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Erbe, Heimat, Gefallene: Wie die AfD MV Geschichte zur Identitätspolitik macht

Am 20. September sind rund 1,3 Millionen Wahlberechtigte in Mecklenburg-Vorpommern aufgerufen, einen neuen Landtag zu wählen. In den aktuellen Umfragen dominiert die AfD mit 37 Prozent. Der Landesverband gilt als weniger radikal als die AfD in Sachsen-Anhalt oder Thüringen, auch auf dem Feld der Geschichtspolitik. Doch was steckt hinter der geglätteten Fassade? Welche Geschichte soll Mecklenburg-Vorpommern nach dem Willen der AfD erinnern – und welche gerät dabei aus dem Blick?

Wahlkreise der AfD Mecklenburg-Vorpommern für die Landtagswahl 2026. Screenshot vom 07.09.2026
Wahlkreise der AfD Mecklenburg-Vorpommern für die Landtagswahl 2026. ©Screenshot vom 07.09.2026

„Das stolze Erbe unserer Vorfahren“: Geschichte als positive Ressource

Bereits in der Präambel des Wahlprogrammes wird das geschichtspolitische Koordinatensystem der AfD MV festgelegt: Die Partei will „das stolze Erbe unserer Vorfahren pflegen und weiterentwickeln, um es in gutem Zustand in die Hände unserer Kinder und Enkelkinder zu übergeben“.1 Dahinter steckt ein Geschichtsverständnis, das aus der Vergangenheit eine positive Ressource macht, die bewahrt und fortgeschrieben, nicht aber befragt oder auf ihre Widersprüche hin untersucht werden soll. Ein Erbe ist aber nie einfach „da“: Wer von „unserem Erbe“ spricht, entscheidet zugleich, welche historischen Erfahrungen als identitätsstiftend gelten und welche in den Hintergrund treten. Was dazugehört, wird an unterschiedlichen Stellen thematisiert: Alte Guts- und Stadthäuser und Bauernhöfe – historische Bausubstanz – seien „keine bloßen alten Steine“, sondern „Zeugnisse unserer Kultur, unserer Handwerkskunst und unserer Heimat“; verfielen sie, verliere man „ein Stück Identität“.2 Die Erbmetapher hat auch eine demografische Verlängerung. Die niedrige Geburtenrate, heißt es, bedrohe „nicht nur unsere kulturelle Kontinuität, sondern langfristig auch die Stabilität unserer Sozialversicherungen“.3 Das „stolze Erbe unserer Vorfahren“ wird damit an eine biologische Bedingung geknüpft: Kultur erscheint hier nicht als etwas, das durch Bildung, Vermittlung oder Aneignung weitergegeben wird, sondern als feststehender Bestand, der Träger:innen benötigt. Eine Kultur, die man sich aneignen kann, steht grundsätzlich allen offen, die sich auf sie einlassen. Eine Kultur, die vererbt wird, hat Berechtigte. Folgerichtig ist das Baby-Begrüßungsgeld von 3.000 Euro an die Staatsbürgerschaft gebunden,4 und konsequenterweise steht im Migrationskapitel der Vorwurf, die Landesregierung arbeite „systematisch darauf hin, die deutsch geprägte Gesellschaft durch eine multikulturelle Gesellschaft zu ersetzen“.5 Das ist die programmfähige, abgeschliffene Fassung der rechtsextremen Erzählung vom „Großen Austausch“.

Eine Landesgeschichte – ohne 20. Jahrhundert?

