Der Einbruch der Roten Armee in Ostpreußen
Das ostpreußische Nemmersdorf im Kreis Gumbinnen blieb lange Zeit von unmittelbaren Kampfhandlungen verschont. Erst als die Rote Armee am 16. Oktober 1944 eine Offensive nach Westen begann, geriet es unter Beschuss und wurde am 21. Oktober eingenommen. Der ostpreußische Gauleiter Erich Koch hatte die Bewohner:innen angewiesen, bis zuletzt zu bleiben, um unkoordinierte Fluchtbewegungen zu verhindern und keine defätistischen Signale ins Reich zu senden.1 Ein Großteil der gut 600 Einwohner:innen wurde erst am Morgen des 21. Oktober evakuiert, konnte aber im dichten Nebel entkommen. Lediglich einige Dutzend Bewohner:innen und Flüchtlinge blieben zurück und wurden von den sowjetischen Soldaten überrascht. Deutsche Verbände gingen am 22. Oktober zum Gegenangriff über, die Rotarmisten zogen sich zurück und verließen das Dorf am 23. Oktober um 2:30 Uhr. Die deutschen Truppen bemerkten den Abzug erst einige Stunden später. Unmittelbar nach der Rückeroberung traf eine Einheit der Geheimen Feldpolizei (GFP) ein, um Ermittlungen über mögliche sowjetische Kriegsverbrechen vorzunehmen.
Der Bericht der Geheimen Feldpolizei
Was die Ermittler vorfanden, wissen wir heute durch die Arbeit von Bernhard Fisch, der als 18-Jähriger zur Wehrmacht eingezogen wurde und zwischen dem 20. und 27. Oktober 1944 in der Nähe von Nemmersdorf stationiert war. In dieser Zeit kam zweimal auf Nahrungssuche ins Dorf. Als er zwei Wochen später im Kino die NS-Propaganda über Nemmersdorf sah, war er erstaunt, wie sehr die Darstellung von seinen eigenen Eindrücken abwich.2 In den 1990er Jahren stellte Fisch intensive Nachforschungen an und fand 2007 im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes den Bericht der Geheimen Feldpolizei. Feldpolizeisekretär Pfeiffer verfasste den Report am Abend des 25. Oktober 1944 und schilderte die Szenerie erstaunlich nüchtern: Fakten werden von Vermutungen getrennt, von „sowjetischen Bestien“ oder Ähnlichem ist – anders als in der späteren Propaganda – nirgends die Rede. Der Bericht war ausschließlich für den internen Gebrauch gedacht: Pfeiffer hatte also keinen Grund, zu unter- oder zu übertreiben.3 Der Report findet sich wortgleich in einer 1944 angelegten Akte des Auswärtigen Amtes: Eine nachträgliche Fälschung ist damit ausgeschlossen.4 Das Schreiben entstand noch bevor Joseph Goebbels am 26. Oktober telefonisch durch Hermann Göring über Nemmersdorf informiert wurde.5 Eine propagandistische Beeinflussung von „ganz oben“ ist damit unwahrscheinlich. Pfeiffer listet 26 Opfer auf, die in Nemmersdorf zu einer noch offenen Grube auf dem Friedhof getragen worden waren. Laut dem hinzugezogenen Arzt Werner Rose seien 25 Opfer durch Nahschüsse getötet worden, einem weiteren sei der Schädel durch einen scharfen Gegenstand zertrümmert worden. Zehn der Opfer konnten durch mitgeführte Dokumente sowie Ortsansässige identifiziert werden. Rose konnte eine Vergewaltigung feststellen und vermutete eine zweite. Die drei befragten Zeug:innen schildern das Verhalten der Rotarmisten als widersprüchlich: Einige seien freundlich und hilfsbereit gewesen, andere hätten geraubt, vergewaltigt und Gewalt bis hin zum Mord ausgeübt.6 Von an die Wand genagelten Opfern oder entsprechenden Wunden findet sich im Bericht nichts.
