Wer ist Christian Illner?
Bekannt geworden ist Christian Illner in der rechtsextremen Szene als YouTuber. Seit 2019 tritt er dort als „Outdoor Illner“ auf, eine kauzige Figur, die weltanschauliche Betrachtungen mit Waldschrat-Attitüde verbindet und dabei lustig sein soll: „Der ‚Humor‘ von ‚Outdoor Illner‘ besteht unter anderem darin, Hitlergrüße anzudeuten, ‚spaßeshalber‘ zu Gewalt gegen Migrantinnen und Migranten (O-Ton: ‚Das würde ich niemals sagen, hö, hö, hö‘) aufzurufen oder den Politikwissenschaftler und Rechtsextremismusexperten Hajo Funke in einer antisemitisch konnotierten Vampir-Karikatur darzustellen.“ Seine Videos beendet er mit dem Satz „Überlebt oder sterbt“.1
Anfang 2025 begann Illners sichtbare Neuerfindung, die Szene selbst kommentiert den Vorgang offen als „Rebranding“.2 Unter dem Namen „Illnereignis“ veröffentlicht er – nun ohne Vollbart und lange Haare auf vermeintliche Seriosität getrimmt – seine philosophischen Vorträge. Unter dem Titel „Verwindungen“ hält er zudem einmal im Monat eine Gastvorlesung in dem Projekt „Gegenuni“ – ein kostenpflichtiges Onlineangebot aus Lesekreisen, Seminaren und Vorträgen, das ein dezidiert metapolitisches Ziel verfolgt und aus der rechtsextremen Identitären Bewegung kommt.3 Dass Illner sich nun um einen (pseudo-)akademischen Habitus bemüht, zeigt sich auch in der Veröffentlichung seines ersten Buches: Im Juli 2026 erschien das schmale Bändchen „Die Tiefe Rechte“ im Verlag Antaios.
Außerdem schreibt er als Gastautor in der „Sezession“, dem publizistischen Zentralorgan der Neuen Rechten. In der rechtsextremen Szene ist Illner also hervorragend vernetzt, zählt etwa Martin Sellner und Götz Kubitschek zu seinen Gesprächspartnern. Letzterer verlegte sein Büchlein in der Reihe „kaplaken“, das der Verlag als „geistige Zulage für Selbstdenker“ bezeichnet: „wegweisende Texte in handlichem Format“. Das neurechte Kulturmagazin „Thymos“, das Illner mehrfach als Podcastgast führte, erklärt seit seiner Gründung, es wandle auf dessen Pfaden.4
Soll Illner also zum neuen ‚intellektuellen‘ Stichwortgeber der Rechten aufgebaut werden? So wie er derzeit hofiert wird, liegt die Annahme zumindest nicht fern. Hinzu kommt, dass Illner sich intensiv mit einem Philosophen des 20. Jahrhunderts beschäftigt, den die rechtsextreme Szene seit jeher rezipiert und für den sie sich außerordentlich interessiert: Martin Heidegger.
Wer war Martin Heidegger?
Martin Heidegger, 1889 im badischen Meßkirch geboren, gehört zu den bekanntesten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Er studierte zunächst Theologie, dann Philosophie in Freiburg, wurde Assistent Edmund Husserls und lehrte ab 1923 in Marburg, ehe er 1928 dessen Freiburger Lehrstuhl übernahm. Sein Hauptwerk „Sein und Zeit“ erschien 1927 und stellte eine Frage, die die abendländische Philosophie nach Heideggers Überzeugung vergessen hatte: nicht, was die Dinge sind, sondern was es überhaupt heißt, dass etwas ist.
Im April 1933 wurde Heidegger Rektor der Universität Freiburg, zum 1. Mai trat er in die NSDAP ein. Seine Rektoratsrede stellte die Universität in den Dienst der „nationalsozialistischen Revolution“; das Rektorat gab er nach einem Jahr auf, Parteimitglied blieb er bis 1945. Nach Kriegsende erhielt er ein Lehrverbot, das jedoch 1951 aufgehoben wurde. Eine öffentliche Distanzierung vom Nationalsozialismus hat er nie geleistet – auch nicht in dem Interview, das er 1966 dem „Spiegel“ gab und dessen Veröffentlichung er sich für die Zeit nach seinem Tod ausbedang. Seit 2014 sind zudem seine sogenannten „Schwarzen Hefte“ ediert, private Aufzeichnungen, in denen sich antisemitische Passagen finden.
