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Mythologisierte Orte als politische Bühne: Die AfD im Teutoburger Wald

In der vergangenen Woche wollten führende AfD-Politiker das Hermannsdenkmal in Detmold besuchen – doch Proteste verhinderten den geplanten Auftritt. Die Gruppe wich daraufhin auf die nahegelegenen Externsteine aus. Beide Orte gelten in der rechtsextremen Szene als besondere Wallfahrtsstätten und teilen eine lange Geschichte völkischer Vereinnahmung. Warum wählt die AfD gerade diese Orte für einen politischen Auftritt?

Gruppenfoto an den Externsteinen vom 22. Februar 2026, zu sehen sind etwa Matthias Helferich, Christian Zaum und Björn Höcke (Download aus dem Telegram-Kanal von Matthias Helferich am 24. Februar 2026)
Gruppenfoto an den Externsteinen vom 22. Februar 2026, zu sehen sind etwa Matthias Helferich, Christian Zaum und Björn Höcke ©Download aus dem Telegram-Kanal von Matthias Helferich am 24. Februar 2026

Der Externsteine: NS-Mythos als Wallfahrtsort

Etwa zehn Kilometer vom Hermannsdenkmal entfernt in Horn-Bad Meinberg befinden sich die Externsteine. Die markante Felsformation im Teutoburger Wald zieht seit Jahrzehnten völkisch-esoterische Gruppen an, die sie als ein uraltes germanisches Heiligtum imaginieren. Doch diese Vorstellung ist eine Erfindung des 20. Jahrhunderts, die sich archäologisch nie belegen ließ: Trotz zahlreicher Ausgrabungen konnten keine Funde aus germanischer Zeit nachgewiesen werden. Die ältesten Spuren einer Nutzung stammen aus der Steinzeit, die nächsten erst aus dem Mittelalter (800 n. Chr.).1

Während der NS-Zeit wurden die Externsteine mit jener mythologischen Qualität aufgeladen, die sie in der rechtsextremen Szene bis heute haben. Heinrich Himmlers SS-Organisation „Deutsches Ahnenerbe“, die sich der pseudowissenschaftlichen Suche nach germanischen Ursprüngen verschrieben hatte, baute die Felsformation systematisch zu einem zentralen Ort völkischer Mythenpflege aus. Die Externsteine sollten beweisen, was die NS-Ideologie bereits voraussetzte: dass das germanische Volk eine eigenständige, in die Urgeschichte zurückreichende Kulturtradition besaß und ‚die Deutschen‘ als direkte Nachfahren betrachtet werden müssten. Der Mythos um die Externsteine als germanischer Sakralort ist damit kein Überrest einer fernen Vergangenheit, sondern nationalsozialistische Geschichtsfälschung – Pseudowissenschaft im Dienst der Ideologie.

Genau diese konstruierte Tradition lebt in der rechtsextremen und völkisch-esoterischen Szene bis heute fort. Die Externsteine sind ein regelmäßiges Ziel von Pilgerfahrten, besonders zu Sonnenwenden und anderen als ‚germanisch‘ imaginierten Festtagen.2 Dass der Besuch der AfD-Politiker ausgerechnet hierherführte, nachdem das Hermannsdenkmal durch Proteste versperrt worden war, ist kaum zufällig – und durchaus aufschlussreich: In manchen rechtsextremen Kreisen gilt die Varus- bzw. Hermannschlacht als an den Externsteinen ausgetragen. Da bis heute ungeklärt ist, wo dieses sich zu einer legendären Erzählung entwickelte Ereignis stattgefunden hat, bietet die historische Leerstelle Raum für Projektionen. Die Verbindung ist aber auch gerade deshalb attraktiv ist, weil sie zwei Mythen zu einem einzigen verschmilzt:3

Der Hermann-Mythos

Das Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald gehört zu den bekanntesten nationalen Gedenkorten Deutschlands. Es erinnert an die Varusschlacht des Jahres 9 n. Chr., in der germanische Stämme unter der Führung des Cheruskerfürsten Arminius – später „Hermann“ genannt – drei römische Legionen vernichtend schlugen. Das Denkmal selbst ist allerdings ein Produkt des 19. Jahrhunderts: 1875 eingeweiht entstand es im Kontext der deutschen Nationalstaatsgründung als Symbol eines vermeintlich einheitlichen, ursprünglichen deutschen Volkes. Die Botschaft war von Anfang an politisch – und sie blieb es.

