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Antizionismus von rechts: Eine Geschichte von 1920 bis in die 2000er Jahre

Während die antisemitische Verfolgungs- und Vernichtungspolitik des NS-Regimes heute weithin bekannt ist, ist ihr Antizionismus ein eher unbeachtetes Kapitel. Obwohl Hitler einen jüdischen Staat ablehnte, förderte das Regime zunächst die Auswanderung nach Palästina, um Jüdinnen und Juden aus Deutschland zu vertreiben. Ab 1937 verbündete es sich mit arabischen Nationalisten und plante, die Vernichtung auf den Nahen Osten auszudehnen. Nach 1945 nutzte die extreme Rechte die Ablehnung Israels, um die deutschen Verbrechen abzuwehren und ihren Antisemitismus über Umwege weiter zu verbreiten.

Anlässlich des 40. Todestages von Theodor Herzl, der als Vater des Zionismus gilt, hetzte der „Völkische Beobachter“ am 4. Juli 1944 unter der Schlagzeile „Der Zionismus und seine Gefahren“ gegen die „Hochfinanz“, die angeblich hinter dem Krieg stecke.
Anlässlich des 40. Todestages von Theodor Herzl, der als Vater des Zionismus gilt, hetzte der „Völkische Beobachter“ am 4. Juli 1944 unter der Schlagzeile „Der Zionismus und seine Gefahren“ gegen die „Hochfinanz“, die angeblich hinter dem Krieg stecke. ©Ausschnitt, Völkischer Beobachter, Wien, 4. Juli 1944

Antisemitismus als Kern des Nationalsozialismus

Der Antisemitismus gehört zum ideologischen Kernbestand des Nationalsozialismus. Im Parteiprogramm von 1920 forderte die NSDAP unter anderem, als jüdisch kategorisierte Menschen von der Staatsbürgerschaft auszuschließen, und verlangte die „Brechung der Zinsknechtschaft“ – eine Parole, die sich gegen das vermeintlich „jüdische Finanzkapital“ richtete. Der Antisemitismus diente als Welterklärungsformel: Juden und Jüdinnen würden hinter internationalen Krisen, Kriegen, Kapitalismus und Kommunismus gleichermaßen stecken. Die Propaganda machte aus einer weltweit verstreuten Diaspora eine verschworene „Gegenrasse“ im ewigen Kampf mit dem „Arier“. Nach der Machtübertragung 1933 begann die NSDAP mit der Umsetzung ihres antisemitischen Programms: als jüdisch kategorisierte Menschen wurden aus Berufen gedrängt, enteignet und entrechtet. Drängten die Nationalsozialist:innen bis 1941 noch auf deren Vertreibung, begann spätestens mit dem Überfall auf die Sowjetunion im Sommer 1941 der organisierte Massenmord durch Einsatzgruppen hinter der Front.

Der Antizionismus der NSDAP

Hitler bezeichnete die Errichtung eines jüdischen Staates im damaligen britischen Mandatsgebiet Palästina als ein Täuschungsmanöver des „Weltjudentums“, um eine „mit eigenen Hoheitsrechten ausgestattete, dem Zugriff anderer Staaten entzogene Organisationszentrale ihrer internationalen Weltbegaunerei [zu schaffen].“1 Diese Einschätzung teilte der NS-Chefideologe Alfred Rosenberg, auch wenn er die Gründung eines jüdischen Staates zwischenzeitlich als eine Möglichkeit ansah, als jüdisch kategorisierte Menschen aus Deutschland zu vertreiben.2 Dieses Kalkül prägte das Haavara-Abkommen, das das Reichswirtschaftsministerium im August 1933 mit zionistischen Organisationen schloss. Es erlaubte Auswandernden, einen Teil ihres Vermögens in Form deutscher Exportwaren nach Palästina mitzunehmen. Bis 1939 wanderten rund 60.000 deutsche Jüdinnen und Juden nach Palästina aus. 1937 schlug die britische Peel-Kommission vor, Palästina in einen jüdischen und einen arabischen Staat zu teilen. Das NS-Regime schwenkte daraufhin um: Das Auswärtige Amt wollte einen jüdischen Staat verhindern, Berlin suchte den Schulterschluss mit arabischen Nationalisten. Hatte Hitler in „Mein Kampf“ noch seine Ablehnung gegenüber Araber:innen geäußert, vermied nun die für Nordafrika und den Nahen Osten vorgesehene NS-Propaganda die Verwendung des Wortes „Antisemitismus“, um bei den neuen Bündnispartnern, die als Teil des semitischen Sprachraums begriffen wurden, keine Irritation auszulösen. Stattdessen wurden nun Formeln wie „Judengegnerschaft“ oder „Judenabwehr“ verwendet.3

