Die Autoren
Das Buch wurde von Mario Kandil und Konrad Reisinger unter der Mitarbeit von Roy Grassmann und Alois Gründl herausgegeben. Kandil ist in der Szene als einschlägiger Autor von Werken wie „Umerziehung: wie wir Deutschen wurden, wie wir sind“ oder „Die deutschen Vertreibungsverluste 1944 bis 1948: ‚kein Unrecht rechtfertigt anderes Unrecht‘“ bekannt. Reisinger ist in der geschichtsrevisionistischen „Gesellschaft für freie Publizistik“ (GfP) aktiv und schreibt regelmäßig für diverse rechtsextreme Heftchen.1 Grassmann arbeitete zuletzt für Jürgen Elsässers Compact-Magazin, bevor er als Redakteur und Reporter zu „AUF 1“ wechselte.2 Alois Gründl ist in der Szene ebenfalls kein Unbekannter und fällt immer wieder mit antisemitischen Verschwörungstheorien auf: So fabulierte er 2013 im Magazinfakten, das zwischen 1990 und 2018 vom ehemaligen NPD-Politiker Horst Jakob Rosenkranz herausgegeben wurde, von einer angeblichen Verschwörung der „eiskalten Bürokraten ohne Vaterland“, welche die EU in eine Sozialunion umformen wollen und dabei auf die „Unterstützung linker Parteien in den einzelnen Mitgliedsstaaten rechnen können sowie auf solche bürgerlicher Parteien, die das Sprachrohr von Hochfinanz und Großindustrie sind.“3
Slawische Vertreibungspläne seit 1848?
Dieser strukturell antisemitischen Verschwörung folgend, versucht das Buch eine über 150 Jahre andauernde Tradition deutschenfeindlicher Vertreibungs- und Vernichtungspläne zu konstruieren. Den Beginn dieser vermeintlichen Pläne verortet Roy Grassmann im Slawischen Kongress, der vom 2. bis zum 12. Juni 1848 in Prag stattfand. Die circa 400 Teilnehmer setzten sich aus drei Delegationen zusammen: Einer tschechisch-slowakischen, einer südslawischen sowie einer polnisch-ruthenischen.4 Die Delegierten kamen aus der gesamten Donaumonarchie, vereinzelt nahmen auch Pol:innen und Sorb:innen aus Preußen sowie zwei Russen – darunter der Anarchist Michael Bakunin – teil. Laut Grassmann hätte der Kongress „sich zum Ziel gesetzt, die Deutschen hinter die Linie Stettin-Triest zu vertreiben.“5 Eine Behauptung, die mindestens seit den 1980er Jahren durch die revisionistische Publizistik geistert,6 aber nie belegt wird. Vom slawischen Kongress in Prag existieren keine Protokolle im engeren Sinne: Erhalten sind neben dem „Manifest des Slawen Kongresses an die Völker Europas“ auch der Aufruf vom 1. Mai sowie eine Erklärung vom 5. Mai, die nicht nur die Treue zur Habsburger Monarchie beschwört, sondern sich auch von (vor allem deutschen) Vorwürfen des „Separatismus, Panslavismus und Russismus“ distanziert.7
Die Vorstellung eines unter russischer Führung vereinigten panslawischen Reiches war keine Mehrheitsposition. Zwar träumten einige Fanatiker von einem großslawischen Reich vom Eismeer bis zum Bosporus, doch hing die überwältigende Mehrheit dem Austroslawismus an. Nach den Revolutionen von Mailand, Pest und Frankfurt drohte die Donaumonarchie 1848 in einen deutsch und einen ungarisch dominierten Teil zu zerbrechen. Der Prager Slawenkongress strebte keine nationale Unabhängigkeit, sondern eine föderale Struktur innerhalb der Donaumonarchie mit politischer Selbstbestimmung und Minderheitenrechten an. Dementsprechend zurückhaltend lesen sich auch die an den