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Mythos „Dachau-Massaker“

Am 29. April 1945 befreiten US-Soldaten das Konzentrationslager Dachau. Dabei erschossen sie gefangengenommene SS-Männer – ein Vorfall, den das Militär selbst als Völkerrechtsverstoß untersuchte. Geschichtsrevisionist:innen haben dieses Ereignis zum „Dachau-Massaker“ aufgebauscht: Aus etwa 50 Toten wurden über 500, aus spontanen Einzeltaten eine systematische Hinrichtungsaktion, aus Befreiern Mörder. Wir zeigen, wie der Mythos konstruiert wurde, was historisch belegt ist und welche Funktion er erfüllt.

Ein US-Soldat steht neben toten SS-Männern ©National Archives and Records Administration, College Park
Ein US-Soldat steht neben toten SS-Männern
©National Archives and Records Administration, College Park

Die Konstruktion des Mythos

Die Ereignisse vom 29. April 1945 boten geschichtsrevisionistischen Akteur:innen eine willkommene Angriffsfläche – und wurden entsprechend aufgegriffen. Der ehemalige SS-Untersturmführer Erich Kern, der unter diesem Pseudonym als rechtsextremer Publizist tätig war und eigentlich Erich Kernmayr hieß,1 veröffentlichte 1964 das Buch „Verbrechen am deutschen Volk. Eine Dokumentation alliierter Grausamkeiten“ – eine Sammlung von Augenzeugenberichten und Erklärungen, die dem Anspruch nach dokumentarisch auftreten, tatsächlich aber eine politische Gesamtthese verfolgen: dass die alliierten Kriegsverbrechen systematisch verschwiegen werden, während Deutschland zur einseitigen Schuld gezwungen werde. Das erste Kapitel, überschrieben mit „Es gibt kein einseitiges deutsches Kriegsverbrechen“, formuliert das Programm explizit: Kern wolle „endlich das verlogene Märchen [widerlegen], daß allein von deutscher Seite aus Kriegsverbrechen verübt wurden.“ Dabei räumt er scheinbar ein, dass auch Deutsche Kriegsverbrechen begangen hätten, relativiert aber sogleich: „In allen Kriegen, zu allen Zeiten wurden von allen kriegführenden Parteien Kriegsverbrechen begangen […], auch die Deutschen. Keineswegs jedoch, wie man es heute in scheinheiliger Weise hinzustellen versucht, nur die Deutschen.“2 Es überrascht daher nicht, dass Kern auch das „Dachau-Massaker“ thematisiert, sich dabei jedoch „einer einseitigen und entstellenden Zitatenauswahl“ von Augenzeugen bedient.3

Deutlich wirkmächtiger als Kerns revisionistisches Werk wurde das 1986 in den USA erschienene Buch „Dachau. The Hour of the Avenger“ des ehemaligen US-Militärarztes Howard A. Buechner, der bei der Befreiung des KZ Dachau anwesend war. Buechner behauptete darin, bei der Lagerbefreiung seien 480 SS-Angehörige exekutiert worden, 40 weitere seien durch Racheaktionen von Häftlingen gestorben.4 Die rhetorische Wirksamkeit des Buches beruht wesentlich auf der vermeintlichen Autorität seines Autors: Ein ehemaliges Mitglied der amerikanischen Streitkräfte, der als Augenzeuge gegen die eigene Seite aussagt, erscheint als besonders unverdächtige Quelle – obgleich der Titel „The Hour of the Avenger“, „Die Stunde des Rächers“, die Befreiung als Racheakt und die SS-Männer als Opfer rahmt. In der rechtsextremen Szene wurde das Buch entsprechend begeistert aufgenommen: Die Holocaustleugnerin Ingrid Weckert rezensierte es kurz nach Erscheinen in der geschichtsrevisionistischen Zeitschrift „Deutschland in Geschichte und Gegenwart“ als „unzweifelhafte Bestätigung“ eines amerikanischen Massakers und beförderte damit dessen Verbreitung im deutschsprachigen Raum;5 mittlerweile gilt es als „Kultbuch in rechtsextremen Kreisen“.6

