Entstehung und Inhalt des Niedersachsenliedes
Als der Braunschweiger Lehrer und Komponist Hermann Grote (1885–1971) Mitte der 1920er-Jahre das Niedersachsenlied verfasste, gab es das heutige Bundesland Niedersachsen noch gar nicht. Das Gebiet war damals auf mehrere Länder des Deutschen Reiches verteilt, darunter die Freistaaten Braunschweig und Oldenburg sowie die preußische Provinz Hannover. Erst 1946 wurden diese Gebiete zusammen mit dem Land Schaumburg-Lippe auf Anordnung der britischen Militärregierung zum heutigen Bundesland Niedersachsen vereinigt. Grote selbst stammte aus Hohegeiß im Harz und leitete seit 1919 den Braunschweiger Volkschor im Deutschen Arbeiter-Sängerbund.
Die Anregung zu seinem Lied fand Grote in der Literatur. Er berichtete nach dem Zweiten Weltkrieg, er habe 1924 die Erzählung „Die rote Beeke“ des Schriftstellers Hermann Löns (1866–1914) gelesen.1 Löns, der im Ersten Weltkrieg als Soldat starb, war vor allem durch seine Natur- und Heimatdichtung bekannt geworden, in der er insbesondere die norddeutsche Heidelandschaft und das bäuerliche Leben idealisierte. Seine Heimatvorstellungen waren keineswegs unpolitisch: Er verband die Landschaft mit der Vorstellung einer durch Abstammung, Boden und vermeintlich unveränderliche Eigenschaften definierten Gemeinschaft. Diese völkischen Vorstellungen, die sich in seinem Werk zunehmend mit Nationalismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit verbanden, nahmen zentrale Elemente der späteren nationalsozialistischen Blut-und-Boden-Ideologie vorweg – wir haben uns Löns bereits in einem Beitrag gewidmet.
In seiner Erzählung „Die rote Beeke“ wandte Löns sich den Sachsenkriegen zu, die Karl der Große zwischen 772 und 804 zur Unterwerfung und Christianisierung der Sachsen führte. Im Mittelpunkt stand dabei die Erinnerung an das sogenannte Blutgericht von Verden im Jahr 782, bei dem Karl der Große laut den fränkischen Reichsannalen 4.500 Sachsen hinrichten ließ. Bis heute ist nicht klar, ob dieses Ereignis stattgefunden hat;2 es inspirierte Grote zur dritten Strophe seines Niedersachsenliedes:
„Auf blühend roter Heide
Starben einst vieltausend Mann
Für Niedersachsens Treue
Traf sie des Franken Bann.
Viel tausend Brüder fielen
Von des Henkers Hand.
Viele tausend Brüder
Für ihr Niedersachsenland.
Das war’n die Niedersachsen,
Sturmfest und erdverwachsen,
Heil Herzog Widukinds Stamm! […]“3
Schon die ersten Zeilen verbinden die norddeutsche Heidelandschaft mit dem Blut der vermeintlichen Vorfahr:innen. Die Heide erscheint nicht bloß als Schauplatz eines historischen Ereignisses, sondern als Boden, für den die Sachsen ihr Leben gelassen haben sollen. Die wiederholte Bezeichnung der Getöteten als „Brüder“ macht aus ihnen eine Gemeinschaft, die durch gemeinsame Herkunft und ein gemeinsames Schicksal verbunden ist. Ihr Tod wird zum Opfer für die Heimat erklärt, ihre Niederlage zum Beweis einer Treue, die selbst angesichts des Todes ungebrochen bleibt. Karl der Große erscheint dabei ausschließlich als fremder Unterdrücker, während die Sachsen zu Märtyrern ihrer Heimat stilisiert werden. Entscheidend ist, dass Grote die Sachsen zugleich zu unmittelbaren Vorfahren seiner niedersächsischen Gegenwart erklärt. Mit der Formel „Heil Herzog Widukinds Stamm!“ erklärt er die Niedersachsen der 1920er Jahre zu Nachkommen jenes sächsischen Anführers, der den Widerstand gegen Karl den Großen angeführt hatte. Damit wird aus der Erinnerung an ein historisches Ereignis ein völkischer Herkunftsmythos. Die Erinnerung an ihre Niederlage wird zum gemeinsamen Erbe einer vermeintlich über Jahrhunderte fortbestehenden Gemeinschaft. Das Leid der Vorfahren begründet ihre Zusammengehörigkeit, ihr Widerstand die Verpflichtung ihrer Nachkommen, die Heimat ebenso entschlossen zu verteidigen. Aus einer historischen Niederlage wird auf diese Weise ein identitätsstiftender Opfer- und Freiheitsmythos.
