Christoph Grimm (MdB): Kalkül und Kontinuität
„Queere Kinderbücher braucht kein Mensch!“ schrieb Christoph Grimm auf X, um die Bücherspende an Grundschulen und Kindergärten in seinem Wahlkreis anzukündigen. Die Empörung, die seine Aktion ausgelöst hat, war bewusst kalkuliert: Er konstruiert eine Bedrohung – Kinder werden angeblich mit falschen Werten „indoktriniert“ – und preist dann seine vermeintliche Großzügigkeit als Geste des Schutzes und der Revolte. Was genau ein „queeres Kinderbuch“ sein soll, bleibt dabei unscharf, um als Mobilisierungsformel zu funktionieren: Grimm benennt kein konkretes Buch, keinen konkreten Schaden, sondern er ruft stattdessen ein Bedrohungsgefühl ab, das sich selbst begründet.
Dass Grimm so berechnet vorgeht, ist kein Zufall. Er ist kein Newcomer der AfD-Rechtsaußenszene, sondern ein politischer Routinier mit langer Vorgeschichte – und sein Social-Media-Auftritt zeigt, wie konsistent sein Weltbild ist:
Am 13. Februar 2026, dem Jahrestag der Bombardierung Dresdens, postete Grimm ein Schwarz-Weiß-Bild mit den Worten „Wir gedenken Dresden 1945“ und dem Kommentar: „Frauen, Kinder, Flüchtlinge – Deutsche. Sie wurden mit Phosphor zu Staub verbrannt im alliierten Bombenterror.“ Beim Begriff „Bombenterror“ handelt es sich um einen feststehenden Kampfbegriff des Geschichtsrevisionismus, den bereits Goebbels in der NS-Kriegspropaganda verwendete.1 Deutsche erscheinen hier ausschließlich als Opfer, ohne jeden Verweis auf den deutschen Angriffskrieg, der dem Bombardement vorausging. Das ist das Grundmuster der Täter-Opfer-Umkehr. Zudem seien die Dresdner:innen „mit Phosphor zu Staub verbrannt worden“. Der vermeintliche Einsatz von Phosphorbomben durch die Alliierten ist ein Überbleibsel historischer NS-Propaganda und wurde widerlegt.
Ebenso aufschlussreich ist dieser Post: Grimm steht vor der Reichstagskuppel und hält ein Schild mit der Aufschrift „#WeRemember Wilhelm Gustloff 30.01.1945“ in die Kamera. Der Hashtag geht auf eine Initiative zurück, die der Jüdische Weltkongress 2017 gemeinsam mit der UNESCO ins Leben rief – als Zeichen gegen Antisemitismus, Völkermord und Hass sowie zur Aufklärung über den Holocaust.2 Seither posten unter dem Hashtag Menschen, darunter bekanntlich Politiker:innen und Amtsträger:innen, in den sozialen Netzwerken am 27. Januar, dem Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Inwiefern das eine angemessene oder sinnhafte Form der Erinnerung und Mahnung ist, wird in Politik, Gesellschaft und Wissenschaft kontrovers diskutiert. Dabei geht es um die Frage, ob das Gedenken so zur performativen Geste wird, die das individuelle Bekenntnis in den Vordergrund stellt und den eigentlichen Erinnerungsinhalt in den Hintergrund drängt. Grimm aber kapert bewusst die Gedenkästhetik und wendet sie auf ein deutsches Opfernarrativ an. Er nutzt das visuelle und sprachliche Vokabular der Holocaustgedenkkultur, um deutschen Kriegsopfern denselben symbolischen Rahmen zu geben.
Die Verlage Grimbart Studio und klein&ehrlich
Grimms Bücherpakete enthielten Material aus zwei Verlagen: Grimbart Studio und klein&ehrlich. Grimbart Studio gehört laut Impressum zu Tannwald Media, einer Leipziger Medienagentur, deren Gründer und Geschäftsführer Alexander Kleine ist – in der Szene bekannt unter dem Pseudonym „Malenki“ und langjähriger Führungskader der Identitären Bewegung Deutschland.3 An der Leipziger Adresse sind mittlerweile mehrere Projekte aus dem rechtsextremen Vorfeld angesiedelt: Neben Grimbart Studio und dem extrem rechten Meme-Account Wilhelm Kachel hat hier die Burschenschaft Dresdensia Leipzig4 ebenso ihren Sitz wie der Internet-Pflanzenversand Weidenvolk,5 der ein klassisches Beispiel für völkischen Lifestyle-Commerce darstellt: unauffälliges, naturnahes Produktangebot, das keine explizit politischen Inhalte transportiert, aber in einem ideologischen Netzwerk eingebettet ist und dessen Konsumkultur mitprägt. Der Weidenzweig als germanisch-mythologisches Symbol spricht gezielt ein Milieu an, das mit völkischer Naturromantik vertraut ist.