Für rechtsextreme Akteur:innen ist das Hermannsdenkmal bis heute ein zentraler mythologischer Ort. Der Hermann-Mythos bietet eine scheinbar historisch legitimierte Erzählung vom germanischen Widerstand gegen Fremdherrschaft, die sich bruchlos auf heutige Feindbilder übertragen lässt. Die Identifikation mit dem „Befreiungskampf“ der Germanen ermöglicht es, sich als wehrhaftes Opfer zu stilisieren: Indem man sich als Teil eines unterdrückten Volkes begreift, das gegen eine übermächtige Fremdherrschaft kämpft – heute etwa „die Eliten“, die angeblich nur ihren eigenen ökonomischen und machtorientierten Vorteilen nachstrebten oder „die Migranten“, die das ‚deutsche Volk‘ aus ihrem ‚Lebensraum‘ (in diesem Kontext NS-Begriff!) verdrängten.

Geschichte als Konstruktion: Selektive Erinnerung als politisches Werkzeug

Dass die AfD rasch den geplanten Besuch am Hermannsdenkmal an die Externsteine verlegen konnte, zeigt, dass diese Orte innerhalb des rechtsextremen Bedeutungsrepertoires flexibel austauschbar sind. Im Vordergrund steht die emotionale, vermeintlich spirituelle Aufladung: der Teutoburger Wald als ein mythischer Raum, in dem sich völkische Identitätspolitik inszenieren und vergemeinschaften lässt.

Foto von Christian Zaum an den Externsteinen vom 22. Februar 2026 (Download aus dem Telegram-Kanal von Matthias Helferich am 24. Februar 2026)
Foto von Christian Zaum an den Externsteinen vom 22. Februar 2026 ©Download aus dem Telegram-Kanal von Matthias Helferich am 24. Februar 2026

Teil der Besucher:innengruppe war Christian Zaum (MdB). In einem kurzen Interview4 verwies er auf die für ihn bestehende Funktion von Geschichte als politische Kraftquelle: „Wir bekennen uns zu unserer Geschichte, zu unserer Tradition, deswegen gehen wir an solche Orte, weil sie uns letztendlich auch die Kraft geben, die wir auch in der politischen Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner brauchen.“.

Das Bekenntnis zur deutschen Geschichte ist hier in doppelter Hinsicht selektiv. Zum einen beruft sich Zaum auf eine angeblich germanische Vergangenheit, die konstruiert ist. Die Externsteine als uraltes germanisches Heiligtum, Hermann der Cherusker als Ausdruck eines deutschen Nationalbewusstseins – diese Bilder haben mit historischer Realität nichts zu tun. Was Zaum als „unsere Geschichte“ bezeichnet ist eine Erfindung des 19. und 20. Jahrhunderts, die im Nationalsozialismus eine intensive Ausgestaltung erfuhr. Geschichte wird hier nicht überliefert, sondern produziert – und zwar so, dass sie die gewünschten politischen Schlussfolgerungen bereits enthält.

Zum anderen ist das Bekenntnis zur deutschen Geschichte in der AfD auffällig lückenhaft. Was die Partei unter „unserer Geschichte“ versteht, umfasst dezidiert positiv gelesene Attribute wie angebliche germanische Kulturleistungen, um eine Kontinuitätslinie bis heute konstruieren zu können. Nicht dazu gehören sollen etwa die Verbrechen des Nationalsozialismus, der Holocaust, die Millionen Opfer deutscher Vernichtungspolitik. Das ist kein Zufall, sondern Methode: Die AfD steht rigoros für eine Geschichtspolitik, die historische Verantwortung systematisch relativiert und abwehrt. Besonders deutlich wird das in Alexander Gaulands berüchtigter Formulierung, der Nationalsozialismus sei „ein Vogelschiss in über tausend Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“. Die zwölf Jahre NS-Herrschaft sollen als historische Ausnahmeerscheinung eingeklammert werden – um sie aus der Kontinuitätslinie herauszulösen, die die AfD für sich beansprucht.

