögliche Auseinandersetzung mit der SS vorbereitet und gestohlene oder improvisierte Waffen bei Seite geschafft. Sie setzten noch 76 Gefangene fest, bevor kurze Zeit später die ersten Alliierten das Lager betraten. Ohne das Vorrücken der US-Streitkräfte wäre die Befreiung jedoch nicht möglich gewesen.
In der DDR verbreitete die SED trotzdem den Mythos der Selbstbefreiung: Der kommunistische Widerstand sollte als heroischer Sieger über den Faschismus inszeniert werden und die fehlende demokratische Legitimation der Führung kompensieren. Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang auch die Modifikation des sogenannten Schwurs von Buchenwald. Am 19. April verlasen befreite Häftlinge bei einer Totenfeier auf dem Appellplatz ein Gelöbnis, in dem sie die „endgültige Vernichtung des Nazismus" schworen. Diese Formulierung wurde wenige Tage später von kommunistischen Häftlingen ergänzt: „Die endgültige Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln." Die Änderung deutet nicht nur eine spezifische Faschismustheorie an – die Interpretation des Faschismus als radikalste Zuspitzung kapitalistischer Verhältnisse (Dimitroff-Formel) –, sondern bezeugt auch den Herrschaftsanspruch der Kommunist:innen.
Das Sowjetische Speziallager Nummer 2
Nach der Übergabe Buchenwalds an die sowjetischen Behörden im Juli 1945 errichteten diese das „Speziallager Nummer 2", das bis 1950 bestand. Geschichtsrevisionist:innen rechnen die Sterblichkeit im sowjetischen Lager – die 1947 mit etwa 24 % ihren Höhepunkt erreichte – gegen die NS-Verbrechen auf, um diese zu relativieren. Die insgesamt über 7.000 Toten sind in erster Linie auf die mangelhafte Versorgungslage der Nachkriegszeit zurückzuführen, nicht auf gezielte Unterversorgung oder Massenmord.37 Eine Gleichsetzung beider Lager verwischt grundlegende Unterschiede. In Buchenwald wurden Menschen aufgrund rassistischer, politischer oder sozialer Kriterien verfolgt: Jüdinnen und Juden, Sinti:zze und Rom:nja, politische Gegner:innen, Homosexuelle, als „asozial" oder „kriminell" Stigmatisierte. Ausbeutung, systematische Gewalt und Massenmord gehörten untrennbar zum System. Das Speziallager hingegen diente der Internierung tatsächlicher oder vermeintlicher NS-Belasteter – Parteifunktionäre, SS- oder Gestapo-Angehörige – sowie politisch Missliebiger, häufig ohne rechtsstaatliches Verfahren, weshalb auch viele Unschuldige inhaftiert wurden.38 Die Geschichte des Sowjetischen Speziallagers Nr. 2 wurde in der DDR beschwiegen – heute widmet die Gedenkstätte dem Lager eine eigene Ausstellung.
Buchenwald heute
Buchenwald ist bis heute Gegenstand geschichtsrevisionistischer Angriffe. Täter-Opfer-Verhältnisse werden umgekehrt, Quellen aus dem Kontext gerissen und NS-Propaganda wiederbelebt, um die Verbrechen zu relativieren. Mythen über Versorgung, Opferzahlen oder angeblich komfortable Bedingungen sollen das Lager verharmlosen, während Beweise als angebliche Propaganda zur Unterdrückung Deutschlands diffamiert werden. Die Gedenkstätte Buchenwald leistet mit ihrer Aufarbeitung und Vermittlung einen wichtigen Beitrag zur Auseinandersetzung mit der Geschichte und Nachgeschichte des Lagers – auch gegen aktuelle Versuche der Verzerrung und Vereinnahmung.
[Autor: Jakob Schergaut]
[1] Am Nordrand des Ettersbergs liegt Schloss Ettersburg, das Ende des 18. Jahrhunderts als Sommersitz der Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar-Eisenach diente und als Treffpunkt für Schriftsteller und Künstler der Weimarer Klassik – darunter Goethe, Schiller und Wieland – bekannt war.
[2] Harry Stein: Konzentrationslager Buchenwald 1937-1945. Begleitband zur historischen Ausstellung, hg. von. Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora. Göttingen 1999, S. 29.
[3] Dagmar Lieske: »Vorbeugende Verbrechensbekämpfung«. Die Konstruktion des »Berufsverbrechers« und die kriminalpolizeiliche Praxis. V& R E-Library, dort datiert 2024, S. 146–147, URL: https://doi.org/10.7767/9783205218494.143 (04.04.2026).
[4] Ebd., S. 150.