Die dritte Strophe bildet allerdings nur einen Teil dieser historischen Konstruktion, denn Grote stellte ihr eine weitere Erzählung vom Kampf gegen einen fremden Eroberer voran: die Varusschlacht des Jahres 9 n. Chr. Auch die germanischen Krieger, die damals unter der Führung des Cheruskerfürsten Arminius gegen die Römer kämpften, vereinnahmt das Niedersachsenlied als vermeintliche Vorfahren. So verbindet Grote zwei beinahe acht Jahrhunderte auseinanderliegende Ereignisse zu einer einzigen Geschichte des Widerstands gegen fremde Herrschaft:
„Wo fiel’n die römischen Schergen?
Wo versank die welsche Brut?
In Niedersachsens Bergen,
An Niedersachsens Wut
Wer warf den römischen Adler
Nieder in den Sand?
Wer hielt die Freiheit hoch
Im deutschen Vaterland?
Das war’n die Niedersachsen,
Sturmfest und erdverwachsen,
Heil Herzog Widukinds Stamm! […]“4
Die beiden Strophen über historische Ereignisse werden von einer ersten und einer vierten Strophe eingerahmt, die Grotes eigene Gegenwart in den Mittelpunkt stellen. Schon die erste Strophe verbindet die geografische Beschreibung Niedersachsens mit der Wehrhaftigkeit seiner Bewohner. Zwischen Weser und Elbe, Harz und Nordsee verortet Grote ein vermeintlich angestammtes Gebiet, dessen Bewohner wie eine „feste Burg und Wehr“ zusammenstehen. Die Eiche dient dabei als Sinnbild ihrer Standhaftigkeit und Verwurzelung. Selbst wenn Stürme über das deutsche Vaterland hereinbrechen, sollen die Niedersachsen unerschütterlich bleiben. Heimatverbundenheit und Wehrhaftigkeit erscheinen damit bereits zu Beginn des Liedes als wesentliche Eigenschaften der Gemeinschaft:
„Von der Weser bis zur Elbe,
Von dem Harz bis an das Meer
Stehen Niedersachsens Söhne,
Eine feste Burg und Wehr
Fest wie unsre Eichen
halten alle Zeit wir stand,
Wenn Stürme brausen
Übers deutsche Vaterland.
Wir sind die Niedersachsen,
Sturmfest und erdverwachsen,
Heil Herzog Widukinds Stamm! […]“5
Die vierte Strophe greift diese Vorstellung auf und verbindet sie ausdrücklich mit der zuvor erzählten Vergangenheit: Aus dem Blut und den Wunden der Väter soll der Heldenmut der Söhne erwachsen. Die Opfer der vermeintlichen Vorfahren werden damit zur Grundlage einer Verpflichtung, die über Generationen hinweg fortbesteht: Auch die gegenwärtigen Niedersachsen sollen bereit sein, für ihre Heimat und ihre Freiheit Gut und Blut einzusetzen. Die wiederholte Beschwörung der Eichen und der Standhaftigkeit unterstreicht dabei die Vorstellung einer Gemeinschaft, deren Eigenschaften sich über Jahrhunderte nicht verändert hätten.
„Aus der Väter Blut und Wunden
Wächst der Söhne Heldenmut.
Niedersachsen soll’s bekunden:
Für die Freiheit Gut und Blut.
Fest wie unsre Eichen halten
Allezeit wir stand,
Wenn Stürme brausen
Übers deutsche Vaterland.
Wir sind die Niedersachsen,
Sturmfest und erdverwachsen,
Heil Herzog Widukinds Stamm!“6
Die Nutzung des Niedersachsenliedes in der NS-Zeit
Die nationalsozialistische Machtübernahme am 30. Januar 1933 bedeutete auch für Hermann Grote einen politischen Einschnitt: Der Lehrer und Komponist, der noch 1929/30 der SPD angehört hatte, trat am 1. Mai 1933 in die NSDAP ein.7 Fortan leitete er Chöre, die der nationalsozialistischen Kulturpolitik unterstanden. Sein in der Weimarer Republik entstandenes Niedersachsenlied hatte sich zu diesem Zeitpunkt schon verbreitet, Grote ließ es daher nach eigenen Angaben 1934 drucken, um seine Urheberrechte zu sichern. Nach dem Zweiten Weltkrieg behauptete er, der Inhalt des Liedes habe keinerlei Beziehung zu den Vorstellungen der NSDAP gehabt; Grote wurde 1948 als Mitläufer entnazifiziert, nachdem er 1945 vom Schuldienst suspendiert worden war.
