„Schuldkult“ als zentraler Begriff der Neuen Rechten
Bereits in den 1960er-Jahren kursierte der Begriff „Schuldkomplex“, der der zunehmenden juristischen Aufarbeitung von NS-Verbrechen (Eichmann-Prozess, Frankfurter Auschwitz-Prozesse) einen pathologischen Charakter unterstellete. In den 1980er- und 1990er-Jahren etablierte sich der sogenannte Schuldkult als zentraler Kampfbegriff, auch wenn sein genauer Ursprung heute nicht eindeutig geklärt ist. Franz Schönhuber, ehemaliges Mitglied der Waffen-SS und späterer Gründer der „Republikaner“, diffamierte 1981 in seiner Autobiografie die „Vergangenheitsbewältigung“ als „Dauerkarte nach Canossa“.1 Der Geschichtsrevisionist Heinz Nawratil sprach 1982 von einer angeblichen „Schuldneurose“.2 In jüngerer Zeit wurde dieser Topos vermehrt von Politiker:innen der AfD aufgegriffen. Ein Beispiel dafür ist die berüchtigte Rede des ehemaligen Vorsitzenden Alexander Gauland, der den Nationalsozialismus als „Vogelschiss“ in der deutschen Geschichte bezeichnete, sowie Björn Höckes Forderung nach einer erinnerungspolitischen 180-Grad-Wende. In der Darstellung der extremen Rechten schafft die angebliche Fixierung auf die NS-Verbrechen ein Klima der Schuld, das die Deutschen daran hindern würde, ihre Zukunft selbstbestimmt und frei von politischen Tabus zu gestalten. Als angebliche Strippenzieher hinter dem „Schuldkult“ werden häufig die Alliierten, „globale Eliten“, „Zionisten“ oder die aktuelle Regierung als deren unwissentliche Helfer:innen genannt.
Die Correctiv-Recherchen: Vom „Schuldkult“ zum „Ethnomasochismus“
Das Thema erlangte neue Aktualität im Zuge der Correctiv-Recherchen zum sogenannten Potsdam-Treffen im Januar 2024. Unter den Referenten war auch der österreichische Rechtsextremist Martin Sellner, der seinen „Masterplan zur Remigration“ vorstellte. Im April 2024 veröffentlichte er die Originalfassung seines Referats unter dem Titel „Remigration. Ein Vorschlag“ als eigenes Buch.3 Die Grundzüge seiner Überlegungen hatte er bereits ein Jahr zuvor in „Regime Change von rechts“ dargelegt. Beide Bücher wurden im Antaois-Verlag durch Götz Kubitschek verlegt, Kopf hinter dem offiziell aufgelösten Institut für Staatspolitik in Schnellroda.
Laut Sellner sei die eigene nationale Zugehörigkeit durch die Erinnerung an die NS-Verbrechen diskreditiert; das deutsche Volk würde unter einem „Ethnomasochismus“ leiden.4 Der Mitbegründer der österreichischen Identitären behauptet, dass ein „negatives, von Schuldgefühl und Wiedergutmachung geprägtes Nationalgefühl […] zur Negation der nationalen Existenz [führt].“5 Der angebliche „Schuldkult“ wird so als Bedrohung für die deutsche Nation und das ethnisch definierte Volk dargestellt.
Großer Austausch und Remigration
War der „Schuldkult“ in der Erzählung vom Republikaner-Gründer Schönhuber noch ein recht abstraktes Mittel, die deutsche Nation kleinzuhalten, erfüllt er für die
Der nationalsozialistische Präzedenzfall: Vertreibung als Staatspolitik
Die Fantasien der Neuen Rechten von einer ethnisch homogenen Nation haben einen konkreten historischen Vorläufer – und der liegt nicht fern. Die nationalsozialistische Bevölkerungspolitik verfolgte von Anfang an das Ziel, einen nach rassistischen Kriterien definierten „Volkskörper“ zu schaffen und zu sichern. Bereits die sogenannten Nürnberger Gesetze von 1935 zielten auf die rechtliche Ausgrenzung und schrittweise Vertreibung der jüdischen Bevölkerung aus dem Deutschen Reich. Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs und der Besetzung Osteuropas erhielt diese Politik eine neue, mörderische Dimension. Der sogenannte Generalplan Ost, der ab 1941 im Reichssicherheitshauptamt (RSHA) entwickelt wurde, sah die Umsiedlung, Versklavung oder Vernichtung großer Teile der slawischen Bevölkerung in den besetzten Ostgebieten vor – um Raum für deutsche Siedler:innen zu schaffen. Pol:innen, Ukrainer:innen, Weißruss:innen und andere Bevölkerungsgruppen sollten nach dem Willen des RSHA innerhalb von 25 Jahren weitgehend verdrängt werden. Parallel dazu wurde die jüdische Bevölkerung Europas systematisch ermordet. Die nationalsozialistische Bevölkerungspolitik war damit kein Randphänomen, sondern ideologischer Kern des Regimes: die gewaltsame Herstellung einer ethnisch „reinen“ Ordnung durch Vertreibung und Vernichtung. Wenn die Neue Rechte heute von „Remigration“ spricht und dabei die Erinnerung an eben diese Verbrechen als „Schuldkult“ diffamiert, tilgt sie nicht nur die Erinnerung – sie öffnet den Raum für eine Politik, deren Logik historisch bekannt ist.