[5] Johannes Tuchel: Nationalsozialistische Herrschaftssicherung und Verfolgungspraxis 1933 bis 1937. In: Volkhard Knigge u.a.: Buchenwald: Ausgrenzung und Gewalt 1937-1945, Göttingen 2016, hier S. 244–246.
[6] Deutscher Bundestag: „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“ sollen als NS-Opfer anerkannt werden. bundestag.de, dort datiert 13.02.2020, URL: https://www.bundestag.de/webarchiv/textarchiv/2020/kw07-de-ns-verfolgte-680750 (09.04.2025).
[7] Arolson Archives, DocID: 6510594 (ERICH LOCH), https://collections.arolsen-archives.org/de/document/6510594, aufgerufen am 07.04.2026
[8] David A. Hackett: Der Buchenwald-Report. München 1996, S. 181.
[9] Vgl. dazu: Christoph Buchheim: Der Mythos vom „Wohlleben“. Der Lebensstandard der deutschen Zivilbevölkerung im Zweiten Weltkrieg. In: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte (2010), H. 3, S. 299–328, hier S. 307.
[10] Stein: Konzentrationslager Buchenwald 1937-1945. Begleitband zur historischen Ausstellung, S. 55.
[11] Ebd., S. 88.
[12] Harry Stein: Funktionswandel des Konzentrationslagers Buchenwald im Spiegel der Lagerstatistik. In: Ulrich Herbert/Karin Orth/Christoph Dieckmann (Hrsg.): Die nationalsozialistischen Konzentrationslager. Entwicklung und Struktur, Göttingen 1998 ( 1), hier S. 183.
[13] Alle folgenden Ausführungen nach: Stein: Konzentrationslager Buchenwald 1937-1945. Begleitband zur historischen Ausstellung, S. 121–123.
[14] Zitiert nach: Volkhard Knigge/Michael Löffelsender/u.a. (Hrsg.): Buchenwald: Ausgrenzung und Gewalt 1937-1945. Göttingen 2016, S. 66.
[15] Stein: Konzentrationslager Buchenwald 1937-1945. Begleitband zur historischen Ausstellung, S. 40.
[16] Ebd., S. 46.
[17] Ebd., S. 56.
[18] David A. Hackett (Hrsg.): Der Buchenwald-Report. München 2011, S. 222.
[19] Paul Rassinier: Die Lüge des Odysseus. Wiesbaden 1959.
[20] Jens-Christian Wagner/Martin Clemens Winter: „… das Leben von Verrätern und Verbrechern zu opfern.“ Selbstjustiz und Fememorde in den Konzentrationslagern. In: Reflexionen H. 2026.
[21] Ausführlich dazu: Stein: Konzentrationslager Buchenwald 1937-1945. Begleitband zur historischen Ausstellung, S. 104–111.
[22] Falsifikat: „Schrumpfkopf“. buchenwald.de, URL: https://www.buchenwald.de/geschichte/themen/dossiers/menschliche-ueberreste/falsifikat (07.04.2025).
[23] Kleiner Lampenschirm. buchenwald.de, URL: https://www.buchenwald.de/geschichte/themen/dossiers/menschliche-ueberreste/kleiner-lampenschirm (07.04.2025).
[24] Stein: Konzentrationslager Buchenwald 1937-1945. Begleitband zur historischen Ausstellung, S. 58.
[25] Ebd., S. 200.
[26] Hackett (Hrsg.): Der Buchenwald-Report, S. 108.
[27] Jennifer White: Konzentrationslagergeld. In: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 1 (2002), Hastings, S. 36.
[28] Stein: Konzentrationslager Buchenwald 1937-1945. Begleitband zur historischen Ausstellung, S. 36.
[29] Ebd., S. 145.
[30] Ebd., S. 31.
[31] Knigge, Löffelsender, u.a. (Hrsg.): Buchenwald: Ausgrenzung und Gewalt 1937-1945, S. 70.
[32] Stein: Konzentrationslager Buchenwald 1937-1945. Begleitband zur historischen Ausstellung, S. 76.
[33] Ebd., S. 226.
[34] Knigge, Löffelsender, u.a. (Hrsg.): Buchenwald: Ausgrenzung und Gewalt 1937-1945, S. 82–85.
[35] Stein: Konzentrationslager Buchenwald 1937-1945. Begleitband zur historischen Ausstellung, S. 91.
[36] Ebd., S. 232.
[37] Bodo Ritscher/Rikola-Gunnar Lüttgenau/u.a. (Hrsg.): Das sowjetische Speziallager Nr. 2 1945-1950, 2. Aufl. Buchenwald 2008, S. 136.
[38] Ebd., S. 70.