Die Überlebende des Behelfsbunkers
Auch zum Tathergang konnte Bernhard Fisch Nachforschungen anstellen. So spürte er die damals 14-jährige Gerda Meczulat auf, die wohl als Einzige eine Massenerschießung in Nemmersdorf überlebte: Eine Gruppe von 14 Personen hatte sich vor dem Artilleriebeschuss in einen Behelfsbunker zurückgezogen, in dem zwischenzeitlich auch Rotarmisten Schutz suchten. Einer der sowjetischen Soldaten soll noch mit den anwesenden Kindern gespielt haben. Später kam ein Offizier hinzu, der eben diesen Soldaten maßregelte und die Deutschen aufforderte, den Bunker zu verlassen. Am Ausgang standen sowjetische Soldaten Spalier und eröffneten ohne Vorwarnung das Feuer, lediglich Meczulat überlebte. Die von ihr aufgezählten Opfer stimmen mit den im Bericht der GFP identifizierten Toten überein.7 Für andere Opfer ist der genaue Tathergang bis heute unklar.
Die Instrumentalisierung von Nemmersdorf
Nach der Rückeroberung von Nemmersdorf am 23. Oktober 1944 trafen neben der GFP auch Angehörige von NSDAP, SS, und Sicherheitspolizei ein. Auch Gaupropagandaleiter Mertins samt Fotografen sowie der Leibarzt Heinrich Himmlers, Karl Gebhardt, hielten sich wahrscheinlich ab dem 24. Oktober in Nemmersdorf auf.8 In diesen Tagen dürften die bekannten Fotografien von nebeneinander aufgebahrten Frauenleichen – teilweise mit hochgezogenen Röcken – entstanden sein.9 Die NS-Propagandamaschinerie hatte bereits im Frühjahr 1943 im Falle Katyns Erfahrung mit der Instrumentalisierung sowjetischer Verbrechen gesammelt. Offenbar hatten Teile der lokalen NS-Behörden auch im Kreis Gumbinnen Gewalt an Zivilist:innen erwartet. Ob und inwieweit die lokalen NS-Akteure die Bilder gezielt dramatisiert haben, ist bis heute Gegenstand von Diskussionen.10 In jedem Falle sollten die später u.a. in der „Deutschen Wochenschau“ gezeigten Fotos bei den Betrachter:innen das Bild bestätigen, das die NS-Propaganda in ihrer Rassenlehre über den „sowjetischen Untermenschen“ über Jahre verbreitet hatte.
Die Berichterstattung im „Völkischen Beobachter“
Der „Völkische Beobachter“ titelte am 27. Oktober 1944: „Blutfanal Nemmersdorf: Moskau hat seine Mordbestien losgelassen“. Der Artikel berichtet von „grausigen Untaten an deutschen Frauen und Kindern“ sowie mehreren Vergewaltigungen. Diese Gewaltakte seien keine Einzeltaten, sondern ließen vielmehr auf „methodisches Vorgehen“schließen. Zwar seien nahezu alle Bewohner:innen rechtzeitig evakuiert worden, doch „[d]urch den plötzlichen Vorstoß sowjetischer Panzer wurden einige Dorfbewohner überrascht. An diesen deutschen Volksgenossen tobten die sowjetischen Bestien ihre Blutgier aus.“11 Die NS-Propaganda bemühte sich sichtlich darum, das eigene Versagen in Sachen Evakuierung zu vertuschen. Von an die Wand genagelten Opfern findet sich auch in diesem Artikel nichts.
Dieses Motiv taucht zuerst in der Ausgabe vom 28. Oktober auf, allerdings nicht für Nemmersdorf, sondern für das 15 Kilometer entfernte Alt-Wusterwitz: Dort sei die Leiche eines alten Mannes auf dem Boden einer Scheune gefunden worden, dessen Verletzungen an den Händen darauf hindeuten würden, „daß er lebend an eine Wand genagelt worden sein muß.“12 Ob es sich bei dieser Darstellung um einen realen Vorgang oder um eine Übertreibung handelt, kann heute nicht abschließend bewertet werden – auch nicht, wo die Behauptung herkommt, er müsse zum Zeitpunkt des Annagelns noch gelebt haben. Die Propaganda griff das Motiv nach dem 28. Oktober auch nicht erneut auf. Insgesamt werden für den Kreis 61 Tote genannt: für Nemmersdorf 26 (analog zum Bericht der GFP) sowie 13 weitere an einer nahegelegenen Straße, sieben in Tutteln sowie 15 weitere in Alt-Wusterwitz.
