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Vom „Schuldkult“ zur „Remigration“: Strategien der Neuen Rechten

Die Erinnerung an die NS-Verbrechen ist für die Neue Rechte kein historisches Erbe, sondern ein politisches Hindernis. Solange sie fortbestehe, so die Logik, könnten die Deutschen nicht souverän über ihr Schicksal entscheiden. Erst wenn der sogenannte „Schuldkult“ gebrochen sei, könne sich Europa gegen eine angeblich gesteuerte Masseneinwanderung wehren. Die Delegitimierung der Erinnerungskultur ist keine geschichtspolitische Randnotiz – sie ist die ideologische Voraussetzung für die „Remigration“.

Der mittlerweile aus der AfD ausgeschlossene Stefan Räpple plädierte am 27. Januar 2020, dem internationalen Holocaustgedenktag, „Schluß mit dem Schuldkult" zu machen. Links ist Räpple zu sehen, der schützend vor dem Brandeburgertor, den deutschen Nationalfarben sowie u.a. Goethe und Schiller posiert. Rechts wird Bundespräsident Frank Walter Steinmeier in großen Lettern des „Schuldkults" bezichtigt.
Der mittlerweile aus der AfD ausgeschlossene Stefan Räpple plädierte am 27. Januar 2020, dem internationalen Holocaustgedenktag, „Schluß mit dem Schuldkult" zu machen. ©Screenshot, https://x.com/jochenbittner/status/1221709120341934081?lang=bn, aufgerufen am 13.08.2024

„Schuldkult“ als zentraler Begriff der Neuen Rechten

Bereits in den 1960er-Jahren kursierte der Begriff „Schuldkomplex“, der der zunehmenden juristischen Aufarbeitung von NS-Verbrechen (Eichmann-Prozess, Frankfurter Auschwitz-Prozesse) einen pathologischen Charakter unterstellete. In den 1980er- und 1990er-Jahren etablierte sich der sogenannte Schuldkult als zentraler Kampfbegriff, auch wenn sein genauer Ursprung heute nicht eindeutig geklärt ist. Franz Schönhuber, ehemaliges Mitglied der Waffen-SS und späterer Gründer der „Republikaner“, diffamierte 1981 in seiner Autobiografie die „Vergangenheitsbewältigung“ als „Dauerkarte nach Canossa“.1 Der Geschichtsrevisionist Heinz Nawratil sprach 1982 von einer angeblichen „Schuldneurose“.2 In jüngerer Zeit wurde dieser Topos vermehrt von Politiker:innen der AfD aufgegriffen. Ein Beispiel dafür ist die berüchtigte Rede des ehemaligen Vorsitzenden Alexander Gauland, der den Nationalsozialismus als „Vogelschiss“ in der deutschen Geschichte bezeichnete, sowie Björn Höckes Forderung nach einer erinnerungspolitischen 180-Grad-Wende. In der Darstellung der extremen Rechten schafft die angebliche Fixierung auf die NS-Verbrechen ein Klima der Schuld, das die Deutschen daran hindern würde, ihre Zukunft selbstbestimmt und frei von politischen Tabus zu gestalten. Als angebliche  Strippenzieher hinter dem „Schuldkult“ werden häufig die Alliierten, „globale Eliten“, „Zionisten“ oder die aktuelle Regierung als deren unwissentliche Helfer:innen genannt. 

Die Correctiv-Recherchen: Vom „Schuldkult“ zum „Ethnomasochismus“

Das Thema erlangte neue Aktualität im Zuge der Correctiv-Recherchen zum sogenannten Potsdam-Treffen im Januar 2024. Unter den Referenten war auch der österreichische Rechtsextremist Martin Sellner, der seinen „Masterplan zur Remigration“ vorstellte. Im April 2024 veröffentlichte er die Originalfassung seines Referats unter dem Titel „Remigration. Ein Vorschlag“ als eigenes Buch.3 Die Grundzüge seiner Überlegungen hatte er bereits ein Jahr zuvor in „Regime Change von rechts“ dargelegt. Beide Bücher wurden im Antaois-Verlag durch Götz Kubitschek verlegt, Kopf hinter dem offiziell aufgelösten  Institut für Staatspolitik in Schnellroda.
Laut Sellner sei die eigene nationale Zugehörigkeit durch die Erinnerung an die NS-Verbrechen diskreditiert; das deutsche Volk würde unter einem „Ethnomasochismus“ leiden.4 Der Mitbegründer der österreichischen Identitären behauptet, dass ein „negatives, von Schuldgefühl und Wiedergutmachung geprägtes Nationalgefühl […] zur Negation der nationalen Existenz [führt].“5 Der angebliche „Schuldkult“ wird so als Bedrohung für die deutsche Nation und das ethnisch definierte Volk dargestellt. 

