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„Der Sieger schreibt die Geschichte“? Hintergründe zu einem problematischen Kommentar

„Der Sieger schreibt die Geschichte“ – wer auf Social-Media-Kanälen über NS-Geschichte spricht, kennt den Satz aus den Kommentarspalten. Er erscheint dort als vermeintliche Volksweisheit, die jede weitere Diskussion erübrigt. Aber wer hat ihn eigentlich geprägt? Und was bleibt von der Behauptung, wenn man sie ernst nimmt?

Collage von einigen Kommentaren, die wir auf TikTok unter unserem Reel „Was ist Geschichtsrevisionismus – und warum ist er gefährlich?“ erhalten haben.
Collage von einigen Kommentaren, die wir auf TikTok unter unserem Reel „Was ist Geschichtsrevisionismus – und warum ist er gefährlich?“ erhalten haben. ©Berit Kö

Ein Zitat ohne Autor:in?

Wer den Satz „Der Sieger schreibt die Geschichte“ zitiert, beruft sich auf eine Autorität, die nicht zu benennen ist. Am häufigsten wird der Ausspruch Winston Churchill zugeschrieben – nicht zufällig also jenem britischen Premierminister, der gegen das NS-Regime gekämpft hat und den rechtsextreme Geschichtsrevisionist:innen entgegen jeder Evidenz als „eigentlichen Kriegstreiber“ des Zweiten Weltkriegs umzudeuten versuchen. Belegt ist die Zuschreibung freilich nicht – in keiner Edition seiner Reden, Schriften oder dokumentierten Privatäußerungen findet sich der Satz. Auch Napoleon Bonaparte wird gelegentlich als Urheber genannt, allerdings ebenfalls ohne Quellennachweis. Vielleicht muss man dazu festhalten: Allgemein formulierte Sätze entziehen sich ohnehin der eindeutigen Zuschreibung – sie dürften im Lauf der Jahrhunderte unzählige Male in Briefen, Tischreden oder Zeitungskommentaren gefallen sein, ohne dass jemand sie für überlieferungswürdig gehalten hätte. Was bleibt, ist daher nicht ein Autor, sondern ein Topos: eine Denkfigur, die sich verselbstständigt hat und auf der Suche nach einem prominenten Namen ist, an den sie sich heften kann.

 

Zwei dokumentierte Spuren

Wer dennoch auf Spurensuche gehen will, wird tatsächlich fündig – allerdings auch in Kontexten, die der heutigen Verwendung des Satzes diametral widersprechen, nämlich bei ausgewiesenen Antifaschisten: Der deutsch-jüdische Kulturphilosoph Theodor Lessing (1872–1933) schrieb in seinem Werk „Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen“ (1919): „Immer schreiben Sieger die Geschichte von Besiegten, Lebengebliebene die von Toten.“1 Lessings Buch ist eine grundlegende geschichtsphilosophische Auseinandersetzung mit der Frage, wie Menschen aus dem Chaos vergangener Ereignisse nachträglich kohärente Erzählungen formen – und wessen Perspektive sich dabei durchsetzt. Seine These: Geschichtsschreibung ist nie neutrale Rekonstruktion, sondern ein Akt der Sinnstiftung, der Brüche glättet, Gewalt rationalisiert und das Geschehene im Nachhinein als notwendig erscheinen lässt. Genau in diesem Zusammenhang fällt der Satz über die Sieger und die „Lebengebliebenen“ – als Diagnose eines strukturellen Problems. Lessing verfasste das Buch während seines Sanitätsdienstes im Ersten Weltkrieg; die Militärzensur unterdrückte das Manuskript wegen seiner Antikriegsposition, sodass es erst 1919 erscheinen konnte. Im August 1933, sieben Monate nach der NS-Machtübernahme, wurde Lessing im tschechoslowakischen Exil von sudetendeutschen Nationalsozialisten ermordet.

Zwanzig Jahre später fällt der Topos bei Bertolt Brecht: Im November 1939, wenige Wochen nach dem deutschen Überfall auf Polen, schrieb er gemeinsam mit Margarete Steffin im schwedischen Exil das Hörspiel „Das Verhör des Lukullus“, später als Oper „Die Verurteilung des Lukullus“ (1951) mit der Musik Paul Dessaus auf die Bühne gebracht.

Das Stück ist radikal einfach konstruiert: Der römische Eroberungsfeldherr Lukullus muss sich nach seinem Tod vor einem Totengericht verantworten. Dieses Gericht besteht aber nicht aus Göttern oder Standesgenossen, sondern aus jenen, die in der klassischen Geschichtsschreibung keine Stimme hatten – einer Bäuerin, einem Sklaven, einer Fischfrau, einem Bäcker, einer Kurtisane, einem Lehrer. Als Beweismaterial dient ausgerechnet jener Triumphfries, der Lukullus’ Eroberungen verewigen sollte – nun gelesen als Inventar zerstörter Städte, geraubter Menschen, ausgelöschter Lebensläufe. Die befragten Figuren sprechen nicht in heroischen Formeln, sondern in Alltagssprache: von Hunger, Verlust, Tod. Der Feldherr selbst kann seine Taten nicht rechtfertigen – die heroische Sprache, in der er denkt, versagt vor der konkreten Erinnerung der Betroffenen. Am Ende vollzieht sich eine vollständige Umwertung: Nicht der Eroberer wird erinnert, sondern die einzige rühmenswerte Tat seines Lebens: die Einführung des Kirschbaums in Europa.