Die Internationalisierung von Nemmersdorf
Mit den Artikeln im „Völkischen Beobachter“ war der Ton für die weitere Propaganda gesetzt. Die Abteilung II des Propagandaministeriums rief einen Internationalen Ausschuss ins Leben, der die Ereignisse vor Ort dokumentieren sollte. Der Ausschuss stand unter der Führung von Dr. Hjalmar Mäe, einem estnischen Kollaborateur und überzeugten Nationalsozialisten. Der Rest des Ausschusses bestand bis auf einen Schweizer ausschließlich aus Vertreter:innen von verbündeten bzw. besetzten Staaten.13 Die Zeug:innen wurden im Voraus durch Dr. Taubert auf die Vernehmungen vorbereitet. Die im Fall von Nemmersdorf zusammengestellten Berichte wurden am 31. Oktober 1944 vor 600 Zuhörer:innen in der Berliner Charité vorgestellt.14 Die meisten der insgesamt acht Augenzeug:innenberichte ähnelten den Darstellungen aus dem „Völkischen Beobachter“, einige brachten jedoch auch neue Elemente ein, wie etwa angebliche Verschleppungen nach Sibirien oder die Entweihung der Dorfkirche: „Der Altar war zertrümmert. Dem Muttergottesbild die Hände abgehackt, die Statue mutwillig zerstört.“15 Von an die Wand genagelten Frauen war jedoch auch hier nirgends die Rede.
Die Wirkung der Nemmersdorf-Propaganda
Weite Teile der ausländischen Presse taten die Berichte als Propaganda ab. Die von den Deutschen erhoffte Wirkung blieb daher aus; der Eigendienst des Deutschen Nachrichtenbüros konnte Anfang November 1944 lediglich zwei positive Rezeptionen vermelden: Die eine ging auf einen Artikel der faschistischen Osloer Zeitung „Fritt Folk“ zurück, die andere erschien im schweizerischen „Courrier de Genève“, welcher die Opferzahl in seinem Bericht von 61 auf 65 erhöhte und während des Krieges den Ruf einer mindestens pro-deutschen, wenn nicht sogar faschistischen Zeitung hatte.16
Für das deutsche Publikum wurden die Bilder von Nemmersdorf ungefähr zwei Wochen nach den Ereignissen in der „Deutschen Wochenschau“ gezeigt. Neben den Bildern aufgereihter Leichen berichten mehrere angebliche Augenzeuginnen in übereinstimmenden Worthülsen („bestialisch abgeschlachtet“) von den sowjetischen Verbrechen. Mit der Propagandakampagne erhoffte sich Goebbels, den Kampfeswillen der Truppe zu stärken. Am 5. November notierte er: „Die Veröffentlichung der Greueltaten von Nemmersdorf hat schon ausgereicht, um jedem Soldaten klarzumachen, worum es geht.“17 In der Zivilbevölkerung schien die Propaganda angesichts von Bombenkrieg und der sich nähernden Front jedoch nicht die erhoffte Wirkung zu entfalten. Die entsprechenden Berichte der Reichspropagandaämter fielen aus Goebbels’ Sicht ernüchternd aus. Am 10. November schrieb er dazu: „[d]ie Greuelnachrichten würden uns nicht mehr abgekauft. Insbesondere hätten die Nachrichten von Nemmersdorf nur einen Teil der Bevölkerung überzeugt.“18 Anfang November ging beim SD-Leitabschnitt Stuttgart sogar ein Bericht ein, wonach Teile der Bevölkerung das Ausschlachten von Nemmersdorf als „schamlos“ empfinden: Der politischen Führung müsse doch klar sein, „daß jeder denkende Mensch, wenn er diese Blutopfer sieht, sofort an die Greueltaten denkt, die wir im Feindesland, ja sogar in Deutschland begangen haben. Haben wir nicht die Juden zu Tausenden hingeschlachtet? […] Damit haben wir den Feinden ja vorgemacht, was sie im Falle ihres Sieges mit uns machen dürfen.“19
Nemmersdorf in der Nachkriegszeit