Bei Heidegger handelt es sich um eine Figur, über die seit Jahrzehnten in der seriösen geschichts-, politikwissenschaftlichen und philosophischen Forschung gestritten wird – und zugleich einer, dessen Wirkung sich keineswegs auf ein politisches Lager beschränkt. Jean-Paul Sartre, Hannah Arendt, Herbert Marcuse, Jacques Derrida: Die Liste derer, die sich mit seinen Denkfiguren auseinandersetzten, reicht weit nach links. Die Frage ist deshalb nicht, ob jemand Heidegger liest, sondern welchen Heidegger – und zu welchem Zweck.
Was nutzt Christian Illner von Heidegger?
Zunächst einmal bedient sich Christian Illner Heideggers Begriffen. Zwei Aneignungen sind hierbei zentral:5 Die Kategorien ‚ontologisch vs. ontisch‘ sowie die Fragen ‚was vs. wer‘.
Illner diskutiert die politischen Zuordnungen rechts und links als ontologische Begriffe, als „Grundbegriffe des Seins“. Er führt aus: „Ontologisch heißt das Sein betreffend, mehr nicht. Heideggers Gegenwort dazu ist ontisch, was meint: das Seiende betreffend. Da ‚das Seiende‘ ein bisschen kauzig klingt, können wir hier vereinfacht auch von den Dingen der Welt sprechen. Nun kommt man um diese natürlich nie so richtig herum, selbst beim ontologischen Reden über das Sein nicht, da auch Worte Seiendes sind, aber diese Schwierigkeit soll uns hier nicht bekümmern. Für das Folgende reicht eine knappe Definition völlig aus: Ontisch ist, was das Seiende (≈ die Dinge) betrifft, ontologisch ist, was das Sein betrifft.“6
Damit ist die erste Weichenstellung vollzogen, die Illners weiteren Gedankengang trägt. Warum er diese Unterscheidung in ontologisch vs. ontisch braucht, wird sich gleich deutlich zeigen, wenn es um den rechten Umgang mit dem Gegner geht, den Illner nicht mehr als politischen Kontrahenten interpretiert, sondern grundsätzlich als Feind des Ontologischen.
Der zweite Griff von Illner in Heideggers Denken betrifft die Was- bzw. Wer-Frage. Heidegger fragt in „Sein und Zeit“ (1927) nicht, was der Mensch ist, sondern wer er ist. Was hat es mit dieser Unterscheidung auf sich? Heidegger geht davon aus, dass wir Dinge und Menschen nicht auf dieselbe Weise erfassen können. Bei einem Ding lässt sich fragen, was es ist: Ein Hammer ist ein Werkzeug mit Stiel und Kopf und damit ist das Wesentliche gesagt. Beim Menschen versagt diese Frageform. Er ist kein Gegenstand mit feststehenden Eigenschaften, sondern ein Wesen, das sich zu sich selbst und zur Welt verhält. Deshalb, so Heidegger, ist beim Menschen nicht nach dem Was zu fragen, sondern nach dem Wer.
Illner überträgt diese Unterscheidung für seine Zwecke: „In welche Kategorie das Rechte für mich grundlegend gehört, entscheidet sich dadurch, dass ich es von der Wer-Frage her angehe: Wir sind rechts, also ist ‚rechts‘ der Titel für unser Sein. Das ist weder politisch, noch abstrakt, noch ‚metaphysisch‘, aber wenn man unbedingt ein Fachwort dafür gebrauchen will, gibt es tatsächlich eines: ontologisch.“7 Aus einer unbeantworteten Frage wird damit eine falsch gestellte, denn wer wissen will, was rechts ist, sucht nach Illners Auffassung auf der falschen Ebene – die Antwort liege eben nicht in Programmen, Positionen oder historischen Entwicklungen. Richtig sei daher die Wer-Frage: Zuerst stehe fest, wer die Rechten sind – nämlich er und seinesgleichen –, und was rechts ist, ergibt sich dann aus dem, was diese Menschen sind und werden. Die Suche nach einer Definition des Rechtsseins sei entsprechend ein Kategorienfehler und wer sie einfordert, verrate damit, selbst nicht zur „Bewegung“ der Rechten zu gehören. Beantworten kann die Frage was rechts ist also nur wer selbst dazugehört. In einem Gespräch mit Kubitschek über sein Buch formuliert Illner das unmissverständlich:
„Wir sind die Rechten. Allein das einmal festzulegen und dann die Frage ‚was ist rechts?‘ aus dieser Wer-Frage zu beantworten und zu sagen, was rechts ist, das beantworten WIR mit unserem Sein und Werden, das schreibt uns kein politikwissenschaftliches Buch vor. Das erfahren wir nicht irgendwie wissenschaftlich, indem wir rauszoomen und draufgucken, sondern nur durch den Einsprung in uns selbst. Was rechts ist, das bestimmen wir nicht willkürlich, sondern das füllen wir selbst mit unserem Sein aus.“8
Wozu braucht Christian Illner Heidegger?