Ausführlich besprochen wird es etwa im Artikel zum KZ Dachau auf der Website „Metapedia“, einer auf der open-source Wiki-software basierenden neonazistischen „alternativen Enzyklopädie“, die das Format eines neutralen Nachschlagewerks imitiert, um rechtsextreme Inhalte mit dem Anschein von Sachlichkeit zu versehen. Dass Metapedia dabei auch Ausgangspunkt weiterer Verbreitung ist, zeigt das Beispiel des Düsseldorfer Selfpublishers Michael Lanz.7 In seinem 2019 als E-Book erschienenen Titel „…weil sie Deutsche sind. Kriegsverbrechen gegen Deutsche 1945“ widmet er dem „Massaker von Dachau“ ein eigenes Kapitel – und gibt im Quellennachweis offen an, dass sich sein Text „soweit nicht anders angegeben“ auf Metapedia stütze, „der einzigen Quelle, die kein Blatt vor den Mund nimmt und die Wahrheit schreibt.“ Lanz schafft damit keinen eigenständigen Beitrag zur Rezeptionsgeschichte des Mythos, illustriert aber exemplarisch, wie Metapedia-Inhalte in scheinbar eigenständige Publikationen migrieren und so den Anschein von Quellenpluralität erzeugen – obwohl alle Fäden zur selben Quelle zurückführen.

Was historisch belegt ist

Nordwestlich von München, in der oberbayrischen Stadt Dachau, befand sich das am 22. März 1933 eingerichtete,8 und damit am längsten bestehende Konzentrationslager der NS-Zeit. Ehe die amerikanischen Streitkräfte es am Sonntagnachmittag des 29. April 1945 erreichten, fanden sie an der Zufahrtsstraße zum Eingang des SS-Lagers einen Zug mit etwa 399 oder 4010 Waggons vor, in und vor denen verhungerte, verdurstete oder erschossene Häftlinge lagen:

„In each oft he cars horribly thin corpses were lying in all postures, each clad in the pyjama-like uniform of the concentration camps. They lay in their own refuse. Some corpses lay on the gravel road-bed, exactly where they fell when they ordered out oft he cars. There were two or three by almost every car door or gate.“11

In einem der offenen Waggons des „Todeszugs“ liegen Leichen ©United States Holocaust Memorial Museum, Provenance: Norman Sommers
In einem der offenen Waggons des „Todeszugs“ liegen Leichen ©United States Holocaust Memorial Museum, Provenance: Norman Sommers

Die US-Soldaten hatten den letzten sogenannten „Evakuierungstransport“ aus Buchenwald entdeckt. Auf Anordnung der SS-Führung in Berlin hatte Lagerkommandant Hermann Pister am 6. April 1945 die Räumung des Lagers befohlen:12 Häftlinge wurden zu Fuß auf Todesmärschen oder per Zug in andere, noch nicht befreite Lager gebracht, um zu verhindern, dass sie in alliierte Hände fielen. Dieser „Todeszug“ war am 7. April mit mindestens 4.480, vermutlich aber 4.800 Häftlingen, in Weimar abgegangen und sollte 24 Stunden später Dachau erreichen. Die Lebensmittelrationen waren an diese Zeitspanne angepasst. Tatsächlich kam der Zug erst nach 21 Tagen an und nur am 12. Tag konnte weitere Verpflegung akquiriert werden.13

Der Anblick dieser tausenden Toten und Sterbenden hat die US-Soldaten nach eigenen Angaben zutiefst verstört: „Colonel Sparks berichtete, dass viele in Tränen ausbrachen oder sich übergeben mussten, obwohl sie zu einer kampfgewohnten Truppe gehörten.“14 Die Parole „Hier machen wir keine Gefangenen!“ begann zu kursieren – diese Absicht entspricht jedoch nicht der historischen Wirklichkeit: die US-Soldaten machten durchaus Gefangene.

