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Geschichtsrevisionismus als lokale Praxis: Der Stolperstein-Beschluss des Stadtrates Heidenau

Ende September beschloss der Stadtrat von Heidenau mit den Stimmen von CDU, AfD und „Initiative Oberelbe“, keine weiteren Stolpersteine mehr zu verlegen. Stattdessen soll es eine „Gedenkfläche“ am Stadtrand für „Opfer von Krieg, Terror, Diktatoren, Vertreibung und des Nationalsozialismus“ geben. Begründet wurde das mit der Würde der Opfer. Die Wortmeldungen im Stadtrat zeigen aber ein anderes Motiv: Die NS-Opfer sollen aus dem öffentlichen Raum verschwinden, und Täter wie Opfer sollen unterschiedslos betrauert werden. Der Fall zeigt, wie Geschichtsrevisionismus in der Kommunalpolitik funktioniert.

Stolpersteine in der Ferdinand-Wallbrecht-Straße, Hannover, November 2025. Foto: Axel Hindemith / Lizenz: Creative Commons CC-by-sa-3.0 de, via Wikimedia Commons
Stolpersteine in der Ferdinand-Wallbrecht-Straße, Hannover, November 2025. ©Axel Hindemith/Lizenz: Creative Commons CC-by-sa-3.0 de, Wikimedia Commons

Der Beschluss vom 24. September 2026 geht auf einen gemeinsamen Antrag der Fraktionen von CDU, AfD und der „Initiative Oberelbe für mehr Demokratie“ zurück; die „Gedenkfläche“ soll demnach auf dem Nordfriedhof entstehen.1 Damit erregte die Kleinstadt nahe Dresden internationale Aufmerksamkeit. Die bislang verlegten Stolpersteine – 2021 für den ehemaligen Bürgermeister Paul Gröger und 2023 für die jüdische Familie Reiner – bleiben unangetastet. Sieben weitere Stolpersteine, die das Alternative Kultur- und Bildungszentrum (AKuBiZ) e.V. 2025 beantragt hatte, können nun aber nicht mehr verlegt werden.

Als Begründung verwiesen die Antragsteller darauf, dass es der Würde der Opfer widerspreche, wenn die Stolpersteine betreten oder sogar bespuckt werden könnten. Sie verwiesen auf die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Shoah-Überlebende Charlotte Knobloch, die die Stolpersteine schon seit längerem kritisiert, weil sie betreten werden können. Nur: Ganz offensichtlich wurde Charlotte Knobloch als „Kronzeugin“ missbraucht, denn niemand aus Heidenau hatte sie vor der Abstimmung gefragt, ob der Antrag in ihrem Sinne sei – wie auch weder der Landesverband Sachsen der Jüdischen Gemeinden noch der Zentralrat der Juden oder die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN–BdA) konsultiert worden waren. Charlotte Knobloch kritisierte den Stadtratsbeschluss deshalb deutlich und zeigte sich mit Blick auf die CDU „entsetzt, dass eine demokratische Partei sich dafür hergibt, ein so durchsichtiges Manöver der Extremisten von der AfD zu unterstützen“.2

Was die Stadträte tatsächlich antrieb, geht aus dem Protokoll der Stadtratssitzung hervor. Stadtrat René Kirsten von der Initiative Oberelbe forderte demnach für die neuen Generationen ein „neues Gedenken“ ohne „gebückte Haltung“. In der Formulierung schwingen die neurechten Klagen vom „Nationalmasochismus“ und vom „Schuldkult“ mit, die Deutschland angeblich klein halten sollen. Noch deutlicher wurde Stadtrat Knut Gutterwitz von der AfD: Ganz im Sinne der „Schlussstrich“-Mentalität verwies er darauf, dass man „im hier und jetzt“ lebe und man nicht irgendwann „goldene Gehwege“ haben solle. Das erinnert fatal an seinen Thüringer Parteifreund Thomas Benninghaus, der die aus Messing gefertigten Stolpersteine im Dezember 2025 im Thüringer Landtag als „goldene Steine“ bezeichnet und damit die antisemitische Chiffre vom „Tanz um das goldene Kalb“ aufgegriffen hatte. Auch die Stolperstein-Ehrung ausschließlich für die Opfer des Nationalsozialismus ging AfD-Stadtrat Gutterwitz offenkundig gegen den Strich, forderte er doch, man solle „um alle Opfer gemeinschaftlich trauern“.3

Die Wortmeldungen der beiden Stadträte wie auch der Wortlaut des Antrags machen deutlich, worum es eigentlich ging: Nicht um eine begründete Kritik an den Stolpersteinen, sondern darum, die Erinnerung an die NS-Opfer aus dem öffentlichen Raum zu verbannen und die explizite Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen zu ersetzen durch ein entkonkretisiertes und entkontextualisiertes „Trauern“ um alle „Opfer“ des 20. Jahrhunderts: Die Formulierung „Opfer von Krieg, Terror, Diktatoren, Vertreibung und des Nationalsozialismus“ (man beachte, dass der NS erst ganz am Ende genannt wird) nivelliert alle Formen staatlicher Gewalt vom NS-Terror über den Krieg und die Vertreibung Deutscher aus den ehemaligen Ostgebieten bis zur SED-Diktatur und verharmlost damit die NS-Verbrechen. Erschwerend kommt hinzu, dass sich unter den gefallenen deutschen Soldaten und den Vertriebenen auch Menschen befanden, die sich an den NS-Verbrechen beteiligt oder davon profitiert hatten. Täter und Opfer sollen also unterschiedslos geehrt werden – eine erinnerungspolitische Diskursverschiebung, die fatal an die 1950er Jahre erinnert, als die Deutschen sich als die eigentlichen Opfer des Krieges inszenierten.

Nach bundesweiten Protesten und fünf Petitionen, die gegen den Stadtratsbeschluss eingereicht wurden, hätte der Stadtrat von Heidenau in seiner Sitzung am 29. Oktober 2026 die Chance gehabt, seine geschichtsrevisionistische Entscheidung zu revidieren. Doch eine deutliche Mehrheit lehnte die Petitionen ab und bestätigte den Beschluss vom 24. September 2026.4 Demnach werden in der Stadt keine Stolpersteine mehr verlegt werden, und die Auseinandersetzung mit den Verbrechen der Nationalsozialisten wird erinnerungspolitisch eingeebnet.

 

[Autor: Jens-Christian Wagner]

 

[1] Stadtrat Heidenau, Beschlussvorlage 083/2026, dort datiert am 28. August 2026, URL: https://www.heidenau.de/ris/buergerinfo/getfile.php?id=365757&type=do (1.11.2026).

[2] Zit. nach: Knobloch zeigt sich entsetzt über Stolpersteinverbot in Heidenau, in: Die Zeit, dort datiert am 25. September 2026, URL: https://www.zeit.de/politik/deutschland/2026-09/stolpersteine-heidenau-afd-cdu-charlotte-knobloch-gxe (1.11.2026).

[3] Zit. nach Niederschrift der Sitzung des Stadtrates Heidenau am 24. September 2026, URL: https://www.heidenau.de/ris/buergerinfo/getfile.php?id=366050&type=do (1.11.2026).

[4] Vgl. „Unfassbar ist das“: Stadtrat Heidenau lehnt Petitionen gegen Stolpersteinverbot ab, in: MDR aktuell, dort datiert am 30. Oktober 2026, URL: https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen/dresden/freital-pirna/news-stadtrat-petition-abgelehnt-schaden,heidenau-stolpersteine-106.html (1.11.2026).


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