Auffällig sind die Bezugnahmen der AfD auf die Geschichte: Aufgerufen werden „Jahrtausende der Besiedlung“,6 eine „jahrhundertealte Kulturlandschaft“.7 Von den ältesten Spuren menschlicher Besiedlung führt eine Linie über regionale Traditionen direkt in die Gegenwart, denn je weiter die Geschichte zurückliegt, desto leichter lässt sie sich als gemeinsames Erbe erzählen und je länger etwas besteht, desto stärker scheint es zur Identität des Landes zu gehören. Geschichte fungiert damit nicht primär als Erklärung dafür, warum die Gegenwart so geworden ist, wie sie ist, sondern als Begründung dafür, warum bestimmte Dinge zur Gegenwart gehören sollen. Die tieferen Zeitschichten liefern der AfD eine Ursprung- und Kontinuitätserzählung, die Brüche zugunsten einer Vorstellung kultureller Dauer ausblenden. Genau hier wird eine Leerstelle sichtbar: Das 20. Jahrhundert lässt sich in diese Erzählung nicht ohne Weiteres einfügen: Zwei Weltkriege, Nationalsozialismus, deutsche Teilung und Wiedervereinigung haben die politischen und sozialen Ordnungen des Landes tiefgreifend verändert. Die Vorstellung einer über Generationen hinweg positiv fortgeschriebenen kulturellen Kontinuität wird dadurch grundlegend irritiert. Diese Irritation löst das Programm nicht auf, es umgeht sie. Auf 93 Seiten fallen die Wörter Nationalsozialismus, Holocaust, Zwangsarbeit und Erinnerungskultur kein einziges Mal, ebenso wenig SED oder Stasi. Das ist kein Versehen, sondern die Konsequenz der gewählten Metapher. Anschlussfähig bleibt es nur dort, wo es sich in die Logik des Bewahrens fügt, als Objekt, das erhalten, saniert und gefördert werden kann. Genau an dieser einen Stelle taucht es dann auch auf.

„Den Toten einen Namen geben“: Denkmäler ohne Kontext

Die Denkmäler für die Gefallenen und Toten vergangener Kriege, so das Programm, seien „Gedenkstätten, aber auch Mahnmale“: Die Lebenden sollten zum Frieden ermahnt werden, „jenen, die ihr Leben gaben“, solle würdig gedacht werden. Für Erhalt und Sanierung sollen Fördermittel bereitgestellt werden.8 In den wenigen Sätzen steckt die altbekannte Forderung der AfD, den ‚eigenen Toten‘ zu gedenken (regelmäßig formuliert etwa zum Volkstrauertag), wobei der historische Kontext regelmäßig in den Hintergrund gedrängt wird. Hier geschieht das über den Plural: „vergangene Kriege“, ohne Unterscheidung. Kriegerdenkmäler sind aber nicht gleichförmig, sie entstanden zu unterschiedlichen Zeiten, mit unterschiedlichen Deutungsangeboten. Wer ein Denkmal in der Weimarer Republik errichtete, verband damit Opfergemeinschaft, Heldentum, mitunter die Dolchstoßlegende. Denkmäler für die Toten des Zweiten Weltkriegs erinnern an Soldaten der Wehrmacht wie an Angehörige von SS und SA. Ihr Gedenken lässt sich nicht davon lösen, welchen Krieg sie führten: einen Angriffs- und Vernichtungskrieg, an dessen Verbrechen sie beteiligt waren. Die Frage nach dem Erhalt eines Kriegerdenkmals ist deshalb immer auch eine nach seiner Kontextualisierung. Das spricht nicht per se gegen den Erhalt – im Gegenteil: Gerade als Quellen können Denkmäler bewahrenswert sein. Sie sollten dann aber auch als Quellen gelesen werden: Wer errichtete sie wann? Welche Vorstellungen von Opfer, Nation und Heldentum transportieren sie? Wer wurde erinnert – und wer nicht?

„Souveräne Erinnerungskultur“ statt „Siegernarrative“

Weniger verklausuliert als im Wahlprogramm findet sich diese Verquickung von völkischer Ideologie und Geschichtspolitik in den Aussagen einzelner Abgeordneter der AfD. Nikolaus Kramer, Polizeivollzugsbeamter aus Greifswald, führte die AfD-Fraktion im Landtag seit Herbst 2017, gab den Vorsitz aber im Juni 2026 an Enrico Schult ab und bewirbt sich nun für das Direktmandat für den Wahlkreis 36 (Vorpommern-Greifswald). Kramer ist Mitglied der Pennalen Burschenschaft Ernst Moritz Arndt, der Burschenschaft Markomannia Aachen Greifswald sowie der Berliner Burschenschaft Gothia.9  Die beiden letztgenannten gehören dem Dachverband „Deutsche Burschenschaft“ (DB) an. Die DB vereinigt völkische und rechtsextreme Verbindungen aus dem deutschsprachigen Raum. 2011 eskalierte auf dem sogenannten Burschentag in Eisenach ein Streit über das Abstammungsprinzip: Die Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn beantragte den Ausschluss der Mannheimer Burschenschaft Hansea, weil diese ein Mitglied mit chinesischen Eltern aufgenommen hatte, und wollte die deutsche Abstammung als verbindliches Aufnahmekriterium festschreiben. Der als „Ariernachweis“ bekannt gewordene Antrag wurde nach öffentlicher Kritik zurückgezogen – ein daraufhin erstelltes Gutachten des Verbandes bezeichnete die Herkunft gleichwohl als wesentliches Merkmal der Volkszugehörigkeit.