Die begrifflichen Aneignungen – ‚ontologisch vs. ontisch‘ sowie ‚was vs. wer‘ – verwandeln eine Leerstelle in eine Methode. Dass die Rechten nicht sagen können, was sie sind, erscheint nicht länger als Schwäche, sondern im Sinne Illners als die einzig angemessene Haltung gegenüber einem Gegenstand, der sich angeblich dem Zugriff von außen entziehe. Was also ohne Rückgriff auf Heidegger wie ein Ausweichen aussähe, lässt sich mit ihm als eine philosophische Position darstellen. Illner macht daraus ein Programm: „Wir lassen uns nicht begrenzen! Die Frage, was rechts ist, wird von uns offengehalten, damit wir sie nach und nach mit unserem eigenen Sein beantworten können. Dieses Sein ist ein Werden und deswegen sind wir nicht statisch; deswegen sind wir eine Bewegung; deswegen gehört uns die Zukunft.“9
Der Anspruch auf die Zukunft ist bei Illner keine Prognose, sondern eine Folge seiner Begriffsordnung: Wer in der Entwicklung ist, hat seinen Höhepunkt noch vor sich. Hier kommt nun die Unterscheidung zwischen ontologisch und ontisch zum Einsatz: Die Linken, schreibt Illner, dächten rein ontisch. Ihnen gehe es „um den Krieg gegen das Seiende, das sie als das Bestehende ‚kritisieren‘, in Wahrheit allein dafür, dass es besteht.“10 Gemeint ist: Was Linke fordern – etwa die Anerkennung pluraler Geschlechtsidentitäten, diversere Familienformen, gerechtere Eigentumsordnungen, –, sei nie das eigentliche Ziel, sondern immer nur der jeweils nächste Angriffspunkt auf das Bestehende. Erreicht sei damit nie etwas, denn nach jedem Ziel folge das nächste; Illner spricht vom „Buhmann des Tages, also […] dasjenige Seiende, dessen Vernichtung gerade ansteht“. Was die Linken in Wahrheit hassten, sei deshalb nicht dieses oder jenes Bestehende, sondern das Bestehen überhaupt – das Sein selbst. Nur wüssten sie das nicht. Ihr Streben sei eines nach „Unterschiedslosigkeit“. Er nennt die „linken Tarnbegriffe“ Gleichheit und Freiheit, die er „beide streng negativ“ liest: Gleichheit als Aufhebung aller Unterschiede, Freiheit als Freiheit-von etwas.11 Gemeint ist also ein Zustand, in dem vermeintlich nichts mehr bestimmt sei: keine Geschlechter, keine Herkünfte, keine Bindungen. Die Welt bliebe zwar bestehen, aber ohne jede Gestalt und Bestimmtheit.
Das Rechte hingegen ist Illner zufolge nicht die Gegenposition zu diesem Programm, sondern die Abwesenheit eines solchen Programms. Rechtssein wolle gar nichts durchsetzen, für das Selbstsein gelte dasselbe wie für das Sein: „Es nimmt nichts weg und fügt nichts hinzu. Es lässt die Dinge einfach sein, was sie sind. Mehr tut auch Rechtssein nicht!“12 Bemerkenswert ist, wie viel Anspruch in dieser vermeintlichen Geste der Zurückhaltung steckt. Die Dinge sein zu lassen, was sie sind, klingt nach Bescheidenheit – setzt aber voraus, dass jemand weiß, was sie eigentlich sind, und das ist bei Illner keine offene Frage. Wer bestimmt, was das Eigentliche eines Menschen ist, entscheidet auch darüber, was nicht zu ihm gehören soll. Genau von dieser Voraussetzung lebt die Figur der „Befreiung“, die Illner als angebliche Alternative zur „Vernichtung“ der Linken präsentiert:
„Müssen wir die Linken vernichten?“ – Christian Illners Antwort
