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Mythos „Röhm-Putsch“

Zwischen dem 30. Juni und dem 2. Juli 1934 ließ das NS-Regime über 1.400 SA-Mitglieder und politische Gegner verhaften; etwa 90 Menschen, darunter der SA-Führer Ernst Röhm, wurden ermordet. Die von der NS-Propaganda als „Röhm-Putsch“ bezeichnete Mord- und Verhaftungswelle spaltet die extreme Rechte bis heute: Während Geschichtsrevisionist:innen die Legende von einem angeblich unmittelbar bevorstehenden Umsturz wiederbeleben, versuchen Teile der sogenannten Neuen Rechten Opfer der Aktion anschlussfähig zu machen.

Ernst Röhm (vorne rechts) zusammen mit Adolf Hitler (links daneben) nach der Urteilsverkündigung 1924 in Folge des Putsches in München (1923).
Ernst Röhm (vorne rechts) zusammen mit Adolf Hitler (links daneben) nach der Urteilsverkündigung 1924 in Folge des Putsches in München (1923). ©Bundesarchiv, Bild 102-00344A

Vorgeschichte

Die Nationalsozialist:innen nahmen nach der Machtübertragung weite Teile der Opposition im Zuge der Reichstagsbrandverordnung in „Schutzhaft“. Eine entscheidende Rolle im staatlich orchestrierten Terror spielte die Sturmabteilung (SA), die politische Gegner in Sturmlokale, Privatwohnungen oder „wilde KZs“ verschleppte, folterte und ermordete. Nach anfänglicher Euphorie setzten jedoch wachsende soziale und ökonomische Probleme die NS-Führung unter Druck. Auch zwischen der SA und der politischen Führung bahnten sich Konflikte an. Der Führer der SA, Ernst Röhm, galt als Duz-Freund Hitlers und hatte die Organisation in den 1920er Jahren als paramilitärischen Saalschutz für Parteiveranstaltungen aufgebaut. Nach dem gescheiterten Münchener Putsch (1923) präferierte Hitler einen legalistischen Kurs, während Röhm an der Idee eines revolutionären Umsturzes festhielt. Er kehrte der Partei den Rücken und arbeitete zwischen 1928 und 1930 als Militär-Instruktor in Bolivien. Auf Wunsch Hitlers kehrte er jedoch nach Deutschland zurück und übernahm im Januar 1931 erneut die SA-Führung.1 Bis Mitte 1934 wuchs die Organisation auf über 4,3 Millionen Mitglieder an2 und verfügte über 177.000 Karabiner (kurzläufige Gewehre) sowie 1.900 Maschinengewehre.3 Damit verstieß sie gegen die Auflagen des Versailler Vertrags und drohte, das Regime außenpolitisch zu diskreditieren. Zugleich sah die Reichswehr, die alleiniger Waffenträger bleiben wollte, ihre Stellung gefährdet. Während Hitler für seine geplanten Angriffskriege mit den regulären Streitkräften plante, wollte Röhm die SA zur dritten Machtstütze neben Polizei und Reichswehr ausbauen. Für zusätzliche Spannung sorgte das Verhältnis zur Schutzstaffel (SS), die der SA Personal abwarb und sich durch Führertreue und elitären Habitus von den „Braunhemden“ abzugrenzen suchte, die als proletarisch-gewalttätige „Rabauken“ galten und – mit Blick auf Ernst Röhm – als homosexuell stigmatisiert wurden.4

Ein SA-Mann verhaftet Kommunisten nach den Reichstagwahlen am 6. März 1933.
Ein SA-Mann verhaftet Kommunisten nach den Reichstagwahlen am 6. März 1933. ©Bundesarchiv, Bild 102-02920A

