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Thomas Benninghaus und der Geschichtsrevisionismus der Thüringer AfD

Am 7. Juni 2026 wird im thüringischen Landkreis Saalfeld-Rudolstadt ein neuer Landrat gewählt. Der Amtsinhaber Marko Wolfram (SPD) tritt gegen den parteilosen Wolfgang Wehr sowie den AfD-Kandidaten Thomas Benninghaus an. Zuvor war Mario Brehme aus dem Wahlkampf ausgeschieden, nachdem das Landesamt für Verfassungsschutz Zweifel an dessen Verfassungstreue geäußert hatte. Als engster Konkurrent des Amtsinhabers gilt derzeit Thomas Benninghaus, der mit einer geschichtspolitischen Rede im Thüringer Landtag im Dezember 2025 bundesweite Aufmerksamkeit erregte. Dass es sich dabei um keinen Einzelfall handelt, zeigen seine weiteren Auftritte im Landtag und auf Social Media.

Thomas Benninghaus bei seiner Rede im Thüringer Landtag am 4. Dezember 2025.
Thomas Benninghaus bei seiner Rede im Thüringer Landtag am 4. Dezember 2025. ©Screenshot, https://www.youtube.com/watch?v=oy3CwAlJyCs, aufgerufen am 28.05.2026

Wer ist Thomas Benninghaus?

Thomas Benninghaus, Jahrgang 1973, hat Bauingenieurwesen studiert und lebt in Rudolstadt.1 Er gilt als einer der Sieger eines AfD-internen Machtkampfs, der im Herbst 2023 begann: Karlheinz Frosch, ehemaliger Landtagsalterspräsident, sicherte sich im Oktober 2023 in Zeigerheim die Spitzenkandidatur für die Kommunalwahl im Mai 2024. Das Höcke-nahe Lager geriet damit ins Abseits. Der Landesvorstand versuchte dreimal, die Wahl vor dem Landgericht Gera für ungültig erklären zu lassen – ohne Erfolg. Der Kreis um Benninghaus gründete daraufhin im März 2024 die konkurrierende „Alternative für den Landkreis Saalfeld-Rudolstadt" (AfL).2 Den Machtkampf sowie die Kommunalwahl entschied die AfL für sich. Im Nachgang versuchte die Parteispitze, neun Mitglieder der konkurrierenden Liste auszuschließen, woraufhin Frosch und andere die AfD verließen.3 In der Landtagswahl 2024 sicherte sich Benninghaus das Direktmandat und zog in den Landtag ein.

Benninghaus im Landesparlament

Für Aufsehen sorgte der Neuparlamentarier das erste Mal am 13. Juni 2025 mit einer Kleinen Anfrage: Laut Benninghaus habe sich ein Besucher der Gedenkstätte Buchenwald bei ihm beschwert, während einer Führung seien „parteipolitische Äußerungen getätigt" worden.4 Benninghaus fragte daraufhin, wie die Gedenkstätte die „parteipolitische Neutralität" ihrer Mitarbeiter:innen gewährleiste – ein Versuch, in die inhaltliche Arbeit der Gedenkstätte einzugreifen und Aktualitätsbezüge zu unterbinden. Die Gedenkstätte wies alle Vorwürfe zurück: Gegenüber Positionen, die das Leid der NS-Opfer in Frage stellen, könne die Stiftung nicht neutral sein – eine Haltung, die das Verwaltungsgericht Weimar erst im November 2024 bestätigt hatte.5

Geschichtsrevisionismus im Landtag: Die „Stolperstein-Debatte“

Einer größeren Öffentlichkeit wurde Benninghaus durch eine Rede am 4. Dezember 2025 im Landtag bekannt. Dabei brachte er einen Antrag zur Sanierung von Kriegsgräbern und Kriegerdenkmälern ein – eine Forderung, die für sich genommen nicht zu beanstanden wäre; die politische Stoßrichtung erschließt sich jedoch durch seine konkrete Argumentation.