Wenn das Linke die Verneinung selbst sei, das „Anti-Ontologische schlechthin“ – was für ein Umgang mit ihr leitet die Rechte dann daraus ab? Illner stellt die Frage im Titel seines Artikels: „Müssen wir die Linken vernichten?“ Seine Antwort lautet nicht ausdrücklich nein, stattdessen verschiebt er die Frage: Die Linken seien eigentlich gar keine: „Jeder Linke ist […] eigentlich ein Rechter, der bloß gelinkt wurde.“ Weil er aber „lange und drastisch genug im Unrecht“ gewesen sei, habe er sich einen „Parasiten“ eingehandelt: „Das Linkssein ist ein solcher, ein Unsein, das auf jedem Linken hockt und ihn nicht sein lässt, was er eigentlich ist.“ In dieser Darlegung verliert der politische Gegner etwas Grundsätzliches: die Möglichkeit, zu widersprechen. Illner skizziert die Linken als krank, als Opfer eines Schädlingsbefalls, als seien sie nicht bei sich, sondern durch schlechte Einflüsse gelenkt. Daraus folge ein ‚Rettungsauftrag‘: „Eigentlich gilt es, sie zu befreien statt zu bekämpfen“ und daher sei es Aufgabe der Tiefen Rechten13 „die Dinge aus [dem Unsein] heraus ins Sein zu führen“.14
Zusätzlich zieht Illner eine ausdrückliche Grenze ein. Rechts und links seien zwar Totalitäten, die einander ausschlössen, doch: „Eine ontologische Totalität ist keine ontische Totalität. Sie betrifft das Sein, nicht die Gesamtheit des Seienden.“ Der Status des einzelnen Menschen müsse deshalb nicht geklärt werden, die meisten könnten „erst einmal egal“ sein; der Umgang mit den Linken solle „unaufgeregt und maßvoll“ ausfallen und „situativ entschieden“ werden. Das ist mehr als beunruhigend: ‚Befreit‘ wird jemand von etwas, das nicht zu ihm gehört – und wer bestimmt, was zu einem Menschen gehört und was ihm nur ‚aufsitzt‘? Was ein Linker über sich selbst und seine Überzeugungen sagt, ist in diesem Modell keine Auskunft mehr, sondern Symptom. Politischer Widerspruch ist damit als Möglichkeit abgeschafft. Sodann ist die Grenze, die Illner zieht, eine, die er selbst gezogen hat und selbst verwaltet. Ein Kriterium, das den Übergang von der ontologischen auf die ontische Ebene verhindern würde, nennt er nicht, ebenso wenig wie ein Kriterium dafür, wer wann als „gelinkt“ zu gelten hat. Es bleibt bei der Behauptung, beides müsse „klug miteinander vermittelt“ werden. Was soll das bedeuten?
Wenige Absätze zuvor hat Illner die Lage bereits anders beschrieben, nämlich als Notwehr: Man befinde sich „in einem Kampf auf Leben und Tod mit denjenigen, die uns am Selbstsein hindern und vernichten wollen. Selbstredend müssen wir uns dagegen handfest zur Wehr setzen.“ Der Vernichtungswille liegt in dieser Darstellung ausschließlich beim Gegner; was von rechts kommt, wird somit zur Verteidigung und die eigene Radikalisierung muss daher nicht mehr begründet werden. Für die „Flache Rechte“ formuliert Illner entsprechend eine taktische Regel: Linke seien so zu behandeln, „wie es für uns als Bewegung am nützlichsten ist“ – „mal bedeutet das die ausgestreckte Hand, mal die erhobene Faust“, denn: „Links ist nicht gleich links! Ein durchgeknallter Transgenderist von der Antifa ist anders zu behandeln als ein Normie, der die AfD doof findet.“15 Ob Linke „Agenten oder Opfer der Vernichtung“ seien, beantwortet Illner mit „beides“; was jeweils im Vordergrund stehe, müsse eben „situativ entschieden“ werden. Daraus lässt sich schließen: Die „Befreiung“ gilt denen, die ‚zurückgeholt‘ werden können, Illner interpretiert sie als „Opfer“. Gegen alle anderen, die „Agenten“, müsse es einen „Kampf auf Leben und Tod“ geben. Natürlich ist niemand dauerhaft auf der sicheren Seite, weil die Zuordnung jederzeit umschlagen kann – es gibt ja keine festgelegten Kriterien.