Die Propaganda mag während des Krieges nicht die erhoffte Wirkung entfaltet haben; einzelne Versatzstücke erwiesen sich aber nach 1945 als erstaunlich langlebig. So sagte Erich Dethleffsen, 1944 Chef des Generalstabs der 4. Armee, 1946 zur Verteidigung der in Nürnberg angeklagten NS-Hauptkriegsverbrecher gegenüber US-amerikanischen Ermittlern aus: „Russische Einheiten […] folterten Zivilisten in vielen Siedlungen südlich von Gumbinnen, nagelten einige an Scheunentore und erschossen viele andere.“20 Dethleffsen war selbst nicht in Nemmersdorf, seine Angaben stützen sich auf die zusammengefassten Berichte des Heeres.21 Dort aber taucht das „Annageln“ nicht auf.22 Anscheinend verallgemeinerte er das Motiv aus dem „Völkischen Beobachter“, nannte aber weder einen konkreten Ort noch eine Opferzahl. Auch Heinrich Amberger, der als Kompaniechef der Division „Hermann Göring“ kurz nach der Rückeroberung in Nemmersdorf eintraf, gab 1948 gegenüber US-amerikanischen Ermittlern im Rahmen der Nürnberger Nachfolgeprozesse zu Protokoll: „In mindestens einem Fall wurde ein Mann an ein Scheunentor genagelt.“23 Damit verlegte er das Motiv, das der „Völkische Beobachter“ für Alt-Wusterwitz gemeldet hatte, nach Nemmersdorf.
Die Geburtsstunde eines Mythos
Als besonders prägend sollte sich jedoch die Schilderung eines Volkssturmmannes in der „Dokumentation der Flucht und Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa“ (1953) erweisen. In seiner über acht Jahre nach den Ereignissen abgegebenen Aussage beschreibt der als „K.P.“ bezeichnete Zeuge das von ihm im Oktober 1944 in Nemmersdorf vorgefundene Bild: So wären an einen Leiterwagen „4 nackte Frauen in gekreuzigter Stellung durch die Hände genagelt“ gewesen, neben dem Gasthaus „Roter Krug“ zwei weitere Frauen an Scheunentore. In den Wohnungen hätten er und seine Kompanie insgesamt „72 Frauen einschließlich Kinder und einen alten Mann von 74 Jahren“festgestellt, „die sämtlich tot waren“. Die weiblichen Opfer seien alle vergewaltigt worden.24 Damit steht die Darstellung des „K.P.“ nicht nur in offenem Widerspruch zum Bericht der GFP, sondern auch zu anderen Schilderungen aus der Dokumentation: So gibt der NSDAP-Landrat von Angerapp, Paul Uschdraweit, im gleichen Band insgesamt 62 Opfer für den gesamten Landkreis an.25 Zugleich überbietet „K.P.“ damit sogar die historische NS-Propaganda. Der Augenzeuge konnte zudem in den 1970er Jahren als Karl Potrek identifiziert werden, der nicht nur Angehöriger des lokalen Volkssturms, sondern dessen Kompaniechef war.26 Kompaniechefs galten als Vorreiter der nationalsozialistischen Volksgemeinschaftsideologie und sollten dementsprechend auch auf den Rest der Truppe einwirken.27
Die Rezeption in der Bundesrepublik
Infolge der Veröffentlichung der Dokumentation entwickelte das Motiv ein Eigenleben: immer mehr Augenzeug:innen wollten die an die Wand genagelten Opfer mit eigenen Augen gesehen haben. In dem Film „Nemmersdorf 44: Die Wahrheit über sowjetische Kriegsverbrechen“ (2004) überbieten sich die Schilderungen: Mal seien die Männer kastriert worden, mal die Genitalien mehrerer Frauen mit Handgranaten versehen gewesen, mal sei der Dorfpfarrer selbst an der Kirchentür gekreuzigt worden.28 In der letzten Darstellung kulminiert das Bild der heidnischen, „sowjetischen Bestien“ im Gegensatz zu den vermeintlich unschuldigen, gottesfürchtigen Deutschen. Die übertriebenen Schilderungen des „K.P.“ werden bis heute unkritisch verbreitet: in Teilen der Geschichtswissenschaft,29 in der Vertriebenenliteratur30 sowie in der rechtsextremen Szene – zuletzt prominent durch Björn Höcke in einem Interview mit der „Sezession“ vom 8. Mai 2025: „Wer starke Nerven hat, kann die Augenzeugenberichte in der Dokumentation […] lesen. Die zu Tode vergewaltigten Mädchen und Frauen, die an Scheunentore genagelten Alten“.31 Höcke vermischt hier die Berichte aus der Dokumentation mit dem Inhalt des Artikels aus dem „Völkischen Beobachter“ vom 28. Oktober 1944.