In seiner Rede beklagte Benninghaus: „In einigen Städten Thüringens werden auf Gehwegen sogar goldene Steine eingebaut, um an die Opfer der Kriege zu erinnern, während unsere traditionellen Gedenkstätten dem Vergessen preisgegeben sind."6 Die „goldenen Steine" sind Stolpersteine – Messingtafeln, die seit den 1990er Jahren vor den letzten frei gewählten Wohnorten von NS-Verfolgten in den Gehweg eingelassen werden: Jüdinnen und Juden; Sint:izze und Rom:nja; politisch, religiös und wegen ihrer sexuellen Orientierung Verfolgte; als „asozial" Stigmatisierte; Zwangsarbeiter:innen und Deserteure.7 Benninghaus' Beschreibung der Stolpersteine als Denkmäler für „Opfer der Kriege" tilgt die Unterscheidung zwischen Kriegsopfern und Opfern nationalsozialistischer Verfolgung und entzieht der NS-Vernichtungspolitik damit ihre historische Spezifik. Dabei konstruiert er eine Konkurrenz zwischen Stolpersteinen und Kriegerdenkmälern: Hier die „goldenen Steine", dort „unsere traditionellen Gedenkstätten" – und implizit: das eine auf Kosten des anderen. Das „unser" ist dabei eine ideologische Markierung: Es zieht eine Grenze zwischen einem nationalen „Wir", dem Gefallene und Vertriebene angehören, und den Opfern der NS-Verfolgung – obwohl viele von ihnen deutsche Staatsbürger:innen waren.

Kranzniederlegung am internationalen Holocaust-Gedenktag

Umso bezeichnender erscheint Benninghaus' Auftritt am 27. Januar 2026 – dem Jahrestag der Befreiung von Auschwitz und seit 2005 internationalem Holocaust-Gedenktag. Er legte Blumenkränze am Rudolstädter Mahnmal für die Opfer des Faschismus nieder und warnte auf Facebook vor den Anfängen eines angeblichen „totalitären Regimes", vor Verfolgung der Opposition – und vor Antisemitismus durch Einwanderung. Dabei blendet er aus, dass Antisemitismus in Deutschland alle gesellschaftlichen Schichten und Altersgruppen durchzieht. Studien belegen zudem, dass AfD-Wähler:innen im Vergleich zu anderen Parteien die höchste Zustimmung zu antisemitischen Ressentiments aufweisen.8 Das Blumengebinde wurde noch am selben Tag von Unbekannten entfernt und unmittelbar darauf von der AfD erneuert. Benninghaus erklärte daraufhin: „Wer wirklich gegen Faschismus ist, der respektiert das Gedenken an die Opfer – unabhängig davon, welche politische Kraft es vollzieht." Diese Forderung steht in einem erheblichen Widerspruch zu seinen eigenen Äußerungen über „goldene Steine". Benninghaus schloss seinen Post mit den Worten: „Nie wieder Gewalt gegen Andersdenkende" – eine verzerrte Instrumentalisierung des Gedenktages: Die nach Auschwitz Verschleppten wurden nicht etwa wegen ihrer politischen Überzeugung ermordet, sondern weil sie Jüdinnen und Juden waren.

Thomas Benninghaus (in der Mitte, weißes Blumengesteck mit blauem Band) legt mit Mitgliedern des AfD-Kreisverbandes am 27.01.2026 am Mahnmal für die Opfer des Faschismus in Rudolstadt Kränze nieder.
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Thomas Benninghaus (in der Mitte, weißes Blumengesteck mit blauem Band) legt mit Mitgliedern des AfD-Kreisverbandes am 27.01.2026 am Mahnmal für die Opfer des Faschismus in Rudolstadt Kränze nieder. ©Screenshot, https://www.facebook.com/photo/?fbid=122110682685176167&set=pcb.122110682739176167, aufgerufen am 28.03.2026.
In einem Facebook-Statement vom 27. Januar 2026 instrumentalisierte Benninghaus das Holocaustgedenken, um vor einem vermeintlich neuen Totalitarismus zu warnen und Antisemitismus als Folge „illegaler Migration" seit 2015 darzustellen.
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In einem Facebook-Statement vom 27. Januar 2026 instrumentalisierte Benninghaus das Holocaustgedenken, um vor einem vermeintlich neuen Totalitarismus zu warnen und Antisemitismus als Folge „illegaler Migration" seit 2015 darzustellen. ©Screenshot, https://www.facebook.com/tbenninghaus/posts/pfbid023uGUMMZusmRp2p9B92UndMZfKN6SWmvussaDSEdVu4GYBUUzQ2mneMy5KPdsY3CKl, aufgerufen am 28.05.2026.
Nachdem das ursprüngliche Gebinde von Unbekannten entfernt worden ist, warnte Benninghaus vor „Gesinnungsterror“ und „Gewalt gegen Andersdenkende“.
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Nachdem das ursprüngliche Gebinde von Unbekannten entfernt worden ist, warnte Benninghaus vor „Gesinnungsterror“ und „Gewalt gegen Andersdenkende“. ©Screenshot, https://www.facebook.com/reel/919906837278695, aufgerufen am 28.05.2026.