Der Großmufti von Jerusalem, Amin al-Husseini, zu Besuch bei Adolf Hitler im November 1941 in Berlin.
Der Großmufti von Jerusalem, Amin al-Husseini, zu Besuch bei Adolf Hitler im November 1941 in Berlin. ©Bundesarchiv, Bild 146-1987-004-09A / Heinrich Hoffmann / CC BY-SA 3.0 DE

Die Achse Berlin–Jerusalem

Ein besonders enges Bündnis bahnte das NS-Regime ab 1937 mit dem Oberhaupt der Muslime im britischen Mandatsgebiet Palästina an: dem Großmufti von Jerusalem, Amin al-Husseini. Die Propaganda wetterte nun gegen die jüdische Einwanderung und stellte das NS-Regime als natürlichen Verbündeten der Muslime im Kampf gegen die zionistischen Eindringlinge dar. Aus deutscher Sicht war der radikale Nationalismus mit religiöser Prägung, den Husseini vertrat, gerade in Sachen Judenfeindschaft dem Nationalsozialismus wesensverwandt. Auf arabischer Seite vermochte es Husseini, die sich zuspitzende Konkurrenzsituation, die mit der jüdischen Einwanderung einherging, in einen religiös und antisemitisch aufgeladenen Konflikt zu verwandeln. Zwischen Berlin und Jerusalem entwickelte sich eine enge Kooperation: Husseini beteiligte sich an der Rekrutierung muslimischer Kämpfer für die SS-Division „Handschar“. In Radiosendungen, die aus Berlin in den Nahen Osten ausgestrahlt wurden, verbreitete er antisemitische Verschwörungserzählungen. Die dortige Bevölkerung sollte auf den Kampf gegen die Kolonialmächte Frankreich und Großbritannien eingeschworen werden, die als die Handlanger der „Zionisten“ dargestellt wurden. Tatsächlich hatte die britische Regierung die jüdische Einwanderung nach Palästina 1939 auf 75.000 Menschen in fünf Jahren begrenzt. Zuvor war es zwischen 1936 und 1939 zum Arabischen Aufstand gekommen, der vor allem von italienischer, aber auch deutscher Seite mit Waffen unterstützt wurde.4 Für den Großmufti war das Bündnis keine Gelegenheitsfreundschaft, sondern Resultat eines Kampfes gegen einen „gemeinsamen Feind“.5 Hitler wiederum stellte Husseini bei einem Treffen im November 1941 in Berlin die Ausdehnung der „Endlösung der Judenfrage“ auf den Nahen Osten in Aussicht, sobald die Sowjetunion geschlagen sei.6 Ein Ziel, das nur durch den Widerstand der Roten Armee sowie den britischen Sieg bei El-Alamein 1942 verhindert werden konnte. Wie nachhaltig die NS-Propaganda den Antisemitismus in der arabischen Welt geprägt hat, ist in der Forschung bis heute umstritten.

Amin al-Husseini 1943 bei der Inspektion einer bosnischen SS-Einheit.
Amin al-Husseini 1943 bei der Inspektion einer bosnischen SS-Einheit. ©Bundesarchiv, Bild 146-1978-070-04A / Mielke / CC-BY-SA 3.0