Martin Sellner (links) und Götz Kubitschek (rechts) bei der Präsentation des Buches "Regime Change von rechts" am 09.06.2023 in Schnellroda.
Martin Sellner (links) und Götz Kubitschek (rechts) bei der Präsentation des Buches „Regime Change von rechts" am 09.06.2023 in Schnellroda. ©Screenshot, https://www.youtube.com/watch?v=7b1yAZ96EI0, 12.08.2024

Großer Austausch und Remigration

War der „Schuldkult“ in der Erzählung vom Republikaner-Gründer Schönhuber noch ein recht abstraktes Mittel, die deutsche Nation kleinzuhalten, erfüllt er für die Neue Rechte eine konkrete, politische Funktion. In ihrer Erzählung steht der „Schuldkult“ im Dienst des „großen Austauschs“. Der Begriff geht auf das 2011 erschienen Buch „Le grand remplacement“ des französischen Autoren Renaud Camus zurück. Camus behauptete, die Regierungen europäischer Länder würden gezielt muslimische und nicht-weiße Migrant:innen ins Land holen, um die weiße Mehrheitsbevölkerung zu ersetzen. Viele Anhänger:innen vermuten hinter dem „Großen Austausch“ nicht die eigene Regierung, sondern geheime Eliten. Das Narrativ wurde innerhalb weniger Jahre von Rechtsextremen weltweit übernommen. Die Verschwörungstheorie, die Antisemitismus und (antimuslimischen) Rassismus verbindet, genießt auch im deutschsprachigen Raum unter Rechtsextremen große Popularität. So spricht auch Björn Höcke beispielsweise in seinem 2018 erschienen Buch vom „Volkstod durch den Bevölkerungsaustausch.“6 Die Verbindung beider Narrative schafft die ideologische Grundlage für die „Remigration“: In der Argumentationslogik der extremen Rechten erscheint die angestrebte Vertreibungspolitik als „Notwehr“ gegen angeblich allmächtige globale Eliten, die durch den „Schuldkult“ den „großen Austausch“ zulassen würden. Der „Schuldkult“ fungiert dabei als mal bewusstes, mal unterbewusstes Unterdrückungsinstrument, das die Deutschen daran hindere, sich selbstbewusst gegen den angeblichen „Austausch“ zu wehren. Die geplante rassistische Politik wird so zum heroischen und unvermeidbaren Handlungsauftrag stilisiert.

Der nationalsozialistische Präzedenzfall: Vertreibung als Staatspolitik

Die Fantasien der Neuen Rechten von einer ethnisch homogenen Nation haben einen konkreten historischen Vorläufer – und der liegt nicht fern. Die nationalsozialistische Bevölkerungspolitik verfolgte von Anfang an das Ziel, einen nach rassistischen Kriterien definierten „Volkskörper“ zu schaffen und zu sichern. Bereits die sogenannten Nürnberger Gesetze von 1935 zielten auf die rechtliche Ausgrenzung und schrittweise Vertreibung der jüdischen Bevölkerung aus dem Deutschen Reich. Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs und der Besetzung Osteuropas erhielt diese Politik eine neue, mörderische Dimension. Der sogenannte Generalplan Ost, der ab 1941 im Reichssicherheitshauptamt (RSHA) entwickelt wurde, sah die Umsiedlung, Versklavung oder Vernichtung großer Teile der slawischen Bevölkerung in den besetzten Ostgebieten vor – um Raum für deutsche Siedler:innen zu schaffen. Pol:innen, Ukrainer:innen, Weißruss:innen und andere Bevölkerungsgruppen sollten nach dem Willen des RSHA innerhalb von 25 Jahren weitgehend verdrängt werden. Parallel dazu wurde die jüdische Bevölkerung Europas systematisch ermordet. Die nationalsozialistische Bevölkerungspolitik war damit kein Randphänomen, sondern ideologischer Kern des Regimes: die gewaltsame Herstellung einer ethnisch „reinen“ Ordnung durch Vertreibung und Vernichtung. Wenn die Neue Rechte heute von „Remigration“ spricht und dabei die Erinnerung an eben diese Verbrechen als „Schuldkult“  diffamiert, tilgt sie nicht nur die Erinnerung – sie öffnet den Raum für eine Politik, deren Logik historisch bekannt ist.