Wie sich die im Niedersachsenlied entworfene Herkunftserzählung in die nationalsozialistische Geschichtspolitik einfügen ließ, zeigt ein Text des Historikers Georg Schnath aus dem Jahr 1934. Anlässlich des „Niedersachsentages“ verband er die historischen Figuren Arminius, Widukind und Heinrich den Löwen mit der nationalsozialistischen Gegenwart. Ihr vermeintlicher Kampf gegen fremde Mächte wurde zum Ausdruck einer über Jahrhunderte fortbestehenden deutschen Wesensart erklärt. Die von Grote besungene Wehrhaftigkeit und Treue der Niedersachsen erhielt damit eine ausdrücklich rassistische Deutung: Schnath sprach von der Auflehnung gegen „artfremde Mächte“ und der Treue zum „bluteigenen Deutschtum“. Besonders aufschlussreich ist, wie Schnath die vermeintliche Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart herstellte: „Ihr Werk war verschüttet durch Jahrhunderte hin. Aber die Kräfte, denen sie dienten, haben sich mit der Macht ewigen Erneuerns wieder erhoben.“8 Hier zeigt sich der Mythos der Ewigkeit, den wir bereits in einem eigenen Beitrag untersucht haben. Die historische Gemeinschaft erscheint darin als etwas Überzeitliches, das selbst dann fortbesteht, wenn es über Jahrhunderte nicht in Erscheinung tritt. Geschichte wird zur Wiederkehr des vermeintlich immer Gleichen: Was Arminius, Widukind und Heinrich den Löwen einst angetrieben haben soll, lebt demnach unverändert fort und gelangt im Nationalsozialismus zu neuer Entfaltung. Er erscheint so nicht als historischer Bruch, sondern als Wiedererweckung einer angeblich seit jeher bestehenden Volksgemeinschaft.
Diese Vorstellung blieb keineswegs auf geschichtspolitische Schriften beschränkt. Ebenfalls anlässlich des Niedersachsentages 1934 forderte Alfred Rosenberg am 23. Juni in Verden vor 60.000 Menschen – darunter HJ-Jugendführer Baldur von Schirach und Ministerpräsident des Freistaates Braunschweig Dietrich Klagges –, „4.500 Findlinge von Bauern aus allen (!) Höfen Niedersachsens auf den Blutacker an der roten Beeke bringen zu lassen, um dort einen Ehrenhain zu gestalten; jeder Findling sollte für einen der in Verden vor über tausend Jahren erschlagenen Sachsen stehen“.9 So entstand mit dem Sachsenhain ein monumentaler Erinnerungsort, an dem die Nationalsozialisten ihre Vorstellung von der germanischen Vergangenheit regelrecht in Stein meißelten. Im Juni 1935 wurde der Sachsenhain in Anwesenheit von Reichsführer-SS Heinrich Himmler und Rosenberg eingeweiht. Zum Schluss des Festaktes wurde Grotes Niedersachsenlied gesungen. Damit erhielt insbesondere seine dritte Strophe, die Grote nach Löns’ Erzählung verfasst hatte, einen konkreten politischen Rahmen: Die im Lied besungenen Opfer wurden durch Tausende Findlinge vergegenwärtigt, während die versammelten Nationalsozialisten sich selbst als Erben ihres vermeintlichen Freiheitskampfes inszenierten. Das Lied begleitete somit eine Feier, in der die nationalsozialistische Gegenwart als Wiederaufnahme und Vollendung eines jahrhundertealten Kampfes dargestellt wurde.
Gerade der Sachsenhain zeigt allerdings auch, dass die nationalsozialistische Geschichtspolitik keineswegs widerspruchsfrei war: Er verlor seine ideologische Bedeutung, als Karl der Große, der hier ja eigentlich als „Henker“ und fremder Unterdrücker stilisiert worden war, später als Gründer eines ‚großdeutschen‘ Reiches Teil der NS-Ideologie wurde, um imperialistische Ansprüche zu legitimieren.10 Auch das Niedersachsenlied war nicht für jede nationalsozialistische Inszenierung gleichermaßen geeignet. Als es 1936 bei einem Hannoverschen Heimatabend im Umfeld der Olympischen Spiele aufgeführt werden sollte, untersagte das Reichspropagandaministerium seine Verwendung: Die gegen die Römer gerichteten Zeilen hätten angesichts der deutsch-italienischen Annäherung für Verstimmungen bei Benito Mussolini sorgen können.11
Die Vereinnahmung durch die extreme Rechte
Dass die völkischen Vorstellungen des Niedersachsenliedes keineswegs nur von historischem Interesse sind, zeigt seine anhaltende Verwendung in der extremen Rechten. Dabei wird häufig nicht das gesamte Lied aufgegriffen, sondern vor allem sein eingängiger Refrain. Die Formel „sturmfest und erdverwachsen“ lässt sich als Bekenntnis zur Heimat ebenso verwenden wie als Ausdruck politischer Wehrhaftigkeit. Gerade diese Mehrdeutigkeit macht sie für unterschiedliche Formen rechtsextremer Selbstdarstellung anschlussfähig.