Dresden, die Alliierten und die Schuldumkehr

Am 13. Februar 2026 veröffentlichte Benninghaus anlässlich des 81. Jahrestages der Bombardierung Dresdens einen Post, der ähnlich revisionistisch aufgeladen ist. Unter der Überschrift „Tag der ‚Befreiung'" schrieb er: „Am 13./14.2.1945 wurde Dresden ‚befreit' von seiner weltberühmten barocken Innenstadt und seiner über Jahrhunderte gewachsenen Kultur. 25.000 Menschen verloren ihr Leben." Darunter: „Wir gedenken der Opfer des anglo-amerikanischen Bombenterrors." Die Anführungszeichen um „Befreiung" sind das erste revisionistische Signal: Das Kriegsende erscheint als Hohn, während die Befreiung Europas vom nationalsozialistischen Terror im Post nicht vorkommt. „Anglo-amerikanischer Bombenterror" ist ein Kampfbegriff des Geschichtsrevisionismus, den bereits Joseph Goebbels in der NS-Kriegspropaganda verwendete,9 der aber auch nach 1945 durch die SED kultiviert wurde, um den Westen zu diffamieren. Benninghaus nennt die historisch korrekte Zahl von 25.000 Opfern, verschweigt aber jeden Kontext und bedient damit rhetorisch dieselbe Täter-Opfer-Umkehr. In einem begleitenden Text behauptete er, das „barbarische Kriegsverbrechen" habe vor allem „Frauen, Kinder und Flüchtlinge" getroffen – eine Darstellung, die einer Überprüfung nicht standhält: Eine überdurchschnittlich hohe Zahl von Flüchtlingen konnte unter den Opfern nicht festgestellt werden.10

Post von Thomas Benninghaus auf Facebook vom 13. Februar 2026.
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Post von Thomas Benninghaus auf Facebook vom 13. Februar 2026. ©Screenshot , https://www.facebook.com/photo/?fbid=122113168593176167&set=a.122103814707176167, aufgerufen am 28.05.2026.
Benninghaus schloss seinen Post mit: „Dresden mahnt uns: Deutschland hat das Recht, seiner eigenen Toten zu gedenken. Ohne Wenn und Aber. Mit Stolz auf unsere Geschichte und dem Willen, nie wieder solche Verbrechen zuzulassen.“ Eine Formulierung, die mindestens offenlässt, ob er damit die Bombardierung Dresdens und/oder die NS-Verbrechen meint.
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Benninghaus schloss seinen Post mit: „Dresden mahnt uns: Deutschland hat das Recht, seiner eigenen Toten zu gedenken. Ohne Wenn und Aber. Mit Stolz auf unsere Geschichte und dem Willen, nie wieder solche Verbrechen zuzulassen.“ Eine Formulierung, die mindestens offenlässt, ob er damit die Bombardierung Dresdens und/oder die NS-Verbrechen meint. ©Screenshot, https://www.facebook.com/photo/?fbid=122113168593176167&set=a.122103814707176167, aufgenommen am 28.05.2026.

Benninghaus in der Ostthüringer Zeitung (OTZ)

Solcherlei Geschichtsklitterung gehört in der Thüringer AfD zum ideologischen Kern. Laut einem Interview mit der Ostthüringer Zeitung trat Benninghaus der AfD nach der Bundestagswahl 2017 bei, weil AfD-Wähler:innen seiner Darstellung nach pauschal als „radikal" abgestempelt worden seien. Was er unter „rechtsradikal“ verstehe, sehe er weder bei Mitgliedern noch Wähler:innen der AfD – wobei er eine Definition des von ihm verwendeten Begriffs schuldig blieb. Tatsächlich verorten sich bundesweit 51 Prozent der AfD-Wähler:innen selbst als „rechts“, weitere 24 Prozent sogar als „rechts außen“11 und konterkarieren damit Benninghaus‘ Verharmlosung. Die Einordnung der Thüringer AfD als „gesichert rechtsextrem“ durch das Landesamt für Verfassungsschutz wies er zurück: „Wir wissen doch, wer den Verfassungsschutz leitet.“12 Diese Aussage widerlegt die Einordnung nicht inhaltlich – sie diffamiert stattdessen die Instanz. Der Thüringer Verfassungsschutz sah sich bereits in der Vergangenheit massiver Kritik ausgesetzt, nachdem in Folge der Selbstenttarnung der rechtsterroristischen Gruppierung „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) im November 2011 schwere Versäumnisse der Behörde bekannt wurden. Die öffentliche Kritik damals richtete sich jedoch gegen das Versagen gegenüber rechtsextremen Strukturen – nicht gegen die Beobachtung eben jener, wie von Benninghaus angeprangert.