Post von Nikolaus Kramer auf der Plattform X vom 2. Januar 2026. Screenshot vom 8. September 2026
Post von Nikolaus Kramer auf der Plattform X vom 2. Januar 2026. ©Screenshot, URL: www.x.com/KramerNikolaus/status/2007047975911174320 (08.09.2026)

Dieses ethnischen Volksverständnis verbreitete Kramer auch in einer Rede auf einer Kundgebung der islam- und fremdenfeindlichen Organisation PEGIDA („Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“) im April 2024. Dort sagte er an die Demonstrant:innen gerichtet: „Wir lieben das Eigene und wissen um den Wert der Gemeinschaft. […] Wir wissen, wer wir sind, ohne dabei ein losgelöstes Individuum der Gemeinschaft zu sein. Wir stehen ein für die Familie und sind Teil einer sichtbaren Ahnenkette.“10 In der Ideologie der extremen Rechten ist nicht nur das ethnische Abstammungsprinzip („sichtbare Ahnenkette“) eine zentrale Säule, sondern auch die Zurückweisung des als „westlich“ abgelehnten Individualismus, der dem Interesse der völkischen Gemeinschaft entgegenstehen würde. Beide Elemente finden sich in Kramers Rede. Daneben bedient der Burschenschaftler auch auf dem Feld der Geschichtspolitik klassische Topoi der extremen Rechten: In einem 2025 erschienenen Beitrag für das FREILICH-Magazin, das als Nachfolger der rechtsextremen „Aula“ gilt, plädierte er für eine „souveräne Erinnerungskultur“ statt vermeintlicher „Siegernarrative.“11 Die etablierte Erinnerungskultur, die über die NS-Verbrechen reflektiert und daraus Handlungsmaximen für die Gegenwart abzuleiten versucht, gilt der extremen Rechten seit jeher als Produkt alliierter Umerziehung. Die Alliierten führten in der unmittelbaren Nachkriegszeit intensive Programme zur „Reeducation“ in Form von Aufklärungsfilmen oder Besuchen befreiter Konzentrationslager durch und verurteilten unter anderem in den Prozessen von Nürnberg, Dachau und Lüneburg NS-Verbrecher. Ein Großteil der juristischen wie historischen Aufarbeitung begann aber erst ab den 1960er Jahren in Deutschland – oft gegen den Willen weiter Teile der Bevölkerung. Dass die deutsche Erinnerungskultur zuweilen Lücken aufweist und Perspektiven übersieht, schmälert nicht den kritischen Umgang mit der deutschen Vergangenheit. Für Kramer ist sie ein „moralische[r] Totalitarismus“, eine „ewige politische Disziplinierungswaffe“, ein „transatlantischer Schuldkomplex“. Auch eine Überidentifizierung mit der Roten Armee, die „Täter an Millionen Deutschen“ war, weist er zurück: Den in weiten Teilen der AfD geteilten Sympathien für die russische Autokratie der Gegenwart erteilt er damit zwar eine Absage, nur um im Gegenzug ein „gesundes, souveränes nationales Bewusstsein“ zu fordern, „das in der Lage wäre, die eigene Geschichte aus sich selbst heraus zu deuten“. Wie diese Deutung aussehen soll, macht Kramer gleich selbst vor: Verbrechen tauchen ausschließlich auf der Seite der Alliierten auf, die Wörter Nationalsozialismus, Holocaust oder Angriffskrieg fallen hingegen kein einziges Mal – und das bei einem Artikel, der den 80. Jahrestag des Kriegsendes thematisiert.