Kriegsende und Staatsgründung

Der systematische Massenmord, den die Nazis an sechs Millionen als jüdisch kategorisierten Menschen begangen hatte, diskreditierte die Ideologie der extremen Rechte. Mit dem Zusammenbruch des NS-Regimes verschwand sie nicht; auch die antisemitischen Tendenzen innerhalb der deutschen Bevölkerung blieben erhalten,  wie Umfrageergebnisse nach dem Krieg belegen: 1952 hegten über 30 Prozent weiterhin judenfeindliche Einstellungen, über 50 Prozent fühlten sich für die NS-Verbrechen nicht verantwortlich und lehnten Entschädigungen an die Opfer ab.7 Die deutsche Mehrheitsgesellschaft äußerte ihre Ressentiments vor allem in Form von Abwehr- und Entlastungsnarrativen, welche die eigene Verstrickung in den Nationalsozialismus verharmlosen sollten. Die Überlebenden harrten nach der Befreiung in Lagern für „Displaced Persons“ aus. Nach und nach wurde versucht, sie in ihre Heimat zu repatriieren – sofern es einen Ort gab, an den sie zurückkehren konnten – oder sie wanderten bspw. in die USA oder in das britische Mandatsgebiet Palästina aus. Für viele Juden und Jüdinnen schien die Errichtung einer Heimstätte im biblischen Kernland die einzige Option: Nie wieder wollte die jüdische Gemeinschaft wehrlos dem Antisemitismus der Mehrheitsgesellschaft ausgeliefert sein. Mit dem UN-Teilungsplan vom 29. November 1947, der die Gründung eines arabischen und eines jüdischen Nationalstaates vorsah, sollte die Idee des Zionismus Realität werden. Die jüdische Seite nahm den Plan an, die arabischen Staaten und die palästinensische Führung unter Husseini lehnten ihn ab. Unmittelbar danach brach ein Bürgerkrieg zwischen jüdischen und arabischen Verbänden aus. Die Unabhängigkeitserklärung, die David Ben-Gurion am 14. Mai 1948 verkündete, beantworteten Ägypten, Transjordanien, Syrien, der Irak und der Libanon mit einer Invasion, unterstützt von lokalen arabischen Milizen. Der Krieg endete 1949 mit Waffenstillstandsabkommen zwischen Israel und Ägypten, dem Libanon, Transjordanien und Syrien. Israel kontrollierte nun rund 78 Prozent des Mandatsgebiets statt der im Teilungsplan vorgesehenen 56 Prozent. Transjordanien besetzte das Westjordanland mit Ostjerusalem, Ägypten den Gazastreifen. Einen arabischen Staat in Palästina gab es nicht, Jerusalem war geteilt. Während und nach den Kämpfen flohen hunderttausende Araber:innen oder wurden vertrieben. Von palästinensischer Seite wird dieses Ereignis heute als „Nakba“ bezeichnet – als Katastrophe.

NS-Kontinuitäten nach 1945

Nach 1945 dienten sich einige NS-Eliten Regimen in Nordafrika sowie dem Nahen Osten an – ein weiteres Beispiel für die ausgebliebene, aber lange Zeit beschworene „Stunde Null“. So arbeitete Johann von Leers, SS-Mitglied und Autor zahlreicher Hetzschriften, ab 1956 für den Propagandaapparat des ägyptischen Diktators Gamal Abdel Nasser. Nasser drohte Israel regelmäßig mit der Vernichtung und leugnete 1964 in einem Interview mit der rechtsextremen „Deutschen National-Zeitung und Soldaten-Zeitung“ den Holocaust.8 Alois Brunner, der eine zentrale Rolle im Holocaust spielte, arbeitete für das mit Ägypten verbundene Syrien und bildete dessen Geheimdienst aus. Brunner gelangte 1954 wahrscheinlich mit Unterstützung der „Organisation Gehlen“, eines Vorläufers des Bundesnachrichtendienstes, nach Syrien. Er war in Waffenverkäufe verwickelt, die er mit Otto Ernst Remer abwickelte.9 Remer wiederum war Kommandeur des Berliner Wachbataillons „Großdeutschland“ und schlug am 20. Juli 1944 den Umsturzversuch der Widerstandsgruppe um Claus Schenk Graf von Stauffenberg nieder. Nach 1945 avancierte er zu einer der Führungsfiguren der „Sozialistischen Reichspartei“ (SRP), die Israel als „Feindstaat“ betrachtete.10 Als Bundeskanzler Konrad Adenauer das Luxemburger Abkommen (1952) mit Israel und der Jewish Claims Conference aushandelte, unterstützte die SRP eine regelrechte Hetzkampagne gegen den Vertrag. Dabei behauptete Remer, die Gaskammer im Konzentrationslager Dachau sei erst nach der Befreiung des Lagers durch die US-Amerikaner gebaut worden, um das Deutsche Reich zu diskreditieren.11 Tatsächlich wurde die Gaskammer von der SS errichtet, nach heutigem Forschungsstand aber nicht für den Massenmord eingesetzt. Die Logik hinter Remers Vorstoß: Wo kein Verbrechen stattfand, braucht es auch keine Entschädigung. Israel und seine Bürger:innen, darunter hunderttausende Überlebende, waren jedoch der lebende Beweis für die NS-Verbrechen. Im Oktober 1952 verbot das Bundesverfassungsgericht die SRP, Remer sollte Zeit seines Lebens ein zentraler Akteur der extremen Rechten bleiben.