Ein frühes Beispiel ist eine NPD-Demonstration am 12. September 2009 in Hannover, die unter dem Motto „Sturmfest und erdverwachsen“ stattfand. Nach Angaben des niedersächsischen Verfassungsschutzes beteiligten sich rund 270 Personen, überwiegend aus der niedersächsischen Neonazi- und Kameradschaftsszene. Die Veranstaltung war Teil des Bundestagswahlkampfes der NPD. In den Redebeiträgen wurden unter anderem die Bevorzugung Deutscher auf dem Arbeitsmarkt und die Rückführung von Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit gefordert. Der Refrain des Niedersachsenliedes diente damit als Motto einer Veranstaltung, auf der regionale Heimatverbundenheit mit einer ausgrenzenden Vorstellung nationaler Zugehörigkeit verbunden wurde.12
Eine andere Form der Vereinnahmung zeigte sich im Sommer 2017. Nach schweren Überschwemmungen in Südniedersachsen beteiligten sich Aktivisten der Identitären Bewegung an Aufräumarbeiten. Dabei trugen sie T-Shirts mit der Aufschrift „sturmfest und erdverwachsen“. Der niedersächsische Verfassungsschutz dokumentierte diese sogenannte „Identitäre Fluthilfe“ als Beispiel für den Versuch der Gruppierung, ihre politischen Vorstellungen über das Thema Heimat und vermeintlich gemeinnütziges Engagement zu verbreiten.13
Auch innerhalb der AfD wird der Refrain regelmäßig aufgegriffen. Am 12. September 2020 gratulierte Alice Weidel dem neu gewählten niedersächsischen AfD-Landesvorsitzenden Jens Kestner auf X und schloss ihren Beitrag mit den Worten „Sturmfest und erdverwachsen!“.
Dass sich die Formel längst nicht mehr auf Niedersachsen beschränkt, zeigte sich am 11. November 2023 beim sogenannten „Schwabenkongress“ in Dasing bei Augsburg. Bei dem Vernetzungstreffen, an dem unter anderem Martin Sellner und Erik Ahrens teilnahmen, trug der bayerische AfD-Landtagsabgeordnete Franz Schmid ein T-Shirt mit der Aufschrift „Sturmfest und erdverwachsen“. Wie das Münchner Recherchearchiv a.i.d.a. dokumentierte, stammte das Kleidungsstück aus dem Phalanx-Versand der Identitären Bewegung, der bei der Veranstaltung auch mit einem Verkaufsstand vertreten war.14 Die Liedzeile fungierte hier nicht mehr als Ausdruck einer spezifisch niedersächsischen Identität, sondern als überregionales Erkennungszeichen innerhalb der extremen Rechten.
Inzwischen findet die Formel auch Eingang in die Veranstaltungskultur der AfD: Am 13. Juni 2026 veranstaltete auch die niedersächsische AfD-Jugendorganisation Generation Deutschland ein „Sturmfest“ in Brettorf. In einem am 8. Juli veröffentlichten Beitrag auf X eröffnete sie ihren Rückblick mit „Sturmfest & erdverwachsen“ und berichtete von rund 200 Gästen. Als besonderen Schwerpunkt bezeichnete sie die Vernetzung über Ländergrenzen hinweg. Die Veranstaltung wurde auch von der Rechercheplattform Recherche Nord dokumentiert.15
Wie selbstverständlich die Formel mittlerweile in der regionalen Öffentlichkeitsarbeit der Partei verwendet wird, verdeutlicht ein Beitrag des AfD-Kreisverbandes Aurich-Emden vom 21. Januar 2026. In seinem Bericht über einen Infostand in Hage bezeichnete der Kreisverband „sturmfest und erdverwachsen“ als Eigenschaften, die Niedersachsen und insbesondere Ostfriesland seit jeher prägten. Bemerkenswert ist dabei, dass der Kreisverband die Eigenschaften ausdrücklich für Ostfriesland beansprucht – eine Region, die in Grotes ursprünglicher geografischer Beschreibung nicht vorkam.