Keine Relativierung, aber …

Dass Kramer mit diesem Plädoyer für eine Geschichtsschreibung „frei von Fremdbestimmung“ und der Last der NS-Verbrechen nicht allein ist, zeigt eine parlamentarische Debatte zwei Tage nach dem Jahrestag der Auschwitz-Befreiung am 29. Januar 2026. Horst Förster, seit 2017 für die AfD im mecklenburg-vorpommerischen Landtag, benannte in seinem Redebeitrag zwar den Holocaust und prangerte heutigen Antisemitismus an, schwieg sich über dessen rechtsextreme Ausprägung aber völlig aus. Förster forderte aufzuhören, „diejenigen, denen das ständige Erinnern an deutsche Schuld unerträglich geworden ist, zu maßregeln und zu verdächtigen.“12 Sie seien weder Antisemiten noch Holocaustleugner, sondern störten sich nur an den „rituellen Handlungen“. Die Erinnerungskultur gleiche einem „ewigen Canossa in der Finsternis“: Eine Formulierung, die so schon in ähnlicher Weise von Franz Schönhuber, dem Gründer der Partei „Die Republikaner“, 1981 in seiner Autobiografie verwendet hat, als er die Aufarbeitung der Vergangenheit als „Dauerkarte nach Canossa“ diffamierte.13 Förster stellte in der Debatte die Suggestivfrage, ob man an diesem Datum überhaupt noch anderer Opfer gedenken dürfe, nur um sie gleich selbst zu beantworten: Am 30. Januar 1945 sei auch das Schiff „Wilhelm Gustloff“ in der Ostsee durch einen sowjetischen Torpedo versenkt worden, dabei seien Tausende Kinder ertrunken.

Tatsächlich legte die Wilhelm Gustloff am 30. Januar 1945 mit schätzungsweise über 10.000 Menschen an Bord in Gotenhafen ab. Das ehemalige Kraft-durch-Freude-Schiff diente seit 1940 als Wohnschiff der 2. U-Boot-Lehrdivision; neben den Flüchtenden befanden sich rund 900 Marineangehörige, Marinehelferinnen und Verwundete an Bord. Das Schiff trug Tarnanstrich und Flugabwehrgeschütze, fuhr abgeblendet durch aktives Kriegsgebiet und war unter Geleitschutz unterwegs – als Lazarettschiff war es weder gekennzeichnet noch gemeldet. Die Versenkung durch das sowjetische U-Boot S-13 war aus kriegsvölkerrechtlicher Sicht legitim, auch wenn nur rund 1.200 Menschen überlebten und unter den etwa 9.000 Toten Tausende Zivilist:innen waren. Die Versenkung der Wilhelm Gustloff bildet nicht nur in der extremen Rechten bis heute einen Erinnerungsort, der ein einseitiges Opfernarrativ bedient: In der Regel wird weder thematisiert, dass Gauleiter Erich Koch die Evakuierung Ostpreußens bis zum 20. Januar 1945 blockierte und damit eine geordnete Räumung unmöglich machte, noch dass das Schiff ein bewaffneter Militärtransport war. Die spezifisch deutsche Verantwortung für die NS-Verbrechen verschwindet bei Förster zugunsten eines allgemeinen Narrativs von Krieg und Leid, in dem Begriffe wie Täter und Opfer, Ursache und Wirkung, Angreifer und Verteidiger ihren Sinn verlieren.

Für die AfD in Mecklenburg-Vorpommern offenbar ein so zentrales Anliegen, dass sie 2026 die Einrichtung einer Gedenkstätte für die Opfer der Versenkung der Wilhelm Gustloff forderte.14 Dass es sich dabei nicht um einen harmlosen Versuch handelt, Verstorbenen einen würdigen Gedenkort zu schaffen, sondern um rechte Geschichtspolitik, bezeugt ein anderer Vorstoß der AfD: Im Zuge der Verhandlungen für den Doppelhaushalt 2026/2027 hat die Landtagsfraktion versucht, die Förderung für Bildungsfahrten zu NS-Gedenkstätten um insgesamt 300.000€ zu kürzen.15

Die AfD in der Opferrolle

Nachdem mehrere Landtagsmitglieder die Relativierung Försters als solche benannt hatten und dieser sich in einer Rückmeldung zu rechtfertigen versucht hatte, trat Fraktionsvize Enrico Schult ans Rednerpult. Insbesondere den Parteien SPD und Die Linke warf er vor, mit den NS-Opfern Politik gegen die AfD zu machen. Dabei verwies er unter anderem auf einen Gesetzentwurf, der die Verfassungstreue im öffentlichen Dienst regeln soll. Dies, so Schult, erinnere ihn an die 1930er Jahre: „Genau das haben die Nationalsozialisten gemacht 1933, dass politische Gegner und Juden und Dissidenten sozusagen systematisch aus ihren Berufen gedrängt wurden.“16 Zweifelsohne haben die Nationalsozialist:innen unter anderem durch das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ oder das „Schriftleitergesetz“ politische Gegner aus dem Staatsdienst und den Zeitungsredaktionen verdrängt. Jüdinnen und Juden wurden aber eben nicht aufgrund ihrer politischen Einstellung, sondern schlicht aufgrund ihrer Reduzierung auf ihr Jüdisch-Sein aus dem öffentlichen Leben verdrängt – einer Zuschreibung, der sie sich weder durch ihr Tun noch ihr Lassen entziehen konnten, im Gegensatz zu einer politischen Einstellung. Schult leiht sich das moralische Gewicht der NS-Verfolgung unter völliger Verkennung ihrer antisemitischen Spezifika, um die AfD als Opfer totalitärer Verfolgungspraxis zu inszenieren.