Die Gamifizierung von Vertreibungspolitik
Das, was die Neue Rechte als „Remigration“ bezeichnet, ist ein gewaltvoller, politischer Akt, der Bürger:innen ihrer zentralen Rechte, ihres Lebensmittelpunkts und ihrer Existenz berauben würde. Wie konkret die Pläne zur Vertreibung von Menschen aus Deutschland bei den Rechtsextremen vorangeschritten sind, zeigte nicht zuletzt das sogenannte Potsdam-Treffen. Ausgewiesen werden sollen „Asylbewerber, Ausländer mit Bleiberecht – und nicht assimilierte Staatsbürger“.7 Die Junge Alternative hatte den vorgegebenen Ton im Zuge der Landtagswahlen 2024 in Brandenburg, Sachsen und Thüringen aufgegriffen und ein Browser-Game freigeschaltet, das in 8-Bit-Optik „millionenfache Abschiebung" von Menschen mit dunkler Hautfarbe gamifizierte.
Einordnung
Die Neue Rechte diffamiert die etablierte Erinnerungskultur als Mittel zur Unterdrückung der Deutschen, das sie an einer souveränen und tabufreien Politikgestaltung hindern würde. Mit dem „Schuldkult“-Narrativ soll nicht nur die Erinnerung an die NS-Verbrechen delegitimiert werden – es sollen auch Politiken, die aus der Reflexion über die Vergangenheit zu Recht tabuisiert sind, wieder als denkbare Alternative erscheinen.
Die Geschichte wiederholt sich nicht einfach, und die AfD plant weder einen Angriffskrieg noch einen Völkermord. Aber die Verbindung von Geschichtsrevisionismus und gegenwärtiger Vertreibungspolitik folgt einer spezifischen Logik: Die Angriffe auf die Erinnerungskultur sind keine bloß geschichtspolitischen Positionierungen – sie dienen der Legitimierung einer Politik, die Menschen auf Grundlage ethnischer und rassistischer Kriterien aus Deutschland vertreiben will. Die Angriffe auf den „Schuldkult“ sollen den Weg für „massenhafte Remigration“ freimachen.
[Autor: Jakob Schergaut, aktualisiert am 10.02.2026]
1 Franz Schönhuber: Ich war dabei, München, 1981, S. 19
2 Heinz Nawratil: Schwarzbuch der Vertreibung 1945-1948. Das letzte Kapitel unbewältigter Vergangenheit, München 1982.
3 Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes: Sellners Rechtfertigungsnummer. Neues von ganz rechts – April 2024, URL: https://www.doew.at/erkennen/rechtsextremismus/neues-von-ganz-rechts/archiv/april-2024/sellners-rechtfertigungsnummer (12.08.2024).
4 Martin Sellner: Regime Change von rechts. Schnellroda 2023, S. 7. Tatsächlich hat bereits der Vordenker der neuen Rechten, Armin Mohler, in der sogenannten Spiegel-Affäre 1962 den Begriff des „Nationalmasochismus“ eingebracht. Sellner schenkt also alten Wein aus neuen Schläuchen ein.
5 Ebd., S. 20.
6 Björn Höcke: Nie zweimal in denselben Fluss. Björn Höcke im Gespräch mit Sebastian Henning, 3. Aufl. Lüdinghausen und Berlin 2019, S. 216.
7 Correctiv: Geheimplan gegen Deutschland. Corretiv.org, dort datiert 10.01.2024, URL: https://correctiv.org/aktuelles/neue-rechte/2024/01/10/geheimplan-remigration-vertreibung-afd-rechtsextreme-november-treffen/ (12.08.2024).