Die Gamifizierung von Vertreibungspolitik 

Das, was die Neue Rechte als „Remigration“ bezeichnet, ist ein gewaltvoller, politischer Akt, der Bürger:innen ihrer zentralen Rechte, ihres Lebensmittelpunkts und ihrer Existenz berauben würde. Wie konkret die Pläne zur Vertreibung von Menschen aus Deutschland bei den Rechtsextremen vorangeschritten sind, zeigte nicht zuletzt das sogenannte Potsdam-Treffen. Ausgewiesen werden sollen „Asylbewerber, Ausländer mit Bleiberecht – und nicht assimilierte Staatsbürger“.7 Die Junge Alternative hatte den vorgegebenen Ton im Zuge der Landtagswahlen 2024 in Brandenburg, Sachsen und Thüringen aufgegriffen und ein Browser-Game freigeschaltet, das in 8-Bit-Optik „millionenfache Abschiebung" von Menschen mit dunkler Hautfarbe gamifizierte. 

Im Rahmen der Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen wurde über diverse AfD-Kanäle am 05. August 2024 ein Browser-Game in 8-Bit Optik beworben, bei dem man unter anderem mit dem Protagonisten Chad "millionenfach abschieben" musste, um In-Game-Punkte zu erhalten. Die Seite ist mittlerweile nicht mehr zu erreichen.
Im Rahmen der Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen wurde über diverse AfD-Kanäle am 05. August 2024 ein Browser-Game in 8-Bit Optik beworben, bei dem man unter anderem mit dem Protagonisten Chad "millionenfach abschieben" musste, um In-Game-Punkte zu erhalten. Die Seite ist mittlerweile nicht mehr zu erreichen. ©Screenshot, https://x.com/ja_thueringen/status/1819052188901019791, aufgerufen am 12.08.2024

Einordnung

Die Neue Rechte diffamiert die etablierte Erinnerungskultur als Mittel zur Unterdrückung der Deutschen, das sie an einer souveränen und tabufreien Politikgestaltung hindern würde. Mit dem „Schuldkult“-Narrativ soll nicht nur die Erinnerung an die NS-Verbrechen delegitimiert werden – es sollen auch Politiken, die aus der Reflexion über die Vergangenheit zu Recht tabuisiert sind, wieder als denkbare Alternative erscheinen.

Die Geschichte wiederholt sich nicht einfach, und die AfD plant weder einen Angriffskrieg noch einen Völkermord. Aber die Verbindung von Geschichtsrevisionismus und gegenwärtiger Vertreibungspolitik folgt einer spezifischen Logik: Die Angriffe auf die Erinnerungskultur sind keine bloß geschichtspolitischen Positionierungen – sie dienen der Legitimierung einer Politik, die Menschen auf Grundlage ethnischer und rassistischer Kriterien aus Deutschland vertreiben will. Die Angriffe auf den „Schuldkult“ sollen den Weg für „massenhafte Remigration“ freimachen. 

 


[Autor: Jakob Schergaut, aktualisiert am 10.02.2026]

1 Franz Schönhuber: Ich war dabei, München, 1981, S. 19

2 Heinz Nawratil: Schwarzbuch der Vertreibung 1945-1948. Das letzte Kapitel unbewältigter Vergangenheit, München 1982.

3 Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes: Sellners Rechtfertigungsnummer. Neues von ganz rechts – April 2024, URL: https://www.doew.at/erkennen/rechtsextremismus/neues-von-ganz-rechts/archiv/april-2024/sellners-rechtfertigungsnummer (12.08.2024).

4 Martin Sellner: Regime Change von rechts. Schnellroda 2023, S. 7. Tatsächlich hat bereits der Vordenker der neuen Rechten, Armin Mohler, in der sogenannten Spiegel-Affäre 1962 den Begriff des „Nationalmasochismus“ eingebracht. Sellner schenkt also alten Wein aus neuen Schläuchen ein.

5 Ebd., S. 20.

6 Björn Höcke: Nie zweimal in denselben Fluss. Björn Höcke im Gespräch mit Sebastian Henning, 3. Aufl. Lüdinghausen und Berlin 2019, S. 216.

7 Correctiv: Geheimplan gegen Deutschland. Corretiv.org, dort datiert 10.01.2024, URL: https://correctiv.org/aktuelles/neue-rechte/2024/01/10/geheimplan-remigration-vertreibung-afd-rechtsextreme-november-treffen/ (12.08.2024).


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