Anfang des Jahres hat Katapult MV eine ausführliche Recherche zu den Verbindungen zwischen Christoph Grimm und Personen der rechtsextremen Szene veröffentlicht – darunter auch zum zweiten Verlag der Bücherspende, klein&ehrlich. Verantwortlich ist Claudia Maria Schlegl, laut Website die „Büchertante, von der ihr als Kinder geträumt habt. Schrullig, meinungsstark und mit einer Klappe, die fast so groß ist wie ihre Bibliothek“. Ein Foto zeigte sie 2022 in Schnellroda am damals noch bestehenden Institut für Staatspolitik unter Götz Kubitschek.6 Abgebildet ist sie unter anderem mit Daniel Fiß, einem ehemaligen Führungskader der Identitären Bewegung mit Neonazi-Vergangenheit, der seit Dezember 2024 als persönlicher Referent des rechtsextremen AfD-Landtagsabgeordneten in Mecklenburg-Vorpommern Nikolaus Kramer arbeitet.7
Anfang November 2025 war klein&ehrlich auf der rechtsoffenen Buchmesse SeitenWechsel in Halle vertreten. Vor Ort war Schlegel mit ihrem Mitarbeiter Till-Lucas Wessels, ebenfalls ein ehemals aktives Mitglied der Identitären Bewegung8 und Teilnehmer an einem „Wehrsportlager“ in Brandenburg;9 auf der Website des Verlags wird Wessels so vorgestellt: „Jahrgang 1993, Vater zweier Wildfänge und Wahl-Ossi. Macht viel Kunst, aber hat keine Profession. Werkelt mit Sprache, redet mit Bäumen und hat auch schonmal jemandem ein blaues Auge gehauen.“
Zu den Büchern der Verschenkaktion Grimms gehört die Reihe „Wahre Helden lesen“ – eine Formulierung, die direkt an Grimms Versprechen von Büchern mit „richtigen und wichtigen Werten“ anschließt. Das Programm umfasst Biografien über Gottfried von Bouillon, Theodor Körner und Arminius und die Titelauswahl folgt einem konsistenten Geschichtsbild: Gottfried von Bouillon, Anführer des Ersten Kreuzzugs, taucht im Buch mit dem Ausruf „Deus vult“ auf – der Leitspruch „Gott will es“ wird heute in Teilen der religiösen extremen Rechten in den USA als Erkennungszeichen verwendet.10 Darüber hinaus lässt sich das Buch als Entwurf eines christlichen Bollwerks gegen den Islam lesen: Der Kreuzzug als Modell zur „Verteidigung des Abendlandes“ ist ein zentrales Narrativ der rechtsextremen Szene, die sich selbst gerne in der Tradition einer europäischen „Reconquista“ verortet. Die Ambiguität ist einkalkuliert: Für ein religiös-konservatives Publikum ist es ein christliches Heldenbuch, für ein völkisch-identitäres eine Kampfansage. Beide Lesarten schließen sich nicht aus – sie machen im Gegenteil das Buch breiter anschlussfähig.
Theodor Körner, Dichter und freiwilliger Kämpfer in den Befreiungskriegen, fügt sich in denselben nationalromantischen Themenkomplex ein wie der Grimbart-Comic „1813 – Eine Nation erwacht“. Und Arminius, der als „Befreier Germaniens“ gefeierte Cheruskerfürst, schließt den Kreis: Als Sieger über die römischen Legionen im Jahr 9 n. Chr. ist er seit dem 19. Jahrhundert eine der zentralen Projektionsfiguren der völkischen Bewegung – ein Zusammenhang, den wir in einem anderen Beitrag dokumentiert haben. Die Befreiungskriege werden unkritisch und romantisiert vermittelt, zentrale Kategorien sind Blut, Ehre und Heldentum. Der Titel variiert die NS-Losung „Deutschland erwache“ und macht damit kenntlich, in welcher Traditionslinie das Geschichtsbild und Identifikationsangebot steht, das hier für Siebenjährige aufbereitet wird: Gezeigt werden Kämpfer für eine „deutsche“ oder „abendländische“ Gemeinschaft gegen einen äußeren Feind, die als Märtyrer inszeniert ihr Leben für die Nation gaben. Geschichte erscheint hier nicht als komplexes, widersprüchliches Geschehen, sondern als Reservoir für Heldennarrative – ohne Ambivalenz, ohne Opferperspektive, ohne historischen Kontext. Was Kinder mit diesen Büchern lernen sollen ist nicht historisches Denken, sondern völkische Identifikation: Wer sind wir, wer sind unsere Helden, wer sind unsere Feinde. Dasselbe Muster findet sich auch im Bilderbuch-Sortiment. Ebenfalls Teil des Pakets war das Bilderbuch „Der kleine Fisch schwimmt gegen den Strom“, das ein klassisches Beispiel für die subtile Codierung ist: das Bild des Einzelnen, der sich mutig gegen den Mainstream stellt, ist ein zentrales Narrativ der extremen Rechten –Nonkonformismus als Tugend, die Mehrheitsgesellschaft als feindliche Umgebung. Das kommt völlig ohne explizite Politik aus.