Die Lage im Frühjahr 1934

Röhms Forderung nach einer „zweiten Revolution“, die seiner SA die erhofften Entschädigungen für die Entbehrungen der „Kampfzeit“ liefern sollte, verschärfte die Lage zusätzlich. Der SA-Führer widersprach damit explizit dem von Hitler im Juli 1933 verkündeten Ende der Revolution. Hitler holte mit seinen Getreuen zur Gegenoffensive aus: Rudolf Heß warnte die SA im Januar 1934 davor, ein „Eigendasein“ zu führen. Der Reichskanzler selbst wetterte einen Monat später gegen die „Narren“, die glaubten, „die Revolution sei nicht vorbei.“5 Josef Goebbels kündigte am 3. Mai eine Kampagne gegen „Miesemacher und Kritikaster“ an, die sich vor allem gegen Bürgerliche und Konservative richtete.6 Nachdem Hitler Röhm bereits am 28. Februar deutlich gemacht hatte, dass er dem Militär den Vorzug geben würde, kam es Anfang Juni zu einer erneuten Unterredung, bei der es um nicht weniger als die Zukunft der SA gegangen sein dürfte. Röhm ließ im Nachgang verlautbaren, er werde sich auf eine mehrwöchige Kur begeben; die SA gehe im Juli geschlossen in den Urlaub.7 Dabei sprach er auch eine implizite Drohung gegen seine Widersacher aus, die hofften, die „Braunhemden“ würden gar nicht aus dem Urlaub zurückkehren – eine Drohung aus einer Position der Defensive.8

Der konservative Vorstoß

Angesichts der Unruhe in der Bevölkerung und der handfesten Regierungskrise sahen nun die konservativen Eliten um Vizekanzler Franz von Papen ihre Stunde gekommen. Sie planten einen Vorstoß zu Hindenburg, um dessen Testament um einen Passus zur Wiedereinführung der Monarchie zu erweitern. Hindenburgs Gesundheitszustand verschlechterte sich jedoch, sodass von Papen und seine Mitstreiter ihr Unterfangen beschleunigten. Am 17. Juni hielt der Vizekanzler die berühmt gewordene „Marburger Rede“, die ihm sein ultrakonservativer Berater Edgar Julius Jung geschrieben hatte. Darin beklagte er erstaunlich offen die Missstände unter der NS-Terrorherrschaft. Hitler verbot die Verbreitung der Rede und verhinderte von Papens geplanten Besuch bei dem schwerkranken Hindenburg. Stattdessen versprach Hitler seinem Vizekanzler einen gemeinsamen Besuch, nur um Hindenburg dann doch allein am 21. Juni auf dem Gut in Neudeck aufzusuchen und sich erneut dessen Unterstützung zu versichern.9 Die Konservativen gerieten damit endgültig ins Hintertreffen.  

Das Kabinett unter Adolf Hitler. Von links nach rechts sitzend: Hermann Göring, Reichskommissar für Luftfahrt und das preußische Innenministerium, Adolf Hitler, Reichskanzler, Franz von Papen, Vizekanzler. Stehend: Franz Seldte, Arbeitsminister, Dr. Dr. Günther Gereke, Lutz Graf Schwerin von Krosigk, Reichsfinanzminister, Wilhelm Frick, Reichsinnenminister, Werner von Blomberg, Reichswehrminister, Alfred Hugenberg, Wirtschafts- und Ernährungsminister.
Das Kabinett unter Adolf Hitler. Von links nach rechts sitzend: Hermann Göring, Reichskommissar für Luftfahrt und das preußische Innenministerium, Adolf Hitler, Reichskanzler, Franz von Papen, Vizekanzler. Stehend: Franz Seldte, Arbeitsminister, Dr. Dr. Günther Gereke, Lutz Graf Schwerin von Krosigk, Reichsfinanzminister, Wilhelm Frick, Reichsinnenminister, Werner von Blomberg, Reichswehrminister, Alfred Hugenberg, Wirtschafts- und Ernährungsminister. ©Bundesarchiv, Bild 183-H28422.

