Einfache Sprache Kontakt Impressum Datenschutz Spenden

„Schuldkult“ und „Remigration“: Die Strategie von AfD und Neuer Rechten

Die Erinnerung an den Holocaust ist ein zentrales Angriffsziel des rechten Geschichtsrevisionismus. Bis in die 1990er Jahre dominierten Versuche, den Massenmord an den europäischen Juden und Jüdinnen unter Verwendung pseudowissenschaftlicher Methoden zu relativieren oder gänzlich zu leugnen. Heute verfolgen AfD und die sogenannte Neue Rechte eine subtilere, aber ebenso gefährliche Strategie: Sie greifen den „Schuldkult" an, um ein völkisch-nationalistisches Geschichtsbild zu etablieren und rassistische Politik zu legitimieren.

Der mittlerweile aus der AfD ausgeschlossene Stefan Räpple plädierte am internationalen Holocaust-Gedenktag am 27.01.2020 "Schluß mit dem Schuldkult" zu machen.
Der mittlerweile aus der AfD ausgeschlossene Stefan Räpple plädierte am internationalen Holocaust-Gedenktag am 27.01.2020 "Schluß mit dem Schuldkult" zu machen. ©Screenshot, https://x.com/jochenbittner/status/1221709120341934081?lang=bn, aufgerufen am 13.08.2024

„Schuldkult“ als zentraler Begriff der Neuen Rechten

Bereits in den 1960er-Jahren kursierte der Begriff „Schuldkomplex", der der zunehmenden juristischen Ahndung von NS-Verbrechen (Eichmann-Prozess, Frankfurter Auschwitz-Prozesse) einen pathologischen Charakter unterstellen sollte. In den 1980er- und 1990er-Jahren etablierte sich der „Schuldkult" als zentraler Kampfbegriff, auch wenn sein genauer Ursprung heute nicht eindeutig geklärt ist. Franz Schönhuber, ehemaliges Mitglied der Waffen-SS und späterer Gründer der „Republikaner“, diffamierte 1981 in seiner Autobiografie die „Vergangenheitsbewältigung" als „Dauerkarte nach Canossa".1 Der Geschichtsrevisionist Heinz Nawratil sprach 1982 von einer angeblichen „Schuldneurose".2 In jüngerer Zeit wurde dieser Topos vermehrt von Politiker:innen der AfD aufgegriffen. Ein Beispiel dafür ist die berüchtigte Rede des ehemaligen Vorsitzenden Alexander Gauland, der den Nationalsozialismus als „Vogelschiss“ in der deutschen Geschichte bezeichnete, sowie Björn Höckes Forderung nach einer erinnerungspolitischen 180-Grad-Wende. In der Darstellung der extremen Rechten schafft die angebliche Fixierung auf den Holocaust ein Klima der Schuld, das die Deutschen daran hindern würde, ihre Zukunft selbstbestimmt und frei von politischen Tabus zu gestalten. Als angebliche  Strippenzieher hinter dem „Schuldkult“ werden häufig die Alliierten, „globale Eliten“, „Zionisten“ oder die aktuelle Regierung als deren unwissentliche Helfer:innen genannt. 

Die Correctiv-Recherchen: Vom „Schuldkult" zum „Ethnomasochismus"

Das Thema erlangte neue Aktualität im Zuge der Correctiv-Recherchen zum sogenannten Potsdam-Treffen im Januar 2024. Unter den Referenten war auch der österreichische Rechtsextremist Martin Sellner, der seinen „Masterplan zur Remigration“ vorstellte. Im April 2024 veröffentlichte er die Originalfassung seines Referats unter dem Titel „Remigration. Ein Vorschlag“ als eigenes Buch.3 Die Grundzüge seiner Überlegungen hatte er bereits ein Jahr zuvor in „Regime Change von rechts“ dargelegt. Beide Bücher wurden im Antaois-Verlag durch Götz Kubitschek verlegt, Kopf hinter dem offiziell aufgelösten  Institut für Staatspolitik in Schnellroda.
Laut Sellner sei die eigene nationale Zugehörigkeit durch die Erinnerung an die NS-Verbrechen diskreditiert; das deutsche Volk würde unter einem „Ethnomasochismus“ leiden.4 Der Mitbegründer der österreichischen Identitären behauptet, dass ein „negatives, von Schuldgefühl und Wiedergutmachung geprägtes Nationalgefühl […] zur Negation der nationalen Existenz [führt].“5 Der „Schuldkult" wird in dieser Deutung als Bedrohung für die deutsche Nation und das ethnisch definierte Volk dargestellt. 