In diesem Zusammenhang fällt der Satz, um den es hier geht:

 

„Immer doch schreibt der Sieger die Geschichte des Besiegten.

Dem Erschlagenen entstellt der Schläger die Züge.

Aus der Welt geht der Schwächere und zurück bleibt die Lüge.“

 

Brecht beschreibt darin das Verfahren, das er im Stück selbst rückgängig macht: die nachträgliche Verklärung von Gewalt durch jene, die sie ausüben. Dass er und Steffin diesen Stoff im November 1939 wählten, ist kein Zufall – Lukullus steht für Hitler, die römischen Eroberungskriege für die deutschen, der Triumphfries für die nationalsozialistische Geschichtspropaganda, die im Augenblick ihrer Entstehung schon antizipiert wird als das, was sie ist: ein Inventar von Verbrechen.

 

Screenshot der Titelseite mit Motto des Buches
Screenshot der Titelseite mit Motto des Buches ©Berit Kö

Wie radikal die Umkehrung der ursprünglichen Bedeutung ist, lässt sich an einer rezeptionsgeschichtlichen Pointe ablesen. In Josef A. Koflers geschichtsrevisionistischer Schrift „Die falsche Rolle mit Deutschland“ findet sich die Strophe als Motto auf der Innenseite des Buches, vollständig zitiert und namentlich Brecht zugeschrieben. Ein im schwedischen Exil verfasster, antifaschistischer Topos, der das deutsche NS-Regime im Bild des römischen Eroberers anklagt, wird hier als Geleitwort einer Schrift inszeniert, die das genaue Gegenteil betreibt: die Rehabilitierung jener Aggressoren, gegen die Brecht und Steffin den Satz ursprünglich richteten. Die Aneignung setzt voraus, dass die Herkunft des Topos verschwiegen oder nicht gewusst wird – und sie ist insofern paradigmatisch für die heutige Verwendung in den sozialen Medien: Der Satz wird zur Schutzformel gegen genau jene Erinnerung an die NS-Verbrechen, deren Verteidigung er ursprünglich gemeint war.

Was der Satz diskursiv leistet

Die Parole ist ein klassisches „thought-terminating cliché“: sie ersetzt Argument durch Geste. Wer „Der Sieger schreibt die Geschichte“ kommentiert, muss sich mit den präsentierten konkreten Inhalten nicht auseinandersetzen, weil er die gesamte Wissensordnung, in die der Inhalt eingebettet ist, mit einem Satz für illegitim erklärt. Etablierte Historiographie wird als parteiisches Siegerprodukt markiert – und damit jede Aussage über NS-Verbrechen, Schuld und Verantwortung präventiv relativiert. Der Satz braucht dafür keinerlei konkretes Wissen, weder über Quellen noch über Forschungsstände. Genau das macht ihn universell einsetzbar und so anschlussfähig.

Strukturell vollzieht der Satz zwei Bewegungen zugleich: Er delegitimiert das Gegenüber („ihr seid bloß Sprachrohre einer hegemonialen Lüge“) und adelt zugleich den Sender („ich durchschaue es“). Das ist die rhetorische Grundfigur jeder Verschwörungserzählung: die geheime Wahrheit, zu der nur einige wenige Zugang haben, während die Mehrheit der Manipulation aufsitzt. Der Satz funktioniert damit nicht primär als Aussage über Geschichte, sondern als Identitätsangebot – wer ihn schreibt, zeigt, zu welcher Gesinnung er gehört.

Hinzu kommt eine spezifisch geschichtsrevisionistische Operation: Die jahrzehntelange Auseinandersetzung der deutschen Gesellschaft mit dem Nationalsozialismus – die Frankfurter Auschwitz-Prozesse, die Wehrmachtsausstellung, die Erinnerungsarbeit der Gedenkstätten, die historische Forschung – wird durch den Satz pauschal als von außen aufgezwungen markiert. Tatsächlich wurde diese Auseinandersetzung gegen erhebliche innergesellschaftliche Widerstände erkämpft – von Wissenschaftler:innen, Aktivist:innen und Überlebenden. Der Spruch macht diese Leistung unsichtbar und genau darin liegt seine politische Funktion.

Eine letzte Pointe ist die rhetorische Struktur selbst: Der Satz formuliert eine Meta-Aussage über Geschichtsschreibung, die jedes konkrete historische Argument auf eine Ebene tiefer verschiebt. Auch wer mit Quellen, Daten oder Forschungsergebnissen antwortet, kann nicht gewinnen – denn alle Fakten werden vom Satz selbst pauschal entwertet. Das ist die Immunisierungsfunktion des Topos: Er entzieht sich jeder empirischen Korrektur, weil er auf einer Ebene operiert, auf der Empirie nicht mehr greift: er operiert auf der mythologischen Ebene.