„Wir wollen das nicht instrumentalisieren“: Enrico Schult und der 30. April

Überhaupt bedient Enrico Schult regelmäßig Topoi extrem rechter Geschichtspolitik. Schult wurde in Demmin geboren und gewann dort 2021 das Direktmandat. Damit ist er unmittelbar mit dem umkämpftesten Erinnerungsort des Landes befasst – und er äußert sich dazu regelmäßig selbst. In einem Kurzvideo, das er im April 2026 auf Instagram veröffentlichte, erklärt Schult vor Ort, worum es beim Gedenken in Demmin gehe. Die Ereignisse, auf die er sich bezieht, sind gut dokumentiert: Am 30. April 1945 erreichte die Rote Armee die Stadt, es kam zu Plünderungen, und vor allem Frauen und Mädchen wurden Opfer sexualisierter Gewalt. Zwischen dem 30. April und dem 4. Mai nahmen sich hunderte Menschen das Leben, sie erhängten, vergifteten oder erschossen sich, Mütter gingen mit ihren Kindern in Tollense, Trebel und Peene.17 Schult nennt durchgehend „über 1000“ Tote – die Obergrenze einer Spanne, die in der Forschung von einigen hundert bis über tausend reicht und die sich mangels Quellen nicht schließen lässt.18

Entscheidend ist aber, wo Schults Erzählung einsetzt. Als Ursache nennt er ausschließlich die „Übergriffe der Sowjetarmee“; der Zeitraum des Gedenkens ergibt sich für ihn aus dem Einmarsch der Roten Armee am 30. April und ihrem Weiterzug, den er auf den 3. Mai datiert. Deshalb, so seine Begründung, lege die AfD ihren Kranz seit Jahren am 30. April nieder. Die NPD veranstalte am 8. Mai einen Trauermarsch, dagegen demonstrierten „irgendwelche Antifa-Leute“ – beiden sei vorzuwerfen, dass sie das Gedenken instrumentalisierten. Am Ende steht die Lehre, das Geschehen solle zu denken geben, damit es nie wieder zu einem Krieg komme, „insbesondere mit Russland, aber auch mit anderen Nationen“. Damit beginnt die Geschichte am 30. April 1945. Was vorher geschah, wird nicht thematisiert – und zwar nicht nur der Angriffs- und Vernichtungskrieg, der die Rote Armee überhaupt erst nach Demmin führte, sondern auch das Handeln der deutschen Seite in der Stadt selbst. Als die Wehrmacht Demmin Ende April verließ, sprengte sie drei Brücken; Bürgermeister, Landrat, Polizei und NSDAP-Funktionäre setzten sich mit ab und ließen rund 15.000 Einwohner:innen sowie mehrere tausend Geflüchtete zurück, die nun nicht mehr fortkonnten. Die Angst vor der Roten Armee war zudem durch jahrelange NS-Propaganda angeheizt, und manche töteten sich, weil sie das Ende des Regimes nicht ertrugen oder Rache für die eigene Schuld fürchteten.19 Nichts davon wird bestritten, es kommt schlicht nicht vor. Und das gilt auch für das Datum, das Schult meidet. Der 8. Mai galt in der Bundesrepublik lange als Chiffre für die Niederlage; erst Richard von Weizsäcker markierte 1985 die erinnerungspolitische Wende mit dem Satz, der 8. Mai sei ein Tag der Befreiung gewesen. Genau diese Deutung greift der „Trauermarsch“ der Rechtsextremen an. Die Verlegung des Gedenkens auf den 30. April ist deshalb eine bewusste Entscheidung: An dem Tag, an dem die Wehrmacht kapitulierte und an dem Europa endgültig vom nationalsozialistischen Terror befreit wurde, gedenkt die AfD in Demmin nicht.