Auch alte Verbündete des NS-Regimes machten gegen das Abkommen mobil. Husseini, der inzwischen in Kairo lebte, forderte Adenauer am 7. Juni 1952 in einem Brief auf, die Verhandlungen zu stoppen. Darin behauptete er, „die Juden“ planten, „sich alle Ländereien einzuverleiben, die zwischen Nil und Euphrat liegen“.12 Auch weite Teile von Adenauers CDU/CSU stimmten dem Abkommen nicht zu. Nur mit Stimmen der oppositionellen SPD konnten Zahlungen, Güter und Dienstleistungen im Wert von 3,5 Milliarden Mark im Bundestag durchgesetzt werden.

Die Führung der SRP im Jahr 1952 (von links nach rechts): Der ehemalige Schulungsleiter einer NS-Ordensburg und 1. Vorsitzende Fritz Dorls, der ehemalige Generalmajor und 2. Vorsitzende Otto Ernst Remer sowie der ehemalige SS- und HJ-Führer Wolf Graf von Westarp.
Die Führung der SRP im Jahr 1952 (von links nach rechts): Der ehemalige Schulungsleiter einer NS-Ordensburg und 1. Vorsitzende Fritz Dorls, der ehemalige Generalmajor und 2. Vorsitzende Otto Ernst Remer sowie der ehemalige SS- und HJ-Führer Wolf Graf von Westarp. ©Bundesarchiv, Bild 183-15845-0010 / CC-BY-SA 3.0

Holocaust-Leugnung und Antizionismus

Für die extreme Rechte in Deutschland sollte die Ablehnung Israels konstituierend bleiben. Mit der zunehmenden Aufarbeitung der NS-Verbrechen seit den 1960er Jahren wurden jedoch nicht nur weit verbreitete Abwehr- und Entlastungsnarrative der deutschen Mehrheitsgesellschaft in Frage gestellt, auch die extreme Rechte geriet in Bedrängnis. Die Szene begegnete dem in den 1970er Jahren mit geschichtsrevisionistischen Publikationen, die den Holocaust als das Produkt einer angeblichen „jüdischen Fälscherclique“ darstellten, um die Deutschen zu diskreditieren und der Weltgemeinschaft den Staat Israel abzupressen. Teile der rechtsextremen Szene versuchten ihren Antisemitismus über Umwegkommunikation zu verbreiten: Eine Möglichkeit bestand im Einsatz für die palästinensische Nationalbewegung, womit die extreme Rechte an die antizionistische Politik des NS-Regimes anknüpfte. Dieser neuerliche Kampf gegen die „Zionisten“ wurde mit der antiimperialistischen Rhetorik des Kalten Krieges aufgeladen.

Galt Israel in linken Milieus bis 1967 als notwendiger Zufluchtsort für Juden und Jüdinnen weltweit, kippte die Wahrnehmung infolge des Sechstagekriegs in ihr Gegenteil. Nachdem der ägyptische Präsident Nasser im Mai 1967 an der Grenze zu Israel über 100.000 Soldaten zusammengezogen und die Straße von Tiran gesperrt hatte, zerschlug Israel die ägyptische sowie die verbündete syrische Luftwaffe in einem präemptiven Schlag. In der Folge besetzte es die ägyptische Halbinsel Sinai, Gaza, das von Jordanien kontrollierte Ostjerusalem und Westjordanland sowie die syrischen Golanhöhen.13 Der Zwergstaat erschien vormaligen Israel-Sympathisant:innen nun als Aggressor und Kolonisator – eine Einordnung, die für deutsche Rechtsextremisten anschlussfähig war und die Möglichkeit zur Schuldumkehr bot. Udo Albrecht, Mitglied des „Freikorps Adolf Hitler“, gründete 1970 die „Volks-Befreiungsfront Deutschland“, die Deutschland von den „Besatzern“, also den stationierten alliierten Truppen, „befreien“ sollte. Im „Schwarzen September“ 1970 kämpfte er an der Seite der palästinensischen Fatah gegen die jordanische Armee. Über Albrecht kam auch der Neonazi Willi Pohl mit der Fatah in Kontakt. In den Wochen vor dem Olympia-Attentat 1972 half Pohl Abu Daoud, einem der Organisatoren des Anschlags, Pässe zu fälschen, und fuhr ihn durch die Bundesrepublik.14 Ob Pohl das Ziel kannte, ist ungeklärt. Bei dem Anschlag der palästinensischen Terrorgruppe „Schwarzer September“, die sich nach den Kämpfen in Jordanien benannt hatte, wurden elf israelische Sportler und ein deutscher Polizist getötet. Später führte Albrecht Karl-Heinz Hoffmann, den Leiter der rechtsterroristischen „Wehrsportgruppe Hoffmann“, bei der Fatah ein.15 Hoffmann war bekennender Holocaustleugner und verkaufte der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) ausrangierte Militärfahrzeuge. Nach dem Verbot der Wehrsportgruppe im Januar 1980 führte er sie im Libanon als „Wehrsportgruppe Ausland“ fort. Ihre Mitglieder trainierten 1980/81 in Lagern der PLO.16 Einer von ihnen, Uwe Behrendt, ermordete im Dezember 1980 in Erlangen den jüdischen Verleger Shlomo Lewin und dessen Lebensgefährtin Frida Poeschke.