Damit ist auch gesagt, wie ernst die eben gezogene Grenze gemeint ist: Das Ontologische, das angeblich keinen Einzelnen betrifft, wird genau dort konkret, wo Illner von Menschen spricht, die er verachtet. Dahinter steht zudem ein Überlegenheitsanspruch, den er in zwei Schritten ableitet: Zum einen sei die Rechte vollständig, die Linke defizitär: Das Rechte sei „dreierlei“ – ein Seiendes, ein Sein und, als Mittleres, ein Wesen oder eine Gestalt. Das Linke dagegen kehre sich vom Sein ab, und flüchte sich in einen „ontischen Extremismus“, der es „zum Unwesen entstellt“.16 Zum anderen könne nur hervorbringen, wer nicht ausschließlich verneine. Die Linke kann in dieser Konstruktion gar keine Zukunft haben, weil ihr Prinzip die Negation sei und Negation nichts erzeuge. Der Rechten gehöre daher die Zukunft, weil sie offen sei – und offen sei sie, weil sie sich eben nicht festlege: „Wir sind die Rechten und gerade deswegen muss offen sein, was rechts ist – es ist der offene Raum unserer Entwicklung.“17
Die Unbestimmtheit als Programm
Damit lässt sich genauer sagen, was Illners Offenhalten leistet. Es gilt nämlich nur für eine Seite. Während die Frage, was rechts sei, ausdrücklich unbeantwortet bleiben soll, ist der Gegner mit größter Bestimmtheit bestimmt: als Verneinung selbst, als Anti-Ontologisches, als „Unsein“. Die Unbestimmtheit ist also keine Auskunft über die Komplexität politischer Begriffe – sonst müsste sie auch für links gelten. Sie ist ein Privileg, das sich die Rechte einräumt. Und beides greift ineinander. Dieselbe Instanz, die offenhält, was rechts ist, bestimmt zugleich, was links ist. Die Deutungshoheit liegt also an derselben Stelle: bei denen, die von sich sagen, sie seien die Rechten. „Was rechts ist, das bestimmen wir nicht willkürlich, sondern das füllen wir selbst mit unserem Sein aus“, hatte Illner im Gespräch mit Kubitschek gesagt.
Was gewinnen die Rechten damit? Zunächst Immunität. Wer keine Definition liefert, liefert auch keine Angriffsfläche: Es gibt kein konkretes Programm, keine Position, die sich widerlegen, keine Prognose, die sich überprüfen ließe. Diese Immunität richtet sich nicht gegen einzelne Einwände, sondern gegen die Möglichkeit, überhaupt etwas festzustellen. Illner sagt das unumwunden: „das schreibt uns kein politikwissenschaftliches Buch vor. Das erfahren wir nicht irgendwie wissenschaftlich, indem wir rauszoomen und draufgucken, sondern nur durch den Einsprung in uns selbst.“18 Wissenschaftliche Analyse ist in dieser Konstruktion gegenstandslos. Wer von außen auf die Rechte blickt, sieht nach Illner nur Oberfläche, während das Eigentliche, das Sein, nur denen zugänglich sei, die Teil davon sind. Daraus folgt sodann Geschlossenheit. Innerhalb der „Bewegung“ muss sich niemand auf ein Programm, eine Geschichte oder eine Organisationsform verpflichten; ein Begriff ohne Inhalt trennt niemanden, und für ein Milieu, das von Burschenschaftern über Identitäre bis zu Mitgliedern des Bundestags reicht, ist das kein geringer Vorteil. Zudem lässt sich die Unbestimmtheit als Überlegenheit ausweisen: Wer statisch ist, hat einen festen Inhalt, entwickelt sich aber auch vermeintlich nicht weiter; wer jedoch im Werden sei, dem gehöre die Zukunft.
Warum beschäftigt uns das bei „Geschichte statt Mythen“?
Christian Illners Thesen kommen akademisch und philosophisch unterfüttert daher. Das mag durchaus einschüchternd sein. Daher wollen wir zeigen: Wirklich nichts an seinem Denken ist neu oder gar originell. Illner selbst sieht das natürlich anders: „Immer mal wieder wird das Spezielle an meinem rechts/links-Verständnis von irgendwem als metaphysisch bezeichnet oder – der Klassiker – als abstrakt“, schreibt er.19 In diesem Satz steckt zweierlei: der Anspruch, etwas Eigenes vorgelegt zu haben, und die Abfertigung derer, die daran zweifeln. Speziell ist an seinem Verständnis von rechts und links aber nichts! Die Linke wolle im Kern nur zerstören, sie greife das Bestehende an, wolle die Kultur/Identität eines ‚Volkes‘ vernichten – diese Vorwürfe gehören zum festen Bestand rechter Polemik seit dem 19. Jahrhundert. Selbst das Vokabular, das Illner nutzt, ist nicht sein eigenes, sondern von Heidegger entlehnt. Das soll seinen Thesen Gewicht verleihen, sie als besonders qualifiziert erscheinen lassen. Es entbehrt daher nicht einer gewissen Ironie, dass ein Kommentator („Rabenkaiser“) seines „Sezession“-Beitrags genau dieses Verfahren durchschaut und mit den einfachsten Mitteln auseinandernimmt: „Der Text erscheint mir ehrlich gesagt etwas merkwürdig. Er arbeitet mit einer metaphysischen Rhetorik, ersetzt die eigentliche Argumentation aber oft durch Setzungen. Philosophisch problematisch finde ich vor allem die Definition des ‚Linken‘: Wenn alles, was gegen Rechte steht, per Definition links ist, handelt es sich um eine immunisierte Begriffsbildung. Die These kann dann gar nicht mehr widerlegt werden.“20 Illner hat darauf geantwortet, er entleere die Begriffe rechts und links nicht, sondern stelle bloß fest, dass sie leer seien – erkennbar daran, dass zehn Rechte und zehn Linke auf die Frage nach ihrer Bedeutung mindestens zwanzig verschiedene Antworten gäben.21 Das ist allerdings keine Feststellung über die Begriffe, sondern eine über ihren Gebrauch. Dass Menschen dasselbe Wort unterschiedlich verwenden, ist der Normalfall politischer Sprache und für Historiker:innen wie Politikwissenschaftler:innen seit jeher ein Gegenstand der Untersuchung, nicht ihr Ende. Aus der Vielfalt der Verwendungen folgt gerade nicht, dass der Begriff leer wäre – es folgt, dass er eine Geschichte hat, die Illner so weit wie möglich auslöschen möchte.