Von der deutschen Nationalbewegung zum Trabant 601

Neben diesen klassischen Themen rechter Geschichtspolitik bedient sich die AfD in Mecklenburg-Vorpommern Zusehens auch an der DDR-Vergangenheit. Dies zeigen exemplarisch an zwei Fahrzeuge: Da ist zum einen ein himmelblauer Trabant 601 aus DDR-Produktion samt AfD-Logo, vor dem sich Spitzenkandidat Enrico Schult und Leif-Erik Holm ablichten ließen. Die Aneignung des DDR-Alltagsobjekts konterkariert dabei das Wahlkampfmotto von der „blauen Wende“, das implizit auf die Wende von 1989/1990 verweist – also auf den Untergang eben jenes Staates, dessen Kleinwagen hier als Sympathieträger dient. Die AfD bedient beides zugleich: die Nostalgie für das Vergangene und das Versprechen, es zu beenden.

Spitzenkandidat Enrico Schult zusammen mit Leif-Erik Holm vor dem blauen Trabant 601. Quelle: Screenshot, https://www.instagram.com/p/Dcvs3CIgjK0/, aufgerufen am 03.09.2026.
Spitzenkandidat Enrico Schult zusammen mit Leif-Erik Holm vor dem blauen Trabant 601. ©Screenshot, URL: www.instagram.com/p/Dcvs3CIgjK0/ (03.09.2026)

Zum anderen sind da die Simson-Kleinkrafträder. Der Anwärter auf das Amt des Ministerpräsidenten, Leif-Erik Holm, führte – wie schon Björn Höcke in Thüringen und zuletzt Ulrich Siegmund in Sachsen-Anhalt – Simson-Ausfahrten mit AfD-Anhänger:innen durch. Im Vergleich zu den vier Ausfahrten Siegmunds, die teilweise hunderte Fans mobilisierten, blieb die Veranstaltung mit Holm deutlich hinter den Erwartungen zurück: Es nahmen an der Ausfahrt am 30. August 2026 lediglich einige wenige Parteimitglieder und Fans teil.

DDR-Nostalgie, Wende-Rhetorik und die Deutsche Nationalbewegung: Bei der AfD Mecklenburg-Vorpommern wird Geschichte zur willkürlichen Ansammlung von Ereignissen und Symbolen. Quelle: Screenshot, https://x.com/AfD_MV/status/2093959174401003873, aufgerufen am 03.09.2026.
DDR-Nostalgie, Wende-Rhetorik und die deutsche Nationalbewegung: Bei der AfD Mecklenburg-Vorpommern wird Geschichte zur Ansammlung von Ereignissen und Symbolen. ©Screenshot, URL: www.x.com/AfD_MV/status/2093959174401003873 (03.09.2026)

Die AfD setzt seit 2024 gezielt auf die in der DDR produzierten Kult-Mopeds zur Wähler:innenmobilisierung. Dabei verschweigt sie nicht nur die Produktionsbedingungen in der sozialistischen Planwirtschaft, sondern auch die Familiengeschichte des Unternehmens: Die „Simson & Co.“ wurde 1856 im thüringischen Suhl von den jüdischen Brüdern Löb und Moses Simson gegründet und entwickelte sich schnell zu einem wichtigen Produktionsstandort für Stahl, Rüstungsgüter, später Fahrräder und Automobile. 1935 enteigneten die Nationalsozialisten die Eigentümer:innenfamilie entschädigungslos; immerhin gelang ihr die Flucht aus Deutschland. Nachkommen der Familie wehren sich heute gegen die Vereinnahmung des Namens Simson: So nahm Dennis Baum im Juli 2026 an einer Gegenkundgebung zum Bundesparteitag der AfD in Erfurt teil und sprach sich gegen die Instrumentalisierung aus.