Rechtsextremer Antizionismus nach 1990

Auch nach der Wiedervereinigung setzten Teile des neonazistischen Milieus diese Querfront-Taktik fort. Im Golfkrieg 1991, in dem der Irak auch Israel mit Raketen angriff, suchten deutsche Neonazis den Schulterschluss mit Saddam Hussein. Anfang 1991 kündigte Michael Kühnen an, Freiwillige für den Irak anzuwerben.17 In den 2000er Jahren zeigten sich Neonazis auf Demonstrationen immer wieder mit der Kufiya, dem durch Jassir Arafat als Symbol der palästinensischen Nationalbewegung popularisierten Halstuch. Auch die internationale Leugner:innenszene versuchte an die Palästinasolidarität anzudocken: So forderte der Holocaustleugner Robert Faurisson auf einer Konferenz des geschichtsrevisionistischen „Institute for Historical Review“ 2001 im jordanischen Amman die „Führer der arabischen Welt“ auf, den Holocaust als eine Erfindung der „Zionisten“ anzuerkennen: Palästinenser:innen und Revisionist:innen führten denselben Kampf gegen die „Lüge des Holocaust“.18 Im Sommer 2006, kurz nach Beginn des Libanonkriegs, stimmte der langjährige NPD-Vorsitzende Udo Voigt nach einer Kundgebung im niedersächsischen Verden den Sprechchor „Israel – internationale Völkermordzentrale!“ an.19 Die Parole erinnert an Hitlers Ausspruch von der „Organisationszentrale“ und reproduziert den antisemitischen Mythos angeblicher jüdischer Vernichtungspläne. Einen staatlichen Partner fand die Szene im islamistischen Regime im Iran: Zu der von Präsident Mahmud Ahmadinedschad im Dezember 2006 ausgerichteten Holocaustleugner-Konferenz in Teheran reiste neben Faurisson auch der Kölner NPD-Funktionär Benedikt Frings. Die rechtsextreme Zeitung „Nation & Europa“ erhoffte sich unter dem Titel „Danke, Herr Präsident“ von der Konferenz eine Befreiung aus der „immerwährenden Schuldknechtschaft“ des Holocaust.20  

Einordnung

Der Antizionismus war kein Randthema nationalsozialistischer Ideologie, sondern Teil ihres antisemitischen Weltbilds: Ein möglicher jüdischer Staat galt als Zentrale einer angeblichen Weltverschwörung, das Bündnis mit dem Großmufti sollte die Vernichtung auf den Nahen Osten ausdehnen. Nach 1945 überdauerte diese Propaganda – auch durch personelle Kontinuitäten deutscher Altnazis in der Bundesrepublik oder in den Staatsapparaten autoritärer Regime in Ägypten oder Syrien. Seit den 1970er Jahren versuchten neonazistische Kader über einen antiimperialistisch aufgeladenen Antizionismus neue Milieus zu erreichen und Bündnisse zu schmieden. Für die extreme Rechte erfüllt der Antizionismus bis heute zwei zentrale Funktionen: Einerseits dient er der Schuldabwehr. Israel wird wahlweise als Nutznießer oder sogar „Erfinder“ des Holocaust bis hin zur angeblichen „Völkermordzentrale“ erklärt. Damit werden die NS-Verbrechen relativiert, geleugnet oder völlig umgekehrt. Zum anderen bietet der Antizionismus die Möglichkeit der Umwegkommunikation: Über vermeintliche „Israel-Kritik“ lassen sich antisemitische Verschwörungserzählungen und Ressentiments äußern, ohne konkret von Juden und Jüdinnen sprechen zu müssen – um so bis in die Mitte der Gesellschaft anschlussfähig zu sein. Diese antizionistische Traditionslinie reicht von der „Organisationszentrale“ in Hitlers „Mein Kampf“ bis zur „Völkermordzentrale“ der NPD: Die Bilder und Akteur:innen haben sich verändert, ihre Funktion aber ist geblieben.