Genau an diesem Punkt wird Illners Text für uns interessant – nicht, weil er etwas Neues sagt, sondern weil er eine sehr alte Redeweise mit viel Aufwand reaktualisiert. Für den französischen Philosophen Roland Barthes sind Mythen kulturelle Muster, die Menschen hervorgebracht haben, die aber so auftreten, als seien sie naturgegeben.22 Der Mythos erfindet nichts. Er nimmt etwas Vorhandenes, streift ihm die Entstehungsgeschichte ab und stellt es als Selbstverständlichkeit hin. Was Menschen gemacht haben und was auch anders sein könnte, erscheint so, als wäre es schon immer so gewesen und als würde es immer so sein. Bei Illner leistet das von Heidegger geliehene Wort „ontologisch“ genau diese Arbeit. Es klingt nach philosophischer Fachsprache, meint der Sache nach aber: das Natürliche, das Ewige, das ‚Normale‘, das schon immer Bestehende. Rechts und links sind bei ihm keine politischen Positionen, die Menschen im Streit miteinander eingenommen haben, sondern Grundverhältnisse, in denen man steht. Und sogar die Immunisierung, die daraus folgt, ist abgeschaut. Bei Heidegger hat die Weigerung, das Sein zu definieren, einen nachvollziehbaren Grund: Das Sein ist kein Seiendes, also kein Gegenstand unter anderen, und wer es wie einen Gegenstand bestimmen will, hat es bereits verfehlt. Die Unbestimmbarkeit gehört dort zur Sache. Illner überträgt diese Denkfigur auf eine politische Zuordnung – und die ist sehr wohl bestimmbar. Sie hat einen Ursprung, eine Überlieferung, Vertreter:innen, Programme und Folgen, sie lässt sich beschreiben, datieren und kritisieren. Was bei Heidegger aus einem philosophischen Problem folgt, wird bei Illner zur Technik: Er behandelt einen Gegenstand, über den sich etwas herausfinden lässt, als wäre er der Analyse entzogen.
Damit verschwindet alles, was in der Geschichte dieser Positionen steckt. Wer nicht sagt, was rechts ist, muss auch nicht sagen, in welcher Tradition er steht. Was Rechtssein in Deutschland im 20. Jahrhundert bedeutet hat, welche Politik in seinem Namen gemacht wurde und mit welchen Folgen – all das kommt in Illners Konstruktion nicht vor und kann dort auch gar nicht vorkommen. Es wäre ontisch: eine Frage nach den Dingen der Welt, während es doch um das Sein gehe. Die Unbestimmtheit schützt also nicht nur vor Kritik, sie entsorgt die Vergangenheit gleich mit. Das ist dahingehend bemerkenswert, als andere Akteur:innen der Neuen Rechten Geschichtspolitik im Wortsinn betreiben: Sie relativieren die NS-Verbrechen, rechnen auf, streiten über Zahlen. Das ist überprüfbar – und deshalb widerlegbar. Bei Illner findet dieser Streit gar nicht erst statt, denn in seiner Konstruktion ist die Vergangenheit nicht falsch dargestellt, sondern schlicht nicht der Rede wert. Wer die Geschichte umdeutet, muss sich mit ihr befassen. Wer sie für unerheblich erklärt, muss das nicht mehr.