Zu dieser Vermischung aus DDR-Nostalgie und NS-Verdrängung gesellte sich bei der Veranstaltung ein deutlicher Bezug zur frühen deutschen Nationalbewegung. Als „Theodor-Körner-Ausfahrt“ kündigte die AfD MV das Ereignis auf X an, bebildert mit Deutschlandfahne und gekreuzten Schwertern. Theodor Körner, nationalistischer Dichter und Angehöriger des Lützowschen Freikorps, kämpfte als Freiwilliger in den ‚Befreiungskriegen‘ und fiel am 26. August 1813 im Forst von Rosenow bei Gadebusch; begraben wurde er im mecklenburgischen Wöbbelin. Die Ausfahrt fand vier Tage nach seinem Todestag statt. Körner wurde im 19. Jahrhundert zum Märtyrer der Nation stilisiert. Noch fünfzig Jahre nach seinem Tod wurden Erinnerungsfeste veranstaltet, sein Todestag galt „allen Deutschen“ als „ein Trauertag“.20 Was diese Verehrung trug, war die Deckung von Werk und Biografie: Körner hatte den Tod fürs Vaterland besungen. Seine Dramen und vor allem seine Lyrik weisen eine regelrechte Opfertod-Besessenheit auf; sein Werk „Zriny“ endet mit den Worten des Protagonisten: „Mir nach! Mir nach! Dort finden wir uns wieder! Stirb, wackres Volk! Für Gott und Vaterland!“, worauf ihm erwidert wird: „Dir nach! Dir nach! Für Gott und Vaterland!“ Damit fügte er sich in eine Publizistik ein, in der das Sujet des Heldentodes inflationär aufgeblasen wurde. Und er starb ihn dann selbst – was ihn zum Beleg für das machte, was seine Verse forderten. Körner erhielt dafür, was den meisten Gefallenen verwehrt blieb: einen Namen, ein Grab, einen Gedenktag. Genau darin liegt die Funktion solcher Figuren, sie stehen stellvertretend für die Namenlosen und machen deren Tod deutbar, indem sie ihn als Opfer für die Gemeinschaft erscheinen lassen.

Warum die AfD MV ihre Ausfahrt nach Körner benannte, hat sie nicht erklärt. Naheliegend ist eine Identifikationsangebot: Körner steht für den Freiwilligen, der sich gegen eine als fremd empfundene Herrschaft erhebt, für Opferbereitschaft und für eine Jugend, die für die Nation einsteht – Deutschlandfahne und gekreuzte Schwerter im Ankündigungspost liefern die Deutung mit. Dass die AfD ihren Wahlkampf ohnehin als „Wende“ inszeniert, fügt sich ein: Man stellt sich in eine Reihe nationaler Erhebungen und macht die eigene Kandidatur zu deren Fortsetzung. Und wiederum greift die AfD damit nur den Teil der Geschichte heraus, den sie ideologisch instrumentalisieren kann: Zu Körners 125. Todestag ließen die Nationalsozialisten 1938 in Wöbbelin ein Museum und einen „Heldenhain“ anlegen. Im Februar 1945 wurde in der Nähe das letzte Außenlager des KZ Neuengamme eingerichtet: „In der kurzen Zeit seines Bestehens war das Lager Wöbbelin Station für über 5000 Opfer des Hitler-Regimes, unter anderem weil es ab Mitte April 1945 zum Auffanglager für mehrere Räumungstransporte aus anderen KZ-Außenlagern wurde.“21

Einordnung

Das „Regierungsprogramm“ der AfD Mecklenburg-Vorpommern enthält keine Aussagen, die im engeren Sinn geschichtsrevisionistisch sind. Es ist auffällig geglättet, und es dürfte auch so gemeint sein. Die Arbeit wird hier nicht von einzelnen Aussagen geleistet, sondern von der Form: Die Erbmetapher der Präambel legt fest, wie Vergangenheit überhaupt vorkommen darf – als Bestand, den man pflegt, weiterentwickelt und weitergibt. Was sich in diese Form fügt, wird ausführlich aufgerufen und mit Fördermitteln unterlegt – Bauwerke, Handwerk, Sprache, Landschaft, Brauchtum. Was sich nicht fügt, verschwindet. Das 20. Jahrhundert wird in diesem Programm daher nicht umgedeutet, es kommt schlicht nicht vor.