Geschichtsrevisionistische Publizistik
Auch in der geschichtsrevisionistischen Publizistik gilt Nemmersdorf bis heute als Beispiel besonderer sowjetischer Brutalität: So behaupten Kandil und Mitautoren in „Der vertuschte Völkermord an den Deutschen“ unter Berufung auf die Recherche eines „jungen Historikers“ – der u.a. in einem Archiv in Bielefeld recherchiert habe – 129 Tote allein für Nemmersdorf. Eine nachprüfbare Quelle nennen sie nicht.32 Nach der unkritischen Wiedergabe des altbekannten Berichts von Potrek folgt zur weiteren Dramatisierung ein Auszug aus einem Gedicht der „im Grunde unpolitische[n] ostpreußische[n] Dichterin und Journalistin Agnes Miegel.“33 Tatsächlich unterschrieb diese „unpolitische“ Heimatdichterin zusammen mit 87 weiteren Autor:innen das „Gelöbnis treuester Gefolgschaft für Adolf Hitler“, trat der NS-Frauenschaft bei und wurde 1940 NSDAP-Mitglied. Doch nicht nur in der geschichtsrevisionistischen Literatur für Erwachsene taucht Nemmersdorf auf: So veröffentlichte der Dresdener Hydra-Verlag im Januar 2023 den Comic „Oktober ‘44: Die Befreiung von Nemmersdorf“. Der Verlag wird vom ehemaligen JN-Vorsitzenden (Jugendorganisation der NPD) Michael Schäfer geleitet und durch das Netzwerk „Ein Prozent“, das als Schnittstelle zwischen Neuer Rechter, AfD und klassischem Neonazismus gilt, finanziert.34
Der Comic selbst kommt als Landser-Heft in Marvel-Optik daher und bietet eine Mischung aus Soldaten-Kitsch und tradierter NS-Propaganda. Skript und Anhang wurden von dem Historiker Markus Pruss erstellt, der für Nemmersdorf insgesamt 110 Tote behauptet. Auf diese Zahl sei er u.a. durch Recherchearbeiten im Gumbinnen-Archiv der Nemmersdorfer Vertriebenengruppe in Bielefeld gekommen.35 Diese sehr unspezifischen Angaben ohne genaue Aktensignatur erschweren eine Nachprüfung. Zugleich könnte damit auch das Geheimnis um den „jungen Historiker“ gelüftet sein, den Kandil und seine Mitautoren bemühen: Es dürfte sich um Markus Pruss handeln, auch wenn die Gesamtopferzahl in beiden Publikationen variiert. In der geschichtsrevisionistischen Szene ist die gegenseitige Zitation ein gängiges Vorgehen, das den Anschein wissenschaftlichen Arbeitens vermitteln soll. In der geschichtsrevisionistischen Darstellung erscheint Nemmersdorf heute als Verbrechen an der deutschen Zivilbevölkerung, das aus seinem historischen Kontext gelöst wird, um ein einseitiges Opfernarrativ zu konstruieren. Der nationalsozialistische Vernichtungskrieg in Osteuropa findet in solchen Darstellungen hingegen keinen Platz.
Was ist in Nemmersdorf geschehen?
Die Rote Armee hat in Nemmersdorf zweifellos Kriegsverbrechen begangen. Der Hergang aller Taten wird sich heute nicht mehr endgültig klären lassen. Gesichert sind 26 Tote: Der interne Bericht der Geheimen Feldpolizei nennt diese Zahl, der „Völkische Beobachter” nennt dieselbe, und die Aussage Gerda Meczulats bestätigt die Massenerschießung am Behelfsbunker, bei der dreizehn Menschen starben. Eine Vergewaltigung ist ärztlich festgestellt, eine weitere wahrscheinlich.