Der Spruch: wie gemacht für die Kommentarspalte

Dass der Topos seinen heutigen Hauptverbreitungsraum in den sozialen Medien hat, ist kein Zufall. Die Logik der Plattformen – kurze Formate, schnelles Scrollen, algorithmische Verstärkung – kommt ihm in mehrfacher Hinsicht entgegen:

Die Parole ist kurz genug für die Aufmerksamkeitsökonomie der Plattformen – ein Halbsatz, der unterhalb jeder Aufmerksamkeitsschwelle für tatsächliche Auseinandersetzung bleibt, aber lang genug, um eine Position zu markieren. Er signalisiert Community-Zugehörigkeit: In einschlägigen Kanälen funktioniert er als Erkennungszeichen, an dem sich Gleichgesinnte erkennen. Und er ist „low effort“ genug, dass er reflexhaft unter jedes Posting passt, das NS-Geschichte, Erinnerungskultur oder Rechtsextremismusforschung berührt – unabhängig davon, was im Reel oder in den Slides konkret gezeigt oder gesagt wird.

Hinzu kommt eine Eigenheit des Reels-Formats, die für Geschichtsthemen besonders relevant ist: Die kurze Laufzeit erlaubt komplexe Sachverhalte nur in stark verdichteter Form. Wer in eineinhalb Minuten über Geschichtsrevisionismus und NS-Erinnerung spricht, kann nicht jede Behauptung quellenbelegt absichern – und genau diese strukturelle Verkürzung wird vom Spruch ausgenutzt. „Wo bleibt der Quellenverweis?“ und „Der Sieger schreibt die Geschichte“ sind in der Reels-Kommentarspalte dieselbe Bewegung: Sie fordern eine Form von Vollständigkeit ein, die das Format nicht leisten kann, um die im Reel selbst geleistete Aufklärungsarbeit zu entwerten.

Schließlich operiert der Spruch in den Kommentarspalten unter Bedingungen, die seriöse Auseinandersetzung systematisch benachteiligen: Er wirkt im Vorbeiscrollen, ohne dass er gelesen oder geprüft werden muss; er wirkt auch dann, wenn er nicht aktiv unterstützt, sondern nur stehen gelassen wird; und er erzeugt unter unentschiedenen Mitlesenden den Eindruck, hier sei etwas Diskutables geäußert worden. Genau diese diffuse Wirkung – ein Säen von Zweifel, ohne dass eine konkrete Behauptung zu widerlegen wäre – ist die eigentliche Leistung des Topos.

Fazit: Schreibt der Sieger die Geschichte?

Die kurze Antwort lautet: Nein – gerade im Fall der NS-Geschichte nicht. Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in Deutschland wurde nicht von außen aufgezwungen, sondern eine über Jahrzehnte gegen erhebliche innergesellschaftliche Widerstände erkämpfte Aufklärungsarbeit. Sie wurde getragen von Überlebenden, von Wissenschaftler:innen, von Gedenkstätten und kritischen Stimmen – häufig gegen die Mehrheitsmeinung der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft, die ihre eigene Verstrickung lange abwehrte. Wer heute behauptet, die deutsche NS-Geschichte sei von „Siegern“ geschrieben worden, ignoriert genau diese Leistung – und damit auch die mühevolle Selbstverständigung einer postnazistischen Gesellschaft, die ihre Vergangenheit anerkannt und benannt hat.

Die längere Antwort verlangt eine Differenzierung: Geschichtsschreibung ist nie neutrale Rekonstruktion, das wussten schon Theodor Lessing und Bertolt Brecht. Quellen werden ausgewählt, Perspektiven gewichtet, Narrative geformt. Genau deshalb arbeitet die moderne Geschichtswissenschaft mit Methoden, die diese Selektivität reflektieren: mit Quellenkritik, mit Multiperspektivität, mit der bewussten Einbeziehung der Stimmen jener, die in der traditionellen Geschichtsschreibung lange übergangen wurden. Lessings und Brechts Topos zielte auf genau diese kritische Sensibilität – nicht auf die Rehabilitierung von Tätern.

Warum der Spruch dennoch so erfolgreich unter Posts zirkuliert, hat mit seiner Geschichte wenig, mit seiner Form aber alles zu tun: Er ist kurz, anschlussfähig und braucht keinerlei konkretes Wissen. Er entwertet jede empirische Aussage präventiv, ohne sich selbst auf empirische Belege festlegen zu müssen. Er signalisiert Zugehörigkeit zu einer Gruppe, die sich als wissend gegenüber einer angeblich getäuschten Mehrheit versteht. Und er funktioniert auch im Vorbeiscrollen – er muss nicht überzeugen, um zu wirken.

 

[Autorin: Berit Kö]

[1] Theodor Lessing: Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen, München 1919, S. 66.


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