Was das Beschweigen des 20. Jahrhunderts, insbesondere der NS-Verbrechen, leistet, zeigen die geschichtspolitischen Aussagen einzelner Abgeordneter – auf anderen Bühnen wird ausgesprochen, was im Programm fehlt. Die Berufung auf Theodor Körner stellt den Heldenmythos des 19. Jahrhunderts bereit, während die Deutschen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vorrangig als Opfer alliierter Willkür und Brutalität erscheinen. Gleichermaßen versucht die AfD, mit DDR-Nostalgie und Ostidentität auf Stimmenfang zu gehen und sich als Vollstreckerin unerfüllter Transformationsversprechen zu inszenieren. Diese vermeintlich widersprüchlichen Aneignungen und Auslassungen sollen nicht nur verschiedene Wähler:innenmilieus mobilisieren, sondern offenbaren auch, was Geschichte für die AfD ist: Kein Gegenstand kritischer Reflexion, sondern ein Vorrat an Identifikationsangeboten, deren Zuschnitt sich nach dem Publikum richtet. Ihr Verhältnis zur Vergangenheit ist ein mythisches – kein historisches.

 

[Autor:innen: Berit Kö & Jakob Schergaut]

 

[1] Bereit für die blaue Wende. AfD-Regierungsprogramm zur Landtagswahl 2026, S. 9.

[2] Ebd., S. 90.

[3] Ebd., S. 17.

[4] Ebd., S. 18.

[5] Ebd., S. 51.

[6] Ebd., S. 90.

[7] Ebd., S. 72.

[8] Ebd., S. 91.

[9] Website von Nikolaus Kramer, Reiter: Verweise (03.09.2026).

[10] Zitiert nach: Bundesamt für Verfassungsschutz: Gutachten des Bundesamtes für Verfassungsschutz zur AfD, in: Cicero, URL: https://assets.cicero.de/2025-05/Geheimgutachten_Teil%20A.pdf (02.09.2026).

[11] Nikolaus Kramer: Zwischen Besiegten und Befreiten: Plädoyer für eine souveräne Erinnerungspolitik. In: FREILICH (2025).

[12] Landtag Mecklenburg-Vorpommern: 125. Sitzung. Dokumentation Landtag MV, dort datiert 29.01.2026, S. 70, URL: https://www.dokumentation.landtag-mv.de/parldok/lib/pdfjs/web/viewer.html?locale=de-DE&file=https%3A%2F%2Fwww.dokumentation.landtag-mv.de%2Fparldok%2Fdokument%2F70245#pagemode=none&search=Schlagworte%20Nationalsozialismus&phrase=false&parldokSearchResults=Schlagworte%20Nationalsozialismus (02.09.2026).

[13] Franz Schönhuber: Ich war dabei, München9 1981, S. 19.

[14] Der Antrag selbst verschweigt jeglichen historischen Kontext und reproduziert einseitige Opfernarrative. Vgl. dazu: Landtag Mecklenburg-Vorpommern: Drucksache 8/6319. Dokumentation Landtag MV, dort datiert 04.03.2026, URL: https://www.dokumentation.landtag-mv.de/parldok/lib/pdfjs/web/viewer.html?locale=de-DE&file=https%3A%2F%2Fwww.dokumentation.landtag-mv.de%2Fparldok%2Fdokument%2F70577#pagemode=none (02.09.2026).

[15] Landtag Mecklenburg-Vorpommern: 8/5517. Dokumentation Landtag MV, dort datiert 28.11.2025, S. 269, URL: https://www.dokumentation.landtag-mv.de/parldok/lib/pdfjs/web/viewer.html?locale=de-DE&file=https%3A%2F%2Fwww.dokumentation.landtag-mv.de%2Fparldok%2Fdokument%2F68939#pagemode=none (02.09.2026).

[16] Landtag Mecklenburg-Vorpommern: 125. Sitzung, S. 79.

[17] Luisa Gehring: Demmin: Wie Rechtsextreme Opfergedenken instrumentalisieren, Amadeu Antonio Stiftung, hier datiert am 29.4.2025, URL: https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/demmin-wie-rechtsextreme-opfergedenken-instrumentalisieren-135587/ (02.09.2026).

[18] Ebd. Zur Einordnung der Suizidwelle vgl. Florian Huber: Kind, versprich mir, dass du dich erschießt. Der Untergang der kleinen Leute 1945, München 2015.

[19] Gehring: Demmin.

[20] Anonym: Die fünfzigjährige Gedächtnißfeier des Todestages Theodor Körners, in: Augsburger Allgemeine Zeitung Nr. 252, 9. September 1863, S. 4179f., hier S. 4179.

[21] Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin Theodor-Körner-Museum und KZ-Gedenkstätte, URL: https://www.gedenkstaetten-mv.de/ort/mahnstaette-kz-gedenkstaetten-woebbelin-theodor-koerner-museum (08.09.2026).


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