Es ist jedoch korrekt, dass die US-Soldaten einige dieser Gefangenen eigenmächtig und ohne rechtliche Grundlage erschossen; diese Vorgänge werden in diversen Memoiren von ehemaligen Häftlingen erwähnt.15 Die Gesamtzahl der Exekutierten lag laut Jürgen Zarusky, langjähriger Mitarbeiter des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin, bei etwa 5016 – nicht, wie Buechner behauptet hatte, bei über 500. Klaus-Dietmar Henke, der in seiner Studie zur amerikanischen Besatzung Deutschlands die Vorgänge bei der Befreiung analysierte, zeigte sich skeptisch gegenüber Buechners Darstellung, blieb mangels anderer Quellen jedoch noch teilweise von ihr abhängig.17 Zarusky prüfte Buechners Aussagen und stellte fest, dass sich die Darstellung der Ereignisse in seinem Buch „The Hour of the Avenger“ von 1986 erheblich von seiner Zeugenaussage vom 5. Mai 1945 unterscheidet.18 In seiner Auswertung kommt Zarusky zu dem Schluss:

„Die bei Buechner genannten Zahlen stimmen nicht, seine Schilderung des Ablaufs der Ereignisse ist über weite Strecken entstellt und verwirrt. Eine systematische Exekution gefangengenommener SS-Leute im Anschluss an die Befreiung des Lagers, wie Buechner sie beschreibt, hat nicht stattgefunden“19

Zudem konnte Zarusky in seiner Analyse Material auswerten, das erst im Sommer 1992 von den National Archives in Washington freigegeben worden war: Die Ermittlungsunterlagen des Assistant Inspector General der 7th Army, Joseph M. Whitaker, der am 3. Mai 1945 die Untersuchung der Vorgänge bei der Befreiung des KZ Dachaus begann.20 Sein Bericht lag am 8. Juni 1945 vor; er empfahl Kriegsgerichtsverfahren gegen mehrere Beteiligte – unter anderem gegen Howard A. Buechner, der seine Pflicht verletzt habe, weil er Verletzten keine medizinische Hilfe geleistet hätte.21 Letztlich wurde jedoch niemand zur Rechenschaft gezogen.

Fazit

„Diese Tötungen sind ein sehr sensibles Thema – außerhalb Deutschlands wegen des Schattens, den sie auf die Reputation der Befreier werfen, und innerhalb Deutschlands wegen ihrer potentiellen und aktuellen Verwendung zur nachträglichen Rechtfertigung von Nazigreueln und zur Pseudo-Entlastung deutscher Täter durch apologetische Kreise.“22

Dass niemand zur Rechenschaft gezogen wurde, hat die revisionistische Instrumentalisierung begünstigt – aber nicht erst ermöglicht, denn hätte es Strafverfolgung gegeben, wären die Urteile möglicherweise als zu lasch kritisiert, als „Siegerjustiz“ diffamiert worden. Das verweist auf eine Grundstruktur rechtsextremer Geschichtsrevision: Sie ist nicht widerlegbar durch Fakten allein, weil sie nicht auf Wahrheit zielt, sondern auf Wirkung. Ihr Ziel ist nicht historische Erkenntnis, sondern Delegitimierung von Erinnerungskultur und NS-Aufarbeitung: die Grundlagen zu zerstören, auf denen die Anerkennung deutscher Schuld und die Legitimität der Befreiung beruhen. Der Mythos des „Dachau-Massakers“ kann hier als exemplarisch gelten: Ein begrenztes, kontextuell eingebettetes Ereignis wird aus seiner historischen Situation herausgelöst, numerisch aufgebläht – von etwa 50 Toten auf über 500 – und in eine Erzählung eingeschrieben, die auf Täter-Opfer-Umkehr zielt. Die Befreier werden zu Mördern, die SS-Männer zu Opfern, die KZ-Gedenkstätte zum Monument einer Lüge.

Historische Wirklichkeiten aber sind komplex. Gerade wenn es um rasch ablaufende Vorgänge auf einem weitläufigen und unübersichtlichen Gelände geht, an denen viele Menschen beteiligt sind, die sich extrem emotionalisiert in einer Ausnahmesituation befinden, „kann die historische Rekonstruktion nur eine Annäherung an die Wirklichkeit sein.“23 Diese Feststellung ist keine Schwäche der Geschichtswissenschaft, sondern ihr Ausweis von Redlichkeit. Und manchmal ist mehreres richtig: Die US-Soldaten verletzten mit ihrer eigenmächtigen Entscheidung, SS-Männer zu exekutieren, völkerrechtliche Normen ebenso wie amerikanisches Recht.24 Zudem haben sie im KZ nicht die Lager-SS angetroffen, die die Gräuel verursacht hatte – die waren bereits abgezogen und durch andere Einheiten ersetzt worden. Und trotz dieser Fakten kann man anerkennen, dass der Anblick der Leichenberge, der Sterbenden, der 32.000 sich noch im KZ befindlichen unterernährten Menschen25 den Kontext bildet, in dem diese Reaktionen stattfanden. Das ändert nichts an ihrer rechtlichen Bewertung, aber es verhindert, sie aus eben diesem Kontext herauszulösen – genau das, was revisionistische Akteur:innen tun: Wo Historiker:innen Unsicherheiten benennen, setzen sie Gewissheiten, wo Wissenschaft differenziert, vereinfachen sie, wo Quellen widersprüchlich sind, wählen sie die Version, die ihre These stützt. Die Erschießungen bei der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau sind für sie kein historischer Gegenstand, sondern ein Argument.