Martin Sellner (links) und Götz Kubitschek (rechts) bei der Präsentation des Buches "Regime Change von rechts" am 09.06.2023 in Schnellroda.
Martin Sellner (links) und Götz Kubitschek (rechts) bei der Präsentation des Buches „Regime Change von rechts" am 09.06.2023 in Schnellroda. ©Screenshot, https://www.youtube.com/watch?v=7b1yAZ96EI0, 12.08.2024

Großer Austausch und Remigration

War der „Schuldkult" in der Erzählung vom Republikaner-Gründer Schönhuber noch ein recht abstraktes Mittel, die deutsche Nation kleinzuhalten, erfüllt er für die Neue Rechte eine konkrete, politische Funktion. In ihrer Erzählung steht der „Schuldkult" im Dienst des „großen Austauschs". Der Begriff geht auf das 2011 erschienen Buch „Le grand remplacement" des französischen Autoren Renaud Camus zurück. Camus behauptete, die Regierungen europäischer Länder würden gezielt muslimische und nicht-weiße Migrant:innen ins Land holen, um die weiße Mehrheitsbevölkerung zu ersetzen. Viele Anhänger:innen vermuten hinter dem „Großen Austausch" nicht die eigene Regierung, sondern geheime Eliten. Das Narrativ wurde innerhalb weniger Jahre von Rechtsextremen weltweit übernommen. Die Verschwörungstheorie, die Antisemitismus und (antimuslimischen) Rassismus verbindet, genießt auch im deutschsprachigen Raum unter Rechtsextremen große Popularität. So spricht auch Björn Höcke beispielsweise in seinem 2018 erschienen Buch vom „Volkstod durch den Bevölkerungsaustausch."6

Die Verbindung dieser beiden Narrative schafft die ideologische Grundlage für die „Remigration": In der Argumentationslogik der extremen Rechten erscheint die angestrebte Vertreibungspolitik als „Notwehr" gegen angeblich allmächtige globale Eliten, die durch den „Schuldkult" den „großen Austausch" vorantreiben würden. Der „Schuldkult" fungiert dabei als vermeintliches Unterdrückungsinstrument, das die Deutschen daran hindere, sich gegen den angeblichen „Austausch" zu wehren. Die geplante rassistische Politik wird so zum heroischen und unvermeidbaren Handlungsauftrag stilisiert.

Die Gamifizierung von Vertreibungspolitik 

Das, was die Neue Rechte als „Remigration“ bezeichnet, ist ein gewaltvoller politischer Akt, der Bürger:innen ihrer zentralen Rechte, ihres Lebensmittelpunkts und ihrer Existenz beraubt. Wie konkret die Pläne zur Vertreibung von Menschen aus Deutschland bei den Rechtsextremen vorangeschritten sind, zeigte nicht zuletzt das Potsdam-Treffen. Ausgewiesen werden sollen „Asylbewerber, Ausländer mit Bleiberecht – und nicht assimilierte Staatsbürger“.7 Die Junge Alternative hatte den vorgegebenen Ton im Zuge der Landtagswahlen 2024 in Brandenburg, Sachsen und Thüringen aufgegriffen und ein Browser-Game freigeschaltet, das in 8-Bit-Optik „millionenfache Abschiebung" von Menschen mit offensichtlich dunkler Hautfarbe gamifizierte. 