Szene-Ökonomie: Wenn Ideologie zur Marke wird
Das Tannwald-Netzwerk – Kinderbücher, Comics, Pflanzenshop, Meme-Account, Medienagentur – ist kein Zufall, sondern Konzept. Was sich hier beobachten lässt, ist eine Form von Szene-Ökonomie: Die Community versorgt sich gegenseitig, Geld bleibt im Netzwerk, und die Produkte funktionieren gleichzeitig als Identitätsmarker. Man kauft nicht einfach eine Weide oder ein Kinderbuch, sondern man bekennt sich zu einer Weltsicht, ohne dass das Produkt selbst diese Weltsicht explizit benennen müsste.
Dieses Prinzip ist kein Spezifikum des Tannwald-Netzwerks. Es lässt sich derzeit in verschiedenen Teilen des rechtsextremen und AfD-nahen Milieus beobachten. In Ludwigshafen soll die AfD im vergangenen Herbst am ersten Schultag Tüten mit Gummibärchen, Keksen und Dosen mit Apfelschorle unter dem Titel „Patriotentrunk“ verteilt haben.11 Aktuell wirbt Joachim Paul (MdL) für den „Heldentrunk“, eine Weißweinschorle – passend zur Weinregion, in der er kandidiert. Paul, rheinland-pfälzischer AfD-Landtagsabgeordneter mit intensiven Verbindungen zur extremen Rechten, den wir in einem anderen Beitrag ausführlich porträtiert haben, steht exemplarisch für dieselbe Logik: politische Identität als Konsumprodukt, verpackt in regionalem Lokalkolorit.
Was harmlos aussieht, hat eine Funktion: Rechtsextreme Identität wird konsumierbar gemacht, in den Alltag integriert, normalisiert. Das Kinderbuch im Rucksack, die Dose im Kühlschrank – die Grenze zwischen politischer Überzeugung und Alltagskultur soll verschwimmen. Das ist keine neue Strategie, aber eine zunehmend professionalisierte. Christoph Grimm hat das verstanden. Als der NDR kritisch über seine Bücherspende berichtete und die Empörung öffentlich wurde,12 reagierte er nicht mit Rückzug, sondern mit Eskalation: Auf X bewirbt er den Comic seitdem als „Skandal“-Comic und verschenkt weitere Exemplare – diesmal über seine Bundestags-E-Mail-Adresse. Die parlamentarische Infrastruktur eines Bundestagsabgeordneten wird so zum Vertriebskanal für Material aus dem rechtsextremen Vorfeld. Den Grimbart-Account taggt er dabei direkt, denn hier kann man auch Exemplare erwerben. Der Skandal ist für ihn also besonders eins: Werbung.
Fazit: Harmlos verpackt – gezielt platziert
Was der Fall sichtbar macht, ist ein Strukturmerkmal: Die AfD führt die Identitäre Bewegung zwar offiziell auf ihrer Unvereinbarkeitsliste – aber die Netzwerke sind längst stabil und innerhalb der Szene etabliert. Ein AfD-Bundestagsabgeordneter verteilt Produkte von (ehemaligen) Mitgliedern des IB-Kaders an Grundschulen, nutzt seine parlamentarische E-Mail-Adresse als Vertriebskanal und taggt den Produzenten öffentlich. Die Unvereinbarkeitsregel funktioniert als Feigenblatt: Sie schützt die AfD vor dem Vorwurf direkter organisatorischer Verflechtung, ohne die inhaltliche und strukturelle Zusammenarbeit zu unterbinden. Grimm ist in diesem Fall das Scharnier, der parlamentarische Akteur, der Produkten aus dem rechtsextremen Vorfeld institutionelle Legitimität verleiht: Eine „Bücherspende eines Bundestagsabgeordneten an Grundschulen“ klingt anders als „rechtsextreme Medienagentur vertreibt Propagandacomics“ und genau das ist der Mehrwert, den Grimm in dieser Konstellation liefert.