Rechtsradikal, rechtsextrem, neonazistisch?

In öffentlichen Debatten werden die Begriffe rechtspopulistisch, rechtsradikal, rechtsextrem und neonazistisch häufig durcheinandergebracht. Der von Benninghaus verwendete Begriff des Rechtsradikalismus wurde vor allem bis in die 1970er Jahre von westdeutschen Sicherheitsbehörden verwendet, um Bestrebungen gegen die Demokratie von rechts zu beschreiben.13 Die moderne Sozialwissenschaft unterscheidet zwischen rechtspopulistisch, rechtsextrem und neonazistisch. Der Rechtspopulismus zeichnet sich durch Nativismus – die Vorstellung einer homogenen Gemeinschaft, die durch äußere Einflüsse bedroht sei –, Autoritarismus und die Inszenierung als Stimme eines angeblich von einer korrupten Elite unterdrückten Volkes aus.14 DerRechtsextremismus wird nach der sogenannten Konsensdefinition verstanden als

„Einstellungsmuster, dessen verbindendes Kennzeichen Ungleichwertigkeitsvorstellungen darstellen. Diese äußern sich im politischen Bereich in der Affinität zu diktatorischen Regierungsformen, chauvinistischen Einstellungen und einer Verharmlosung bzw. Rechtfertigung des Nationalsozialismus. Im sozialen Bereich sind sie gekennzeichnet durch antisemitische, fremdenfeindliche und sozialdarwinistische Einstellungen.“15

Der Neonazismus zeichnet sich durch eine explizite Verherrlichung des Nationalsozialismus aus. Die Grenzen zwischen diesen Kategorien sind in der Praxis nicht immer scharf – Übergänge und Überschneidungen sind möglich. Angesichts der Selbstverortung der Wähler:innen, als auch der Parteieliten selbst, scheint Benninghaus‘ Verharmlosung wenig glaubwürdig. Am 4. Mai 2026 ließ sich der Thüringer Landtagsabgeordnete mit dem Bundestagsmitglied Matthias Helferich fotografieren, der sich in internen Chats als „das freundliche Gesicht des Nationalsozialismus“ und als „demokratischer Freisler“ bezeichnet hatte.16 Roland Freisler war Richter am nationalsozialistischen Volksgerichtshof und fällte Tausende Todesurteile.

Am 4. Mai 2026 ließ sich Thomas Benninghaus mit Matthias Helferich im Bundestag ablichten, nachdem die AfD zuvor eine kulturpolitische Resolution verabschiedet hatte.
Am 4. Mai 2026 ließ sich Thomas Benninghaus mit Matthias Helferich im Bundestag ablichten, nachdem die AfD zuvor eine kulturpolitische Resolution verabschiedet hatte. ©Screenshot, https://www.facebook.com/tbenninghaus/, aufgerufen am 28.05.2026.

Was Benninghaus nicht für „rechtsradikal“ hält

Auch der Blick in seine eigene Landtagsfraktion lässt große Zweifel an der Distanzierung vom „Rechtsradikalismus“ aufkommen: Die Thüringer AfD eröffnete ihr Wahlprogramm zur Landtagswahl 2024 mit einem explizit positiven Bezug zum Nationalsozialismus, indem sie dem Programm einen Liedtext von Franz Langheinrich (1864–1945) voranstellte. Langheinrich war kein harmloser Heimatdichter, sondern ein völkischer Vordenker und glühender Nationalsozialist: Mindestens zwischen 1934 und 1936 schrieb er für die NS-Parteizeitung „Völkischer Beobachter“, ab 1935 war er Redakteur der antisemitischen Kunstzeitschrift „Das Bild“. In der NS-nahen Zeitschrift „Das Bayerland“ veröffentlichte er Lobeshymnen auf Adolf Hitler und hetzte gegen „entartete Kunst“ sowie das „verkommene Untermenschentum unter semitischer Führung“. Co-Fraktionsvorsitzender Stefan Möller wies in einem Interview alle Vorwürfe zurück: von der NS-Vergangenheit des Dichters habe man nichts gewusst – eine Behauptung, die angesichts der leicht zugänglichen Quellenlage (Wikipedia) schwer nachvollziehbar ist.