Die Entscheidung

Die Entscheidung, gegen beide Lager vorzugehen, muss Hitler wenige Tage nach dem Besuch bei Hindenburg getroffen haben. Heß und Göring verschärften erneut den Ton und warnten am 25. und 26. Juni die ausgemachten Revolutionäre der SA.10 Die Reichswehr hatte seit Jahresbeginn belastende Informationen über die „Braunhemden“ gesammelt, der SD fertigte seit Ende Juni Verhaftungs- und Todeslisten an. Das Militär wurde angesichts eines angeblich bevorstehenden Putsches in Alarmbereitschaft versetzt. Hitler beorderte alle höheren SA-Führer für den 30. Juni nach Bad Wiessee am Tegernsee – angeblich zu einer Besprechung. Am Abend des 29. Juni kam es in einigen Städten zu Aufmärschen der SA, die angesichts der erhöhten Alarmbereitschaft der Reichswehr Stärke demonstrieren wollte. Hitler reiste in der Nacht vom 29. auf den 30. Juni von Bad Godesberg nach München, um Röhm persönlich verhaften zu lassen. Die anreisenden SA-Führer wurden nach Hause geschickt oder in Gewahrsam genommen. Sechs höhere SA-Führer wurden noch am selben Tag im Gefängnis in Stadelheim erschossen, über Röhms Ermordung entschied Hitler am 1. Juli in Berlin. Opfer der Aktion in München wurde auch der ehemalige bayerische Regierungsrat Gustav von Kahr. Dieser hatte 1923 während des Hitler-Putsches unter vorgehaltener Waffe Unterstützung zugesichert, später jedoch die Polizei alarmiert und die Putschisten festnehmen lassen. Der Mord an ihm lässt sich daher als späte Rache für diese Demütigung lesen.

Die Mordopfer

Während Hitler in München die ersten Todesurteile unterschrieb, wütete Hermann Göring in Berlin. Zu den 27 Mordopfern in der Hauptstadt gehörten neben 18 SA-Führern auch von Papens Berater Herbert von Bose sowie der Marburger Redenschreiber Jung, der am 25. Juni verhaftet und am 1. Juli erschossen wurde. Ebenfalls ermordet wurde der ehemalige Reichskanzler Kurt von Schleicher sowie seine Ehefrau Elisabeth, General Ferdinand von Bredow sowie der vormalige Weggefährte Hitlers, Gregor Strasser. Strasser hatte sich bereits Mitte 1932 mit Hitler angesichts eines Richtungsstreit überworfen und war im Dezember 1932 von allen Ämtern zurückgetreten. Reichsweit wurden insgesamt circa 1.400 Verhaftungen vorgenommen, 90 Todesopfer sind bestätigt. Unter ihnen waren neben dutzenden SA-Führern auch Kommunisten, Juden und drei katholische Laien. Drei SS-Männer wurden ermordet, weil sie eigenmächtig „Schutzhäftlinge“ im KZ-Stettin getötet hatten. Hinzu kamen zufällige Opfer infolge von Namensverwechslungen, etwa der Münchener Musikkritiker Dr. Willi Schmid. Während die Aktionen in Berlin und München zentral geplant worden waren, schienen die Exzesse etwa in Schlesien und Sachsen von der mittleren bzw. unteren Ebene von SS und Polizei durchgeführt worden zu sein.11

Die Folgen des 30. Juni

Göring prahlte noch am 30. Juni in einer Pressekonferenz, die Aktion sei seit Tagen in allen Einzelheiten geplant gewesen. In einer Mitteilung der Nationalsozialistischen Korrespondenz (NSK) vom Abend der 30. Juni wurden die regionalen SA-Aufmärsche einen Tag zuvor zur geplanten Meuterei aufgebauscht.12 Die Presse betonte das heroische Vorgehen des „Führers“ in Bad Wiessee und schlachtete die angeblichen moralischen Verfehlungen der SA (gemeint war Röhms Homosexualität) aus. Abgesehen davon erhielten die „Volksgenossen“ erstaunlich wenig konkrete Informationen über den angeblich vereitelten Staatsstreich.13 Am 3. Juli verabschiedete das Kabinett ein Gesetz, das die Morde nachträglich als „Staatsnotwehr“ legitimierte. Damit schuf das Regime einen Präzedenzfall und verabschiedete sich endgültig von den letzten Resten der Weimarer Rechtsstaatlichkeit.14 Als neue Achse der Macht etablierte sich das Quartett aus Hitler, Goebbels, Göring und Himmler, dessen SS massiv von der Aktion profitierte. Hitler sicherte sich mit den Morden an den SA-Führern die Unterstützung der Reichswehr. Auch Reichspräsident Hindenburg war sichtlich zufrieden und gratulierte Hitler per Telegramm. Der „Kronjurist“ des „Dritten Reiches“, Carl Schmitt, legitimierte in einem Aufsatz unter dem Titel „Der Führer schützt das Recht“ die Mordaktion. Franz von Papen wurde während der Morde unter Hausarrest gestellt und dürfte überlebt haben, weil Hitler ihn bis zum Ableben Hindenburgs noch als konservatives Feigenblatt für seine Koalition benötigte. Nach dem „Röhm-Putsch“ musste er zurücktreten und wurde Botschafter des Deutsches Reiches in Wien und Ankara.