Was sich am Fall Tannwald darüber hinaus ablesen lässt, ist eine breitere Entwicklung: Frühere Aktivisten der Identitären Bewegung sind nicht verschwunden. Sie haben sich professionalisiert. Die Produkte, die dabei entstehen, sind selten offen rechtsextrem. Sie kommen als Kinderbuch, als Pflanzenversand, als Getränk. Und sie transportieren ein Geschichtsbild, das ebenso unauffällig daherkommt: keine Hakenkreuze, keine offene NS-Verherrlichung – stattdessen Heldennarrative, Befreiungskriege, Kreuzzüge, „germanische Urahnen“. Geschichte als Reservoir völkischer Identifikation, aufbereitet für Kinder. Die Ideologie steckt im Netzwerk, in der Ästhetik, im Vertriebsweg – und in der Auswahl der Helden, die die Zielgruppe bewundern soll. Das macht sie schwerer greifbar und wirksamer zugleich.
[Autorin: Berit Kö]
[1] In seinem Aufruf zur Vergeltung vom 5. Juni 1943 sagte Joseph Goebbels: „Wir Deutschen von heute gehören nicht zu der Sorte von Menschen, die bei einem Feind, der auf unsere Vernichtung ausgeht, um Nachsicht betteln. Wir wissen, daß es gegen den britisch-amerikanischen Bombenterror nur ein wirksames Mittel gibt: Gegenterror!“ (Goebbels zit. n. German History in Documents and Images, URL: https://germanhistorydocs.org/de/deutschland-nationalsozialismus-1933-1945/ghdi:document-1584 (19.03.2026)).
[2] Bundestag beteiligt sich an der Kampagne „#WeRemember“, URL: https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2022/kw04-we-remember-876268 (19.03.2026)
[3] Kira Ayyadi: AfD beauftragt Rechtsextremen mit KI-Wahlkampf, in: Belltower News, dort datiert am 18. Dezember 2024, URL: https://www.belltower.news/tannwald-media-afd-beauftragt-rechtsextremen-mit-ki-wahlkampf-157509/ (19.03.2026).
[4] „Identitäre Bewegung“ in Leipzig – wer steckt dahinter?, in: Knack News. Nachrichten aus Leipzig, dort datiert am 8. April 2024, URL: https://knack.news/9265 (19.03.2026).
[5] URL: https://www.northdata.de/Tannwald%20Media%20UG,%20Leipzig/HRB%2036966 (20.03.2026).
[6] Antifaschistische Recherche Chemnitz, dort datiert am 31.10.2025, URL: https://chemnitz.noblogs.org/post/2025/10/31/abgeschirmt-und-inszeniert-die-identitaere-bewegung-und-das-zentrum-chemnitz/ (20.03.2026).
[7] Louise Blöß & Sandra Grubert: AfD-Politiker empfiehlt völkische Kinderbücher, in: Katapult MV, dort datiert am 9. Januar 2026, URL: https://katapult-mv.de/artikel/afd-politiker-grimm-empfiehlt-voelkische-kinderbuecher/#6485f0d9-6dd8-4f86-b85b-a876f9af83ef (20.03.2026).
[8] Inside „SeitenWechsel“ – Verdeckt auf der extrem rechten Buchmesse, dort datiert am 11. Dezember 2025, URL: https://exif-recherche.org/?p=12923 (20.03.2026).
[9] „Wehrsportlager" in Brandenburg und Thüringen, in: Antifaschistisches InfoBlatt, dort datiert am 6. Januar 2021, URL: https://antifainfoblatt.de/aib128/wehrsportlager-brandenburg-und-thueringen (20.03.2026).
[10] Blöß & Grubert: AfD-Politiker empfiehlt völkische Kinderbücher.
[11] Mohammad Alhusain: AfD-Wahlkampf auf dem Schulhof? Partei bestreitet Vorwürfe, in: Die Rheinpfalz, dort datiert am 6. September 2025, URL: https://www.rheinpfalz.de/lokal/ludwigshafen_artikel,-afd-wahlkampf-auf-dem-schulhof-partei-bestreitet-vorwürfe-_arid,5809714.html (20.03.2026).
[12] Stefan Ludmann: AfD-Abgeordneter Grimm schickt rechtsextreme Comics an Grundschulen, in: NDR, dort datiert am 13. März 2026, URL: https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/afd-abgeordneter-grimm-schickt-rechtsextreme-comics-an-grundschulen,afd-1050.html (20.03.2026).