Trotzdem ist das Verfahren vertraut. Das zeigt der Vergleich mit zwei Fällen, die wir bereits beschrieben haben. Der eine ist der ‚objektive‘ Volksbegriff, wie ihn Dominik Kaufner (AfD) vertritt: Zugehörigkeit lasse sich über Abstammung, Sprachverwandtschaft und Siedlungsraum bestimmen, DNA-Analysen belegten eine dreitausendjährige Kontinuität. Aus historischer Zufälligkeit wird dort ein naturhaftes Schicksal, aus politischen Forderungen werden Naturgesetze – und wer die Ursprungserzählung hinterfragt, leugnet angeblich die Natur selbst. Interessant ist, dass Illner mit der genau entgegengesetzten Geste dasselbe Ziel erreicht: Kaufner beruft sich auf Wissenschaft, um seine Setzung unangreifbar zu machen, Illner bestreitet, dass Wissenschaft überhaupt zuständig sei. Der eine tarnt seine Ideologie als Naturbefund, der andere entzieht sie dem Befund. Am Ende steht in beiden Fällen eine politische Position, über die sich nicht mehr streiten lässt – weil sie auf einem mythologischen Denken fußt.
Der zweite Fall ist der Mythos der Ewigkeit, und hier liegt die Übereinstimmung sogar im Wortlaut: In unserem Beitrag ging es unter anderem um das ewige Werden der Nation, die sich immer wieder neu gegen Bedrohungen durchsetzen müsse. Diese Denkweise findet sich etwa beim NS-Erziehungswissenschaftler Ernst Krieck, dessen Buch sogar „Volk im Werden“ (1932) heißt. Die Konsequenz lautet: Eine Gemeinschaft, die nie fertig ist, muss dauernd in Bewegung gehalten werden, und wer nach ihrem Inhalt fragt, hat sie nicht verstanden. Bei Illner klingt das so: „Dieses Sein ist ein Werden und deswegen sind wir nicht statisch; deswegen sind wir eine Bewegung; deswegen gehört uns die Zukunft.“ Obwohl sich Illner nicht auf Krieck bezieht, zeigt sich hier die gleiche Denkfigur – fast einhundert Jahre später. Auch die Immunisierungsstrategie folgt dem bekannten Muster: Der Mythos der Ewigkeit weicht auf eine Ebene aus, auf der Beweise keine Rolle spielen, und wer nach ihnen fragt, wird als Teil der Bedrohung markiert. Illner tut nichts anderes, wenn er die Zuständigkeit der Wissenschaft bestreitet und die Antwort auf die Frage, was rechts sei, denen vorbehält, die sich selbst als rechts bezeichnen.
Bleibt die Frage, was Illner den Rechten damit tatsächlich anbietet – schließlich versichert er Kubitschek im Gespräch, das Konkrete sei seine große Stärke.23 Wirklich konkret wird er jedoch ausschließlich beim Gegner: Der ist „Parasit“, „Unsein“, „durchgeknallter Transgenderist“. Über die eigene Seite erfährt man am Ende nur, dass sie sich nicht festlegen wolle. Und das ist weder „abstrakt“ noch „metaphysisch“ – das ist banal und keine Philosophie. Der Aufwand, mit dem Illner seine Position begründet, ändert nichts daran, dass sie so alt ist wie die Bewegung, für die er sie formuliert.
[Autorin: Berit Kö; Anmerkung: Ich beziehe mich hier vor allem auf zwei Texte von Christian Illner sowie auf die öffentlich zugänglichen Interviews. Der Text „Müssen wir die Linken vernichten? – Rechts und links als ontologische Kategorien“ ist eine Reaktion auf Kritik, die Illner nach dem Erscheinen seines Textes in der „Sezession“ und seines Buches erreichte. Das Buch selbst bespreche ich hier explizit nicht, weil ich es nicht gelesen habe: Der Kauf von Büchern aus rechtsextremen Verlagen finanziert die Szene, und über Bibliotheken war der Titel zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Beitrags nicht zugänglich. Nach Illners eigener Auskunft geht es darin allerdings um dieselben Themen wie in den hier besprochenen Texten: Das Bändchen werde durch die Neubestimmung der Frage nach dem Rechten als Wer- statt Was-Frage eingeleitet, und der Sezession-Artikel „Es gibt keine neutrale Kunst“ skizziere die darin entwickelte rechts/links-Unterscheidung.]
[1] Fabian Jellonek: Internetstar der Neuen Rechten, in: Endstation Rechts, dort datiert am 5. Februar 2026, URL: https://www.endstation-rechts.de/news/internetstar-der-neuen-rechten (03.08.2026).
[2] Carsten Jung: Eintauchen in die Tiefe Rechte – Christian Illner endlich verstehen lernen!, in: Thymos Kulturmagazin, dort datiert am 17. Juli 2026, letzter Zugriff: 3. August 2026.
[3] „Die Rückeroberung der Uni ist gleichbedeutend mit der Rückeroberung der Geisteswissenschaften. Wenn nur ein kleiner Teil der rechten Akademiker, die auch heute noch die Universität absolvieren, in Fächer wie Journalismus, Philosophie, Politikwissenschaften, Mediengestaltung, Pädagogik, Soziologie und Geschichte gelenkt würden, würde sich das metapolitische Potential des rechten Lagers vervielfachen.“ (Martin Sellner: Der Verrat der Intellektuellen und die Gegenuni, in: Sezession, dort datiert am 25. Oktober 2021, zuletzt aufgerufen am 4.8.2026).