Der Mythos des „Röhm-Putsches“

Nach einem relativen Informationsvakuum rechtfertigte Hitler sein Vorgehen in einer Rede am 13. Juli 1934 in der Kroll-Oper, wo der Reichstag interimsmäßig seit dem Reichstagsbrand tagte: SA-Führer Röhm habe zusammen mit dem ehemaligen Reichskanzler Schleicher, dessen Vertrauten Bredow und ausländischen Mächten  –gemeint war Frankreich – einen Umsturz geplant. Sturmführer Uhl sei persönlich mit der Ermordung Hitlers beauftragt gewesen. Auch Gregor Strasser soll Teil der Verschwörung gewesen sein.15 Das teils ungeschickte Vorgehen Röhms lieferte Hitler genug Anlässe, um aus losen Indizien eine manifeste Verschwörung zu konstruieren: So traf sich Röhm zweimal mit dem französischen Botschafter André François-Poncet, um zu sondieren, ob Frankreich trotz Versailler Vertrag bereit sein würde, den milizartigen Ausbau der SA zu tolerieren. Diese „SA-Außenpolitik“ sollte vor allem die Eigenständigkeit von Röhms Organisation betonen.16 Die „Braunhemden“ sammelten seit Mai 1934 Informationen über SA-feindliche Tendenzen, allerdings als Reaktion auf die eigene Beobachtung durch Reichswehr, SS und Gestapo. Im Frühjahr 1934 kursierte eine Liste für ein von Schleicher geplantes Kabinett, das u.a. Röhm als Wehrminister vorsah. Schon zu Zeiten der Weimarer Republik galt Schleicher als geschickter Intrigant. So soll er Mitte 1932 Sondierungsgespräche für eine mögliche Querfront-Koalition mit dem Strasser-Flügel der NSDAP geführt haben. Zweifelsohne war der ehemalige Reichskanzler auch im Juni 1934 noch gut vernetzt, doch hielt er sich nach seinem politischen Rückzug eher bedeckt. Mit seinem ehemaligen Freund von Papen hatte er sich zerstritten, die Kontakte zu dessen Redenschreiber Jung waren existent, aber überschaubar.17

Historiker:innen sind sich heute einig: Auf einen systematisch vorbereiteten, gemeinsamen Putsch im Sommer 1934 weist nichts hin. Röhm hielt seinem Duz-Freund Hitler bis zuletzt die Treue.18 Die SA-Führer reisten am 30. Juni 1934 gehorsam nach Bad Wiessee, trotz der Tatsache, dass Hitler, Göring und Heß in den Wochen zuvor deutliche Drohungen gegen sie ausgesprochen hatten. Röhm selbst hatte für seinen Kurort keinerlei Sicherheitsvorkehrungen getroffen.19 Bei einer Konferenz für die internationale Presse am Nachmittag des 30. Juni antwortete ein Referent der NSDAP auf die Frage, ob zwischen Schleicher und Röhm ein Zusammenhang bestanden habe, bezeichnenderweise mit: „Das ist nicht der Fall“.20 Der NS-Führung standen im Nachgang alle Unterlagen der SA zur Verfügung; konkrete Belege für einen angeblichen Umsturz konnte sie trotzdem nicht vorlegen.21 Stattdessen ließ Göring alle Dokumente über die Aktion vernichten. Selbst NS-„Chefideologe“ Alfred Rosenberg bemerkte in einem Tagebucheintrag vom 7. Juli 1934, dass erst Ermittlungen zeigen müssten, „ob die verschiedenen Gruppen gewusst hatten, Teilhaber an einer gemeinsamen Aktion gewesen zu sein.“22