Die Wähler:innen der Thüringer AfD

Während den Nationalsozialismus verharmlosende Positionen in der Thüringer AfD zum festen Repertoire gehören, müssen damit im Umkehrschluss nicht alle Wähler:innen der Partei einverstanden sein – oftmals scheinen sie dies jedoch in Kauf zu nehmen. In Thüringen konnte die AfD 2024 besonders in ländlichen Regionen punkten, die durch Überalterung, geringe Kaufkraft und niedrige Wahlbeteiligung gekennzeichnet sind und in denen in der Vergangenheit überdurchschnittlich häufig rechtsextreme Parteien wie „Die Heimat" (ehemals NPD) gewählt wurden.17 Aus dem seit 2001 erhobenen Thüringen-Monitor geht ein relativ konstantes Personenpotenzial von 20 Prozent der Thüringer:innen hervor, die ein rechtsextremes Weltbild teilen.18 Bei der Landtagswahl 2024 gaben jedoch knapp 33 Prozent der AfD ihre Stimme, bei der vorgezogenen Bundestagswahl sogar rund 39 Prozent. Ein Umstand, der sich nicht nur mit der Mobilisierung vormaliger Nicht-Wähler:innen erklären lässt. Untersuchungen legen nahe, dass auch Misstrauen gegenüber der Landesregierung sowie Unzufriedenheit mit der Umsetzung demokratischer Prinzipien eine Rolle gespielt haben dürften.19

Die Landratswahl am 7. Juni 2026

Mit Thomas Benninghaus kandidiert ein Politiker für das Amt des Landrats, der sich selbst dem Höcke-Lager verschrieben hat und dem geschichtsrevisionistischen Kurs der Partei mit eigenen Vorstößen zuarbeitet. Die Verharmlosung des Nationalsozialismus ist für die AfD kein Selbstzweck: Sie soll ein verherrlichendes Geschichtsbild etablieren, das die deutsche Geschichte in eine einzige Erfolgsgeschichte umschreibt, Täter- und Opferverhältnisse umkehrt und damit auch die historische Verantwortung relativiert. Mit der möglichen Wahl von Thomas Benninghaus steht zu befürchten, dass die gegen viele Widerstände erstrittene Aufarbeitung der Vergangenheit sowie ihre Überführung in eine kritische Erinnerungskultur auch auf lokaler Ebene  weiter unter Druck gerät.

 

 

 

 

[Autor:innen: Berit Kö & Jakob Schergaut]

[1] Heike Enzian: „In Thüringen muss sich Grundlegendes ändern“, sagt Thomas Benninghaus – ein Portrait. OTZ Saalfeld-Rudolstadt, dort datiert 08.08.2024, URL: https://www.otz.de/lokales/saalfeld-rudolstadt/article406972582/in-thueringen-muss-sich-grundlegendes-aendern-sagt-thomas-benninghaus-ein-portrait.html (09.03.2026).

[2] Andreas Kehrer: AfD gegen AfD: Hier macht Höcke Wahlkampf gegen seine eigene Partei. MDR Thüringen, dort datiert 09.05.2024, URL: https://www.mdr.de/nachrichten/thueringen/ost-thueringen/saalfeld-rudolstadt/afd-hoecke-frosch-landtagswahl-machtkampf-100.html#Am (26.03.2025).

[3] Nach Streit um zwei AfD-Listen: Frosch will Partei verlassen. MDR THÜRINGEN, dort datiert 27.05.2024, URL: https://www.mdr.de/nachrichten/thueringen/ost-thueringen/saalfeld-rudolstadt/wahl-kreistag-afd-liste-hoecke-100.html (09.03.2026).

[4] Thüringer Landtag: Drucksache 8/1715. Thüringer Landtag, dort datiert 05.08.2025, URL: https://parldok.thueringer-landtag.de/ParlDok/dokument/103169 (26.05.2026).