 

 

[Autor: Jakob Schergaut]

[1] Christian Hartmann/Thomas Vordermeyer/u.a. (Hrsg.): Hitler: Mein Kampf. Eine kritische Edition, Bd. 1, 13. Aufl. München 2022, S. 344.

[2] Jeffrey Herf: Nationalsozialistischer Antizionismus. Drei Gesichter des Antisemitismus, Leipzig und Berlin 2025, hier S. 72.

[3] Ebd., S. 74.

[4] Ebd., S. 76.

[5] Ebd., S. 81.

[6] Zitiert nach: Ebd., S. 85f.

[7] Werner Bergmann/Rainer Erb: Antisemitismus in der Bundesrepublik Deutschland Ergebnisse der empirischen Forschung von 1946-1989. Opladen 1991, S. 258.

[8] Zitiert nach: Rainer A. Blasius: „Völkerfreundschaft“ am Nil: Ägypten und dir DDR im Februar 1965. In: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 46 (1998), H. 4, S. 774–805, München, hier S. 752.

[9] Aiko Kempen: Die Geheimdienst-Akten über Alois Brunner. Frag den Staat, dort datiert 30.06.2023, URL: https://fragdenstaat.de/artikel/exklusiv/2023/06/alois-brunner-gehlen-akten-verfassungsschutz/ (27.10.2026).

[10] Otto Büsch: Geschichte und Gestalt der SRP. Rechtsradikalismus im Nachkriegsdeutschland, Berlin und Frankfurt am Main 1957 (9).

[11] Zitiert nach: Martin E. Lee: The Beast reawakens. London 1997, S. 50.

[12] Ulrike Becker: Deutsch-arabische Allianzen gegen Israel in der Nachkriegszeit. In: CARS Working Papers (2025), H. 38, S. 9.

[13] Der Sinai ging in Folge des Camp-David-Abkommens und des Friedenschlusses von 1978 an Ägypten zurück. Gaza steht seit 1994 unter palästinensischer Verwaltung und wurde 2005 vollständig von Israel geräumt, ist in Folge des 7. Oktober 2023 aber wieder in Teilen besetzt. Ost-Jerusalem sowie das Westjordanland sowie Teile des Golan stehen bis heute unter israelischer Kontrolle.

[14] Deutsche Neonazis halfen Olympia-Attentätern. In: Spiegel, 17.06.2012.

[15] Bundesregierung: Drucksache 9/982. Deutscher Bundestag, dort datiert 05.11.1981, URL: https://dserver.bundestag.de/btd/09/009/0900982.pdf (27.10.2026).

[16] Armin Pfahl-Traughber: Rechtsextremismus in Deutschland. Eine kritische Bestandsaufnahme. Wiesbaden 2019, S. 149–150.

[17] Neo-Nazis Want to Join Iraqi Forces. In: Los Angeles Times, 22.01.1991.

[18] Robert Faurisson: The Leaders of the Arab States should quit their Silence on the Imposture of the „Holocaust“. Radio Islam, dort datiert 22.03.2001, URL: https://islam-radio.net/islam/english/revision/faur-beirut.htm (18.11.2025).

[19] Joanna Kosowksa: NPD-Chef nach Nazidemo  festgenommen. In: TAZ (2006).

[20] Zitiert nach: Wolfgang Benz: Die Funktion von Holocaustleugnung und Geschichtsrevisionismus für die rechte Bewegung. In: Stephan Braun/Alexander Geisler/Martin Gerster (Hrsg.): Strategien der extremen Rechte, 2. Aufl., Wiesbaden 2016, hier S. 213.

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