Wiederbelebung historischer NS-Propaganda

Teile der extremen Rechte versuchen seit Jahrzehnten, die Legende vom angeblichen Putsch aufrecht zu erhalten, um das Vorgehen Hitlers zu legitimieren. So betonte die neonazistische Exilzeitung „Der Weg“23 bereits in den 1950er Jahren, Schleicher habe mit Röhm und ausländischen Mächten einen Umsturz geplant und am 1. Juli eine Militärdiktatur ausrufen wollen.24 Dafür führt die Zeitschrift u.a. Röhms Treffen mit dem französischen Diplomaten François-Poncet und die im Frühjahr 1934 kursierende Kabinettsliste von Schleicher ins Feld. Damit folgt sie im Wesentlichen Hitlers Ausführungen vom 13. Juli 1934. Eine ähnliche Apologie verfolgt der ehemalige Arzt der Marine-SA-Brigade „Hansa" und Hitler-Biograf Hans-Dietrich Röhrs in einem 1980 in der rechtsextremen Zeitschrift „Deutschland in Geschichte und Gegenwart“ (Grabert-Verlag) erschienenen Aufsatz. Röhrs erkennt – im Einklang mit der seriösen Geschichtswissenschaft – den „Röhm-Putsch“ als Inszenierung an, nutzt diese Erkenntnis jedoch zur Entlastung Hitlers: Die eigentlichen Strippenzieher seien Himmler und Göring gewesen. Röhrs geht so weit, Hitlers Mordbefehl vom 1. Juli an Röhm anzuzweifeln: „Es ist damals schon mit seinem Namen jener Mißbrauch getrieben worden, der noch heute in vieler Hinsicht die Klärung der historischen Verantwortung so schwer macht.“ 25 Tatsächlich hatte Hitler in seiner Rede vom 13. Juli 1934 unmissverständlich erklärt, den Mordbefehl an Röhm selbst gegeben zu haben. Zweifelsohne spielten Himmler und Göring eine wichtige Rolle: Ohne die Entscheidungen Hitlers wäre die Mordwelle jedoch nicht denkbar gewesen.

Rudolf Heß: Ein gerettetes Idol?

Eine raffiniertere Konstruktion lieferte der Holocaustleugner David Irving 2003 in seiner Verteidigungsschrift für Rudolf Heß. Irving behauptet, SA-Führer Viktor Lutze habe Heß bereits im März 1934 „über konkrete Pläne Röhms, das Regime zu stürzen“ berichtet; Heß habe daraufhin am 25. Mai 1934 vor Gauleitern im mecklenburgischen Bad Zippendorf zu einer „Entspannung der Politik gegenüber der SA“ geraten.26 Tatsächlich berichtete Lutze Heß lediglich von abfälligen Kommentaren Röhms über Hitler bei einem Sektempfang im Berliner Bendlerblock – Hintergrund war das Treffen zwischen SA und Wehrmacht am 28. Februar, in dem Hitler der SA unmissverständlich jede künftige militärische Rolle abgesprochen hatte.27 Von konkreten Putschplänen kann also keine Rede sein. Laut Lutzes Aufzeichnungen – 1957 als Dreiteiler in der Frankfurter Rundschau abgedruckt und Irving damit zugänglich – erfuhr er von den angeblichen Umsturzplänen am 22. Juni 1934 durch Hitler persönlich.28 Heß’ Rede am 25. Mai in Bad Zippendorf war laut Regionalzeitung eine „persönliche Ansprache an die Gauleiter“.29 Aufzeichnungen finden sich weder in der Presse noch in den gesammelten Heß-Reden im Bundesarchiv. Irving behauptet jedoch, den Inhalt der Rede aus angeblichen Tagebüchern von Martin Bormann (Chef der Parteikanzlei) zu kennen, die in amerikanischen Archiven in Stanford und Washington liegen würden.30 Tatsächlich haben die US-Amerikaner 1945 kein Tagebuch, sondern einen Terminkalender von Martin Bormann konfisziert. Der Mikrofilm wurde später ans Bundesarchiv übergeben. In Bormanns Kalender ist die Gauleitertagung in Bad Zippendorf tatsächlich auch notiert: der konkrete Inhalt von Heß’ Rede ist dort jedoch mit keinem Wort erwähnt.31 Die Vermutung liegt also nahe, dass Irving sich den Inhalt („Entspannung der Politik gegenüber der SA“) ausgedacht hat, um Heß zu entlasten. Ein für Irving typisches Vorgehen.