Gekreuzigte Frauen erwähnt dagegen keine Quelle aus dem Oktober 1944 – weder der Bericht noch die Presse, nicht einmal Dr. Mäe vor der internationalen Presse in Berlin. Das Motiv entstand schrittweise: Aus einem alten Mann im Nachbarort Alt-Wusterwitz, den der „Völkische Beobachter“ als an eine Wand genagelt meldete, wurden im Zuge der Nachkriegsprozesse mehrere Opfer an Scheunentoren. 1953 beschrieb schließlich Volkssturm-Kompaniechef Karl Potrek sechs gekreuzigte Frauen in Nemmersdorf – eine Aussage, die allen Quellen von 1944 widerspricht. Ebenso wuchs die Zahl der Toten: von 26 über knapp 80 bei Potrek bis zu 110 bei Pruss und 129 bei Kandil und Mitautoren.
Was heute über Nemmersdorf erzählt wird, beruht damit weniger auf neuen Erkenntnissen als auf Versatzstücken von NS-Propaganda und Nachkriegserzählungen, die immer wieder abgerufen, variiert und aktualisiert werden. In der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft fanden sie breite Resonanz: Sie bedienten ein deutsches Opfernarrativ und knüpften im Kalten Krieg an antisowjetische Feindbilder an. Über deutsche Verbrechen in der Sowjetunion herrschte nach 1945 hingegen jahrzehntelang Schweigen. An dieses Erbe knüpfen Geschichtsrevisionist:innen heute an, wenn sie Nemmersdorf als Symbol besonderer sowjetischer Brutalität bemühen und über die NS-Verbrechen schweigen.
[Autor: Jakob Schergaut]
[1] Ian Kershaw: Das Ende, 3. Aufl. München 2011, S. 168.
[2] Bernhard Fisch: Nemmersdorf, Oktober 1944: Was in Ostpreußen tatsächlich geschah. Berlin 1997, S. 27–30.
[3] Sven-Felix Kellerhoff: Was 1944 in Nemmersdorf wirklich geschah. In: Welt (2019), Berlin.
[4] Ebd.
[5] Elke Fröhlich (Hrsg.): Die Tagebücher von Joseph Goebbels, Bd. 14 (2), S. 110.
[6] Bernhard Fisch: Nemmersdorf 1944 - ein bisher unbekanntes zeitnahes Zeugnis. In: Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung 56 (2007), H. 1, S. 105–114, Marburg, hier S. 109–110.
[7] Fisch: Nemmersdorf, Oktober 1944: Was in Ostpreußen tatsächlich geschah, S. 117.
[8] Fisch: Nemmersdorf 1944 - ein bisher unbekanntes zeitnahes Zeugnis, S. 111.
[9] Die Fotografien befinden sich heute im Bundesarchiv. Einzelne Bilder sind aber z.B. auch bei Alfred de Zayas abgedruckt in: Alfred M. de Zayas: Nemesis at Potsdam 1977.
[10] Bernhard Fisch gibt zu bedenken, dass die Opfer von verschiedenen Orten zum zentralen Sammelplatz auf dem Friedhof getragen worden sein müssen. Fisch nimmt an, dass die Leichenträger die Kleidung der (möglicherweise vergewaltigten) Opfer aus Gründen von Scham und Anstand beim Transport hochgezogen haben dürften, um die Blöße der Frauen zu bedecken. Auf den Bildern sind die Röcke jedoch heruntergezogen. Somit, so Fisch, liegt zumindest der Verdacht der gezielten Dramatisierung der Bilder nahe. Vgl. Fisch: Nemmersdorf, Oktober 1944: Was in Ostpreußen tatsächlich geschah, S. 134. Felix Kellerhof mutmaßt, dass den Leichen möglicherweise sogar zusätzliche Wunden zugefügt worden sein könnten, da die Verletzungen auf den Bildern dramatischer wirken als die Beschreibungen im Bericht der GFP. Siehe dazu: Kellerhoff: Was 1944 in Nemmersdorf wirklich geschah.
[11] Blutfanal Nemmersdorf. In: Völkischer Beobachter (1944), S. 1, Wien.
[12] Lebend an die Wand genagelt. In: Völkischer Beobachter (1944), S. 2, Wien.