Diese Logik erklärt auch den Besuch im Teutoburger Wald: Eine Ursprungserzählung, die bei den German:innen beginnt und direkt in die Gegenwart führt, überspringt den Nationalsozialismus einfach – und kann seine Verbrechen deshalb als folgenlos ausblenden. „Wir stehen zu unserer Geschichte“ meint also in Wirklichkeit: Wir stehen zu einer Geschichte, die wir selbst konstruiert haben – und verweigern uns jener, für die wir tatsächlich Verantwortung tragen.

Diese selektive Aneignung von Geschichte dient der Konstruktion einer homogenen deutschen Identität, die gegen äußere Bedrohung verteidigt werden müsse. So sagt der Interviewer: „Gerade hier im Teutoburger Wald sieht man ja, dass die Germanen, dass die Deutschen eine Geschichte haben und keine identitätslosen Individuen sind. Gerade hier haben wir aber auch das Problem, dass sehr viele Fremde die Deutschen verdrängen“. Diese Aussage verdichtet in wenigen Sätzen die rechtsextreme Geschichtspolitik: Der Verweis auf die German:innen als Ursprung einer homogenen deutschen Identität soll belegen, dass ‚die Deutschen‘ seit jeher ein einheitliches Volk mit einer gemeinsamen Kultur und Geschichte gewesen seien – und dass diese Einheit heute bedroht werde. Die Gleichsetzung von Germanen und Deutschen ist dabei zwar historisch nicht haltbar, für das mythologische Argument ist das jedoch irrelevant. Man begreift sich als ursprüngliches, verwurzeltes Volk, das durch äußere Kräfte bedroht und verdrängt werde, und leitet daraus das Recht – ja die Pflicht – zum Widerstand ab. Das zeigt, wie eng konstruierte Vergangenheit und konstruierte Bedrohung zusammengehören, denn beide sind Produkte derselben ideologischen Strategie.

Christian Zaum reagiert auf diesen Hinweis des Interviewers, indem er Heinrich Heine zitiert, um die Bedeutung des Teutoburger Waldes zu unterstreichen:

 

„Das ist der Teutoburger Wald,

Den Tacitus beschrieben,

Das ist der klassische Morast,

Wo Varus stecken geblieben.“5

Diese Referenz ist in zweierlei Hinsicht bemerkenswert, denn erstens war Heine jüdischer Herkunft und seine Werke wurden von den Nationalsozialisten verbrannt und verboten, um ihn aus dem kollektiven Gedächtnis zu löschen. Darüber hinaus verweist Zaum (der Geschichtslehrer ist) mit dem Zitat auf Heines Versepos „Deutschland. Ein Wintermärchen“, das sich gerade durch seine beißende Ironie und Satire auszeichnet: Der Sieg der Germanen über Rom wird von Heine persifliert und dabei verspottet er genau jenen deutschen Nationalismus und Chauvinismus, den die AfD heute verkörpert und befeuert. Heines Werk ist eine Kritik an reaktionärer Deutschtümelei – also das genaue Gegenteil dessen, wofür Zaum es verwendet. Seine Vereinnahmung zeigt daher sehr anschaulich, wie rechtsextreme Geschichtsaneignung funktioniert: selektiv, zweckgebunden und oft gänzlich ohne Bewusstsein für die eigenen Widersprüche.

 

[Autorin: Berit Kö]

[1] Karl Banghard: ‚Germanische‘ Erinnerungsorte. Geahnte Ahnen, in: Martin Langebach & Michael Sturm (Hg.): Erinnerungsorte der extremen Rechten (Edition Rechtsextremismus), Wiesbaden 2015, S. 61–77, hier S. 70.

[2] Christoph Lorke: Rechtsextremismus in der Region: Westfalen 1960–1990. Ein Werkstattbericht, in: Thomas Küster & Malte Thießen: Gescheiterte Projekte. Fehlschläge, Niederlagen und Blockaden im 19. und 20. Jahrhundert (Westfälische Forschungen 74), Münster 2024, S. 493–517, hier S. 501.

[3] Ebd., S. 73.

[4] „Wir stehen zu unserer deutschen Geschichte!“, in: Deutschland Kurier, 22. Februar 2026, URL: https://www.youtube.com/watch?v=Zpz39TGyulc (24.2.2026).

[5] Heinrich Heine: Deutschland. Ein Wintermährchen, in: Ders.: Neue Gedichte, Hamburg, 1844, S. 328.


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