Belegt hingegen ist, dass Heß nur einen Monat später eine offene Drohung gegenüber Röhm und der SA aussprach: „Wehe dem, der die Treue bricht im Glauben, durch eine Revolte der Revolution dienen zu können. […] Keiner wacht mehr über seine Revolution als der Führer.“32 Es scheint höchst unwahrscheinlich, dass der Hitler-treue Heß, der im Januar und im Juni explizite Warnungen ausgesprochen hatte, im Mai einen plötzlichen Sinneswandel erlebte. Irving hingegen macht aus dem Stellvertreter des „Führers“ einen sentimentalen Friedensstifter. Damit zielt er, ebenso wie Röhrs, auf eine Binnendifferenzierung des Nationalsozialismus ab, in der einzelne Eliten wie Himmler oder Göring als bösartige Intriganten erscheinen, während Hitler und Heß in friedliebende, weise Staatsmänner umgedeutet werden. Damit soll der Nationalsozialismus in ein positiveres Licht gerückt werden, der nur von einigen Radikalen in die falsche Richtung gesteuert worden sei.

David Irving ist bis heute eine Ikone der Holocaustleugner:innen-Szene. Besonders bei deutschen Neonazis ist er als "britischer Kronzeuge" sehr beliebt.
David Irving ist bis heute eine Ikone der Holocaustleugner:innen-Szene. Besonders bei deutschen Neonazis ist er als "britischer Kronzeuge" sehr beliebt. ©Wikimedia Commons, aufgerufen am 27.09.2024

Gerettete Helden?

Rudolf Heß wurde jedoch nicht nur von Irving vereinnahmt, sondern auch von Neonazis als Märtyrer verehrt, die bis zuletzt seine Freilassung aus dem Spandauer Gefängnis forderten und nach seinem Tod 1987 ein alliiertes Mordkomplott konstruierten. Außerhalb offen neonazistischer Kreise blieb die Personalie Heß jedoch nicht anschlussfähig. Anders verhält es sich mit Gregor Strasser, einem der Mordopfer vom 30. Juni 1934. Insbesondere die sogenannte Neue Rechte versucht, die Gallionsfigur des „linken“ Flügels der NSDAP als vermeintliches Idol zu rehabilitieren. Mit seiner antikapitalistischen Rhetorik scheint er nicht nur anschlussfähiger als Hitler und Co., er ist auch nie an der Macht gewesen und musste sein Programm nie an der Wirklichkeit beweisen, was ihn dem Urteil des Scheiterns entzieht. Gleichermaßen fehlt bei Strasser durch seine Ermordung die Verwicklung in spätere NS-Verbrechen.

Benedikt Kaiser – Aktivist aus dem Umfeld der „Nationalen Sozialisten Chemnitz“, Publizist und Mitarbeiter des AfD-Bundestagsabgeordneten Robert Teske – behauptet in einem 2020 erschienenen Sammelband, Strassers „dynamische Synthese aus Nationalismus und Sozialismus verzichtete auf rassenmaterialistische Maßlosigkeiten und unterschied ihn damit habituell wie ideenpolitisch von der Führungsclique um Hitler, Himmler, Göring.“33 Eine verzerrte Darstellung: Gregor Strasser wurde in demselben Münchener Milieu wie Hitler politisiert, war über Jahre dessen Weggefährte und nahm 1923 am Putsch teil. Nach dem Parteiverbot gründete er die bedeutende Arbeitsgemeinschaft Nordwest. Strassers diffuse, antikapitalistische Rhetorik war zudem keineswegs frei von „rassenmaterialistischen Maßlosigkeiten“: In einer Reichstagsrede von 1925 hetzte er gegen den „seelenlosen, jüdischen Materialismus“.34 Im sogenannten Strasser-Programm von 1925 wird u.a. die Ausweisung aller nach 1914 nach Deutschland eingereisten Juden und Jüdinnen sowie der Aberkennung der Staatsbürgerschaft für nach 1871 geborene Anhänger:innen der „mosaischen Religion“ gefordert.35 Gregor Strasser war ebenso Antisemit wie seine Mörder. Sein „Sozialismus“ war kein Gegenbegriff zum Nationalismus, sondern zum Individualismus36 – die Völkischen lehnten den bürgerlichen Liberalismus vehement ab. In der Darstellung Kaisers werden aus „erfolglosen Nationalsozialisten unschuldige nationale Sozialisten.“37 Ein Versuch der Trennung von nationalsozialistischer Theorie und politischer Praxis, der letztendlich auf eine Rehabilitation von rechtsextremem Gedankengut abzielt.