[5] Verwaltungsgericht Weimar: 8 E 1652/24 We - Beschluss vom 05.11.2024. Verwaltungsgericht Thüringen, dort datiert 05.11.2024, URL: https://verwaltungsgerichte.thueringen.de/thueringer-oberverwaltungsgericht/entscheidungen-1-2?tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Bnews%5D=4916&cHash=0bc87b9cca8b6aa9d271bda4e03e7a98 (28.05.2026).

[6] Thüringer Landtag: Thüringer Landtag 8. Wahlperiode 30. Sitzung, dort datiert 04.12.2025, S. 85, URL: https://parldok.thltcloud.de/parldok/dokument/104949/8_0030_30_plenarsitzung_arbeitsfassung#navpanes=0 (26.05.2026).

[7] URL: https://www.stolpersteine.eu/wissenwertes/haufige-fragen (24.03.2026).

[8] Exemplarisch: Oliver Decker/Johannes Kiess/Elmar Brähler: Antisemitismus als individuelles Ressentiment und gesellschaftliches Sediment – empirische Befunde. In: Oliver Decker u.a.: Vereint im Ressentiment, Gießen 2024 (Leipziger Autoritarismus Studie 2024), S. 146.

[9] In seinem Aufruf zur Vergeltung vom 5. Juni 1943 sagte Joseph Goebbels: „Wir Deutschen von heute gehören nicht zu der Sorte von Menschen, die bei einem Feind, der auf unsere Vernichtung ausgeht, um Nachsicht betteln. Wir wissen, daß es gegen den britisch-amerikanischen Bombenterror nur ein wirksames Mittel gibt: Gegenterror!“ (Goebbels’ zit. n. German History in Documents and Images, URL: https://germanhistorydocs.org/de/deutschland-nationalsozialismus-1933-1945/ghdi:document-15

84 (19.03.2026)).

[10] Alexander von Plato: Erinnerungen an ein Symbol: die Bombardierung Dresdens im Gedächtnis von Dresdnern. In: BIOS - Zeitschrift für Biographieforschung, Oral History und Lebensverlaufsanalysen 20 (2007), H. 1, S. 123–137, hier S. 132.

[11] Decker, Kiess, u.a.: Antisemitismus als individuelles Ressentiment und gesellschaftliches Sediment – empirische Befunde, S. 142.

[12] Enzian: „In Thüringen muss sich Grundlegendes ändern“, sagt Thomas Benninghaus – ein Portrait.

[13] Fabian Virchow: Rechtsextremismus: Begriffe – Forschungsfelder – Kontroversen. In: Fabian Virchow/Martin Langebach/Alexander Häusler (Hrsg.): Handbuch Rechtsextremismus, Wiesbaden 2016, hier S. 14.

[14] Cas Mudde: The Populist Radical Right: A Reader. London & New York 2017, S. 4.

[15] Zitiert nach: Oliver Decker, Elmar Brähler & Norman Geißler: Vom Rand zur Mitte: Rechtsextreme Einstellungen und ihre Einflussfaktoren in Deutschland. Friedrich-Ebert-Stiftung, Berlin 2006, S. 20.

[16] Maik Baumgärtner: E-Mails über Rassenlehre und Gewaltfantasien belasten AfD-Abgeordneten schwer. In: Spiegel (2025), H. 22.Maik Baumgärtner: E-Mails über Rassenlehre und Gewaltfantasien belasten AfD-Abgeordneten schwer. In: Spiegel (2025), H. 22.

[17] Christoph Richter, Cornelius Helmert & Axel Sallheiser: Erklärungsfaktoren für die Wahlergebnisse der AfD in Thüringen, in: EZRA u.a.: Thüringer Zustände 2024, hier S. 47.

[18] Der Medien aus den Erhebungen von 2001 bis 2024 liegt bei 20 Prozent, der gerundete Mittelwert bei 21 Prozent. Vgl. Marion Reiser u.a.: Einstellungen zu Demokratie, Rechtsextremismus und Antisemitismus. Ergebnisse des Thüringen-Monitors 2024, Jena 2025, S. 26.

[19] Christine Finn/Carla Grosche/u.a.: Neues Kräfteverhältnis in Thüringen: Erkenntnisse einer Bevölkerungsbefragung zur Landtagswahl. In: EZRA u.a.: Thüringer Zustände 2024, hier S. 44–45.


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