Im Rahmen der Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen wurde über diverse AfD-Kanäle am 05. August 2024 ein Browser-Game in 8-Bit Optik beworben, bei dem man unter anderem mit dem Protagonisten Chad "millionenfach abschieben" musste, um In-Game-Punkte zu erhalten. Die Seite ist mittlerweile nicht mehr zu erreichen.
Im Rahmen der Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen wurde über diverse AfD-Kanäle am 05. August 2024 ein Browser-Game in 8-Bit Optik beworben, bei dem man unter anderem mit dem Protagonisten Chad "millionenfach abschieben" musste, um In-Game-Punkte zu erhalten. Die Seite ist mittlerweile nicht mehr zu erreichen. ©Screenshot, https://x.com/ja_thueringen/status/1819052188901019791, aufgerufen am 12.08.2024

Einordnung

Die Strategie der AfD und Neuen Rechten folgt einem klaren Muster: Durch die Delegitimierung der Holocaust-Erinnerung und die Konstruktion des „Schuldkult"-Narrativs soll ein ideologischer Raum geschaffen werden, in dem rassistische Vertreibungspolitik als legitim oder sogar notwendig erscheint.

Die Verknüpfung von „Schuldkult" und „großem Austausch" ist dabei kein Zufall, sondern strategisches Kalkül. Sie ermöglicht es, die geplante „Remigration" als vermeintliche „Selbstverteidigung" zu rahmen und damit zu entkriminalisieren. Durch ständige Diskursverschiebungen im „metapolitischen Raum" bereiten die Akteur:innen den Boden für ihre politischen Vorhaben.

Obwohl die Geschichte sich nicht einfach wiederholt und die AfD keinen neuen Völkermord plant, zeigt die Verbindung von Geschichtsrevisionismus und aktueller rassistischer Politik eine gefährliche Entwicklung. Die Angriffe auf die Holocaust-Erinnerung sind nicht nur geschichtspolitische Positionierungen, sondern dienen der konkreten Legitimierung menschenfeindlicher Politik. Wer den „Schuldkult" bekämpft, bereitet den Weg für „Remigration" – und damit für eine Politik der massenhaften Vertreibung auf Grundlage ethnischer und rassistischer Kriterien.

 


[Autor: Jakob Schergaut, aktualisiert am 10.02.2026]

1 Franz Schönhuber: Ich war dabei, München, 1981, S. 19

2 Heinz Nawratil: Schwarzbuch der Vertreibung 1945-1948. Das letzte Kapitel unbewältigter Vergangenheit, München 1982.

3 Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes: Sellners Rechtfertigungsnummer. Neues von ganz rechts – April 2024, URL: https://www.doew.at/erkennen/rechtsextremismus/neues-von-ganz-rechts/archiv/april-2024/sellners-rechtfertigungsnummer (12.08.2024).

4 Martin Sellner: Regime Change von rechts. Schnellroda 2023, S. 7. Tatsächlich hat bereits der Vordenker der neuen Rechten, Armin Mohler, in der sogenannten Spiegel-Affäre 1962 den Begriff des „Nationalmasochismus“ eingebracht. Sellner schenkt also alten Wein aus neuen Schläuchen ein.

5 Ebd., S. 20.

6 Björn Höcke: Nie zweimal in denselben Fluss. Björn Höcke im Gespräch mit Sebastian Henning, 3. Aufl. Lüdinghausen und Berlin 2019, S. 216.

7 Correctiv: Geheimplan gegen Deutschland. Corretiv.org, dort datiert 10.01.2024, URL: https://correctiv.org/aktuelles/neue-rechte/2024/01/10/geheimplan-remigration-vertreibung-afd-rechtsextreme-november-treffen/ (12.08.2024).


var _paq = window._paq = window._paq || []; /* tracker methods like "setCustomDimension" should be called before "trackPageView" */ _paq.push(['trackPageView']); _paq.push(['enableLinkTracking']); (function() { var u="https://matomo.buchenwald.de/"; _paq.push(['setTrackerUrl', u+'matomo.php']); _paq.push(['setSiteId', '25']); var d=document, g=d.createElement('script'), s=d.getElementsByTagName('script')[0]; g.async=true; g.src=u+'matomo.js'; s.parentNode.insertBefore(g,s); })();