Einordnung

Der „Röhm-Putsch“ ist bis heute Gegenstand reger Diskussionen. Die Forschung ist sich darüber einig, dass der angebliche Putsch von Hitler und seinen Getreuen konstruiert wurde, um sich lästiger Konkurrenten und Kritiker zu entledigen und neue Machtachsen zu festigen. Der „Röhm-Putsch“ ist Zeugnis des rigorosen Vorgehens der nationalsozialistischen Herrschaftselite, die sich nicht nur gegen äußere, sondern immer wieder auch gegen innere Feinde richtete. In der Konkurrenz um Einfluss, Posten und die Zuneigung Hitlers wurden regelmäßig aus „Parteigenossen“ Totfeinde. Dieser innere Zwist der NS-Bewegung stellt die extreme Rechte bis heute vor ein Problem: Während Teile des Spektrums den Massenmord an den eigenen Mitstreiter:innen schlicht ausblenden, versuchen NS-Apologet:innen die historische Propaganda wieder zu beleben, das Vorgehen zu rechtfertigen und einzelne Eliten zu entschulden. Die sogenannte Neue Rechte, die sich vorgeblich vom historisch diskreditierten Nationalsozialismus abgrenzt, versucht hingegen, Opfer der Mordaktion als verhinderte Idole darzustellen, um die lediglich schlechte Umsetzung einer vermeintlich guten Idee zu suggerieren – dem „nationalen Sozialismus“.

 

 

[Autor: Jakob Schergaut]

[1] Peter Longerich: Abrechnung. Hitler, Röhm und die Morde vom 30. Juni 1934. Wien 2024, S. 14–15.

[2] Dieser sprunghafte Anstieg erklärt sich einerseits mit der Eingliederung des Veteranen-Verbands „Stahlhelm“, andererseits durch die sogenannten „Märzgefallenen“, d.h. politisch wenig gefestigte Sozialdemokraten, Kommunisten etc., die nach der Machtübernahme vor allem aus taktischen Gründen der SA beitraten. Im SA-Jargon wurden diese Mitglieder „Beefsteaks“ genannt – außen braun, innen rot. Vgl. Daniel Siemens: Sturmabteilung. Die Geschichte der SA. München 2019, S. 490.

[3] Laut einer Notiz von Gotthard von Heinrici nach einer Besprechung vom 25. Juli 1934 unter der Heeresleitung der Wehrmacht. Siehe dazu: Institut für Zeitgeschichte: ZS 66 / 2. Institut für Zeitgeschichte, dort datiert 25.07.1934, S. 11, URL: https://open.ifz-muenchen.de/handle/repository/5037 (02.06.2026)

[4] Longerich: Abrechnung. Hitler, Röhm und die Morde vom 30. Juni 1934, S. 16–17.

[5] Zitiert nach: Ebd., S. 27.

[6] Norbert Frei: Der Führerstaat: Nationalsozialistische Herrschaft 1933-1945, 2. Aufl. München 1989, S. 15.

[7] Longerich: Abrechnung. Hitler, Röhm und die Morde vom 30. Juni 1934, S. 65.

[8] Helmut Krausnik: Der 30. Juni 1934. Bedeutung - Hintergründe - Verlauf. In: Das Parlament (1954), H. B xxv/ 54, S. 317–328, Bonn, hier S. 320.