Fazit: Ein Heimatlied mit Geschichte
Das Niedersachsenlied ist auch heute noch für viele Menschen Ausdruck ihrer Verbundenheit mit der Region. Doch die Geschichte des Liedes lässt sich nicht von seinem Inhalt trennen: Grote entwarf in Anlehnung an Löns eine Gemeinschaft, die durch gemeinsame Abstammung, die Bindung an ihre Heimat und eine vermeintlich seit Jahrhunderten unveränderte Wehrhaftigkeit zusammengehalten wird. Dass diese Vorstellungen im Nationalsozialismus aufgegriffen wurden und bis heute in der extremen Rechten Verwendung finden, ist kein Zufall. Im Gegenteil: Das Lied bietet zahlreiche Anknüpfungspunkte für eine völkische Geschichtsdeutung und ein mythologisches Geschichtsbild.
Wie umstritten der Umgang mit diesem Erbe ist, zeigte sich bereits Anfang der 1990er-Jahre. Lea Rosh, damals Direktorin des NDR-Landesfunkhauses Hannover, ordnete an, das Niedersachsenlied wegen seines von ihr als faschistoid bezeichneten Inhalts nur noch instrumental zu spielen. Ihre Entscheidung löste eine öffentliche Kontroverse aus, die bis in den Niedersächsischen Landtag reichte. Auch Versuche, den Liedtext durch alternative Formulierungen zu verändern, blieben ohne nachhaltigen Erfolg.16
Die Frage nach dem Umgang mit dem Niedersachsenlied ist damit bis heute offen. Seine Geschichte zeigt vor allem, dass regionale Traditionen nicht unabhängig von den historischen Vorstellungen betrachtet werden können, die sie vermitteln. Wer sich auf sie beruft, greift immer auch auf überlieferte Geschichtsbilder zurück – ob bewusst oder unbewusst.
[Autorin: Berit Kö]
[1] Bericht über einen Vortrag von Thomas Vogtherr unter dem Titel „sturmfest und erdverwachsen? Die Entstehung und Rezeption des Niedersachsenliedes“, in: Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte 87, 2015, S. 488f., hier S. 488.
[2] Joachim Wolschke-Buhlmann: Gärten, Natur und völkische Ideologie, in: Rainer Hering (Hg.): Die Ordnung der Natur. Vorträge zu historischen Gärten und Parks in Schleswig-Holstein, Hamburg 2009, S. 143–187, hier S. 165.
[3] Dritte Strophe des Niedersachsenliedes.
[4] Zweite Strophe des Niedersachsenliedes.
[5] Erste Strophe des Niedersachsenliedes.
[6] Vierte Strophe des Niedersachsenliedes.
[7] Bericht über einen Vortrag von Thomas Vogtherr, S. 488.
[8] Georg Schnath zit. n. Gerhard Kaldewei: „Wo deutsche Bauernfäuste den Pflug durch die Muttererde führen“. Von der Schlacht bei Altenesch 1234 nach „Stedingsehre“ auf dem Bookholzberg 1934, in: Oldenburger Jahrbuch 103, 2003, S. 107–167, hier S. 116.
[9] Ebd., S. 112.
[10] Wolschke-Buhlmann: Gärten, Natur und völkische Ideologie, S. 166.
[11] Bericht über einen Vortrag von Thomas Vogtherr, S. 489.
[12] Niedersächsisches Ministerium für Inneres und Sport: Verfassungsschutzbericht 2009, URL: https://www.mi.niedersachsen.de/download/35379/Verfassungsschutzbericht_2009.pdf (1.10.2026), S. 138f.
[13] Nachbericht zum Symposium des Niedersächsischen Verfassungsschutzes „Heimat und Identität“ am 7. August 2017, URL: https://www.verfassungsschutz.niedersachsen.de/startseite/aktuelles_service/aktuelle_meldungen/nachbericht-symposium-heimat-und-identitaet-am-7-august-2017-156381.html (1.10.2026).
[14] URL: https://www.aida-archiv.de/chronologie/11-november-2023/ (1.10.2026).
[15] Recherche Nord: „Sturmfest“ der AfD-Jugend Niedersachsen, dort datier am 13. Juni 2026, URL: https://recherche-nord.com/gallery/2026-06-13/ (1.10.2026).
[16] Bericht über einen Vortrag von Thomas Vogtherr, S. 489.