[13] Fisch: Nemmersdorf, Oktober 1944: Was in Ostpreußen tatsächlich geschah, S. 154.
[14] Ebd., S. 158.
[15] Wie Moskaus Henker tobten. In: Völkischer Beobachter (1944).
[16] Fisch: Nemmersdorf, Oktober 1944: Was in Ostpreußen tatsächlich geschah, S. 152–153.
[17] Elke Fröhlich (Hrsg.): Die Tagebücher von Joseph Goebbels, Bd. 14 (2), S. 159.
[18] Ebd., S. 192–193.
[19] Zitiert nach: Kershaw: Das Ende, S. 175.
[20] Zitiert und übersetzt nach: de Zayas: Nemesis at Potsdam, S. 62.
[21] Einige der Berichte selbst konnten ebenfalls als Fälschungen überführt werden: So liegt im Militärarchiv in Freiburg ein auf den 26.10.1944 datierter „Vorläufiger Bericht über den Zustand der Leichen“ von Nemmersdorf im Kriegstagebuch der Infanteriedivision 559 vor, verfasst von Hauptmann Fricke. Diese Infanteriedivision war im Oktober 1944 in Frankreich stationiert, Fricke kann also unmöglich in Nemmersdorf gewesen sein. Vgl. Wolfgang Wünsche: Die Rote Armee in Ostpreußen 1944/1945. In: Bernhard Fisch: Nemmersdorf Oktober 1944: Was in Ostpreußen tatsächlich geschah, Berlin 1997, hier S. 13.
[22] Fisch: Nemmersdorf, Oktober 1944: Was in Ostpreußen tatsächlich geschah, S. 160–161.
[23] Zitiert und übersetzt nach: de Zayas: Nemesis at Potsdam, S. 62–63.
[24] Die Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus den Gebieten östlich der Oder-Neiße, Bd. 1. München 1984 (Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa 1), S. 8.
[25] Ebd., S. 4–5.
[26] Fisch: Nemmersdorf, Oktober 1944: Was in Ostpreußen tatsächlich geschah, S. 37.
[27] David K. Yelton: „Ein Volk Steht Auf“: The German Volkssturm and Nazi Strategy, 1944-45. In: The Journal of Military History 64 (2000), H. 4, S. 1061–1083, hier S. 1080.
[28] Vgl. Nemmersdorf 44: Die Wahrheit über sowjetische Kriegsverbrechen. Der Film stammt aus der Produktion des bereits damals massiv in der Kritik stehenden Leipziger Honorarprofessors Michael Friedrich Vogt, der u.a. in der rechtsextremen Deutschen Burschenschaft sowie dem Ring Freiheitlicher Studenten aktiv war.
[29] So beruft sich etwa Christoph Kleeßman auf die Schilderung des „K.P.“ aus der Dokumentation. Vgl. dazu: Christoph Kleßmann: Flucht und Vertreibung im 20. Jahrhundert – ein zeitgeschichtlicher Abriß, in: Elke Mehnert (Hg.): Landschaften der Erinnerung. Flucht und Vertreibung aus deutscher, polnischer und tschechischer Sicht, Frankfurt am Main 2001, S. 14-40.
[30] Siehe etwa: Alfred M. de Zayas: Die Anlgo-Amerikaner und die Vertreibung der Deutschen, 10. Aufl. Berlin 1998, S. 97.
[31] Redaktion: 80 Jahre Kriegsende – ein Gespräch mit Björn Höcke. Sezession, dort datiert 08.05.2025, URL: https://sezession.de/70213/80-jahre-kriegsende-ein-gespraech-mit-bjoern-hoecke (17.09.2026).
[32] Mario Kandil/Konrad Reisinger: Der vertuschte Völkermord an den Deutschen. Wie die Vernichtung nach 1945 weiterging... Linz 2025, S. 85.
[33] Ebd.
[34] Jonas Dau: Die Strategie der Hydra-Comics. Belltower News, dort datiert 08.02.2021, URL: https://www.belltower.news/neurechte-kommunikation-die-strategie-der-hydra-comics-111355/ (01.10.2026).
[35] Paul Freytag: Oktober ’44 - die Befreiung von Nemmersdorf, hrsg. von. Michael Freitag. Dresden 2023.