[9] Longerich: Abrechnung. Hitler, Röhm und die Morde vom 30. Juni 1934, S. 67.

[10] Alle weiteren Ausführungen nach: Ebd., S. 68–69.

[11] Ebd., S. 118.

[12] Krausnik: Der 30. Juni 1934. Bedeutung - Hintergründe - Verlauf, S. 322.

[13] Longerich: Abrechnung. Hitler, Röhm und die Morde vom 30. Juni 1934, S. 130.

[14] Peter Longerich: Geschichte der SA. München 2003, S. 220.

[15] Longerich: Abrechnung. Hitler, Röhm und die Morde vom 30. Juni 1934, S. 135.

[16] Ebd., S. 29.

[17] Ebd., S. 83.

[18] Longerich: Geschichte der SA, S. 203.

[19] Krausnik: Der 30. Juni 1934. Bedeutung - Hintergründe - Verlauf, S. 322.

[20] Ebd., S. 323.

[21] Longerich: Geschichte der SA, S. 205–206.

[22] Jürgen Matthäus/Frank Bajohr (Hrsg.): Alfred Rosenberg. Die Tagebücher von 1934 bis 1944. Frankfurt am Main 2015, S. 141.

[23] „Der Weg“ ist in den 1950er Jahren in Argentinien herausgegeben wurden. Teile der Beiträge finden sich in: Heinz Roth: Widerstand im Dritten Reich, 2. Aufl. Odenhausen/Lumda 1976.

[24] Heinz Roth: Widerstand im Dritten Reich, 2. Aufl. Odenhausen/Lumda 1976, S. 15.

[25] Hans-Dietrich Röhrs: Die Verschwörung gegen Ernst Röhm. In: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 28 (1980), H. 4, S. 2–9, Tübingen, hier S. 9.

[26] David Irving: Rudolf Heß. Ein gescheiterter Friedensbote? Graz 1987, S. 31.

[27] Manfred Görtemaker: Rudolf Hess. Der Stellvertreter. München 2023, S. 328.

[28] Zitiert nach: Siemens: Sturmabteilung. Die Geschichte der SA, S. 507.

Ob Hitler Lutze tatsächlich schon am 22. Juni darüber informiert hat, ist allerdings fraglich. Laut Longerich kann Hitler die Entscheidung frühestens am 23. Juni getroffen haben. Vgl. dazu: Longerich: Abrechnung. Hitler, Röhm und die Morde vom 30. Juni 1934, S. 68.

[29] Die Reichsleiter und Gauleiter in Bad Zippendorf. In: Schleswig-Holsteinische Landeszeitung (1934), H. 121, Rendsburg.

[30] Irving: Rudolf Heß. Ein gescheiterter Friedensbote?, S. 532–533.

[31] Martin Bormann: Activity calendar and itinerary of Adolf Hitler kept by Bormann, 1934, Jan. 30-1943, June 30, German Captured Documents Collection, Mikrofilm (163), Library of Congress, Washington D.C., S. 2.

[32] Die Rede wurde einen Tag später in zahlreichen Zeitungen abgedruckt. Siehe dazu: Treue dem Führer! In: Badische Zeitung (1934), S. 1–2.

[33] Benedikt Kaiser: 1934. Deutsche Daten, 2. Aufl., Schnellroda 2020 (Staatspolitisches Handbuch 5), hier S. 158.

[34] Zitiert nach: Thomas Childers: The Third Reich: A History of Nazi Germany. New York 2017, S. 84.

[35] Reinhard Kühnl: Dokumentation: Zur Programmatik der nationalsozialistischen Linken: Das Strasser-Programm von 1925/1926. In: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 14 (1966), H. 3, S. 317–333, hier S. 331.

[36] Michael Kohlstruck: Gerettete Idole? In: Wolfgang Benz/Peter Reif-Spirek (Hrsg.): Geschichtsmythen: Legenden über den Nationalsozialismus, 2. Aufl., Berlin 2005, hier S. 102.

[37] Uwe Backes & Eckhard Jesse: Neue Linke und Neue Rechte – Ein Vergleich, in: Extremismus und Demokratie 5 (1993), S. 7-28, 10. Zitiert nach: Kohlstruck, S. 101.


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