[4] Jung: Eintauchen in die Tiefe Rechte – Christian Illner endlich verstehen lernen!
[5] Damit ist Illners Heidegger-Rezeption nicht erschöpft. Sie durchzieht sein gesamtes Vokabular: das „Dasein“ als „Zwitterwesen zwischen Sein und Seiendem“, das „kein ‚Was‘, sondern ein ‚Wer‘“ sei, die Rede vom Menschen, der sich seine Welt „einräumt“; der „Einsprung“ bzw. Sprung, die Unterscheidung von eigentlich und uneigentlich, die Illners Formel vom „Selbstsein“ trägt, und nicht zuletzt Heideggers Begriff des „Ereignisses“, auf den Illner seinen Kanalnamen „Illnereignis“ gründet. Auch der Titel seiner Gegenuni-Vorlesungsreihe, „Verwindungen“, ist bei Heidegger entlehnt. Diese Übernahmen im Einzelnen zu prüfen, würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen; für die hier verfolgte Frage genügt es festzuhalten, dass Illners Sprache durchgehend geborgt ist.
[6] Christian Illner: Müssen wir die Linken vernichten? – Rechts und links als ontologische Kategorien, in: Thymos Kulturmagazin, dort datiert am 28. Juli 2026, letzter Zugriff: 3. August 2026.
[7] Ebd.
[8] Christian Illner zit. n. „Die Tiefe Rechte“ – Gespräch mit Christian Illner über einen besonderen, mutigen, klärenden Essay, in: Kanal Schnellroda, dort datiert am 18. Juli 2026, letzter Zugriff: 3. August 2026, Min. 13:50–14:30.
[9] Christian Illner: Es gibt keine neutrale Kunst, in: Sezession, dort datiert am 19. Juli 2026, letzter Zugriff: 3. August 2026.
[10] Illner: Müssen wir die Linken vernichten?
[11] Ebd.
[12] Ebd.
[13] Christian Illner skizziert in seinem Buch eine Dreigliederung der „rechten Bewegung“ in eine Tiefe, Mittlere und Flache Rechte. Er bewertet dabei nicht ein Element als relevanter als die anderen; sie alle seien für die Rechte auf ihre Weise relevant, da sie im Kulturkampf unterschiedliche Aufgaben erfüllten, um die „Bewegung“ zum Erfolg zu führen. Die „Flache Rechte“ bildet demnach die Oberfläche der Bewegung und wendet sich nach außen; sie begegnet Linken als Feinden, deren Angriffe abzuwehren seien und denen man abjagen wolle, was sie besäßen – „nicht nur Geld und Macht, sondern auch Menschen“. Ihr Handeln müsse pragmatisch und situationsbezogen bleiben. Die „Tiefe Rechte“ blickt dagegen ontologisch auf die Linken und hat ihren Ort „im Lagerinneren“; ihre Aufgabe sei es, „die Dinge aus [dem Unsein] heraus ins Sein zu führen“, wobei sie „im besten Fall so gelassen wie das Sein selbst“ bleibe. Die Mittlere Rechte schließlich ist der Raum der Wer-Frage, das „Vorfeld“, in dem nach Illner „alles ein wenig vage und ungefügt“ sei – und zugleich das einzige Element, das die Bewegung tatsächlich zu integrieren vermöge. Illner selbst verortet sich in der „Tiefen Rechten“, räumt aber ein, ein rein tiefrechtes Verständnis sei „zu luftig“; beide Perspektiven müssten „klug miteinander vermittelt“ werden, denn „tiefrechter Extremismus wäre so falsch wie flachrechter“.
[14] Illner: Müssen wir die Linken vernichten?
[15] Ebd.
[16] Ebd.
[17] Ebd.
[18] Illner zit. n. „Die Tiefe Rechte“ – Gespräch mit Christian Illner über einen besonderen, mutigen, klärenden Essay.
[19] Illner: Müssen wir die Linken vernichten?
[20] Illner: Es gibt keine neutrale Kunst.
[21] Illner: Müssen wir die Linken vernichten?
[22] Roland Barthes: Mythen des Alltags, Frankfurt a. M. 1964 (Erstausgabe 1957 unter dem Titel „Mythologies“ in Paris).
[23] Illner zit. n. „Die Tiefe Rechte“ – Gespräch mit Christian Illner über einen besonderen, mutigen, klärenden Essay, Min. 8:37–8:40.