 

[Autorin: Berit Kö]

 

[1] Gunnar Mertz: Erich Johann Kernmayr (1906–1991). Vom Kommunisten zu einem der führenden rechtsextremen Publizisten der Bundesrepublik, in: Gideon Botsch, Christoph Kopke & Karsten Wilke (Hg.): Rechtsextrem: Biografien nach 1945, Berlin/Boston 2023, S. 189–209.

[2] Erich Kern: Verbrechen am deutschen Volk. Eine Dokumentation alliierter Grausamkeiten, Göttingen 1964, S. 20.

[3] Jürgen Zarusky: „That is not the American Way of Fighting“. Die Erschießungen gefangener SS-Leute bei der Befreiung des KZ Dachau, in: Dachauer Hefte 13, 1997, S. 27–55, hier S. 28.

[4] Ebd., S. 29.

[5] Ebd., S. 30.

[6] Matthias Wittmann: Mnemozid auf Shutter Island (2010). Scorseses Traumatologie des 20. Jahrhunderts, in: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 24/3, 2013, S. 79–102, hier S. 98.

[7] Michael Lanz ist scheinbar ein Selbstverleger aus Düsseldorf, geboren 1971 im Rheinland – so zumindest die Amazon-Autorenbiografie, die auffällig knapp und generisch ist. Er verlegt ausschließlich im eigenen Verlag, was die Nachverfolgbarkeit erschwert. Das Themenspektrum seiner Publikationen auffällig breit und inkohärent.

[8] Jürgen Zarusky: Die KZ-Gedenkstätte Dachau: Anmerkungen zu Geschichte eines umstrittenen historischen Ortes, in: Jürgen Danyel (Hg.): Die geteilte Vergangenheit. Zum Umgang mit Nationalsozialismus und Widerstand in beiden deutschen Staaten (Zeithistorische Studien 4), Berlin 1995, S. 187–196, hier S. 187.

[9] Jürgen Zarusky: „That is not the American Way of Fighting“, S. 36.

[10] Barbara Distel: Der 29. April 1945. Die Befreiung des Konzentrationslagers Dachau, in: Dachauer Hefte 1, 1985, S. 3–11, hier S. 9.

[11] Michael W. Perry (Hg.): Dachau liberated. The Official Report by the U.S. Seventh Army. Released Within Days of the Camp’s Liberation by Elements oft he 42nd and 45th Divisions, Seattle 2000, S. 29.

[12] Michael Löffelsender: Die Räumung Buchenwalds, in: Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, URL: https://liberation.buchenwald.de/otd1945/die-raeumung-buchenwalds (20.04.2026).

[13] Jürgen Zarusky: „That is not the American Way of Fighting“, S. 32f.

[14] Barbara Distel: Der 29. April 1945, S. 10.

[15] Jürgen Zarusky: „That is not the American Way of Fighting“, S. 27.

[16] Ebd., S. 53.

[17] Klaus-Dietmar Henke: Die amerikanische Besetzung Deutschlands (Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte 27), München 1995, S. 922.

[18] Jürgen Zarusky: „That is not the American Way of Fighting“, S. 40.

[19] Ebd., S. 52.

[20] Ebd., S. 30.

[21] Ebd., S. 54.

[22] Harold Marcuse: Nazi Crimes and Identity in West Germany. Collective Memories of the Dachau Concentration Camp, 1945–1990, Ann Arbor, Mich. 1992, S. 88.

[23] Jürgen Zarusky: „That is not the American Way of Fighting“, S. 52.

[24] Ebd., S. 54f.

[25] Barbara Distel: Der 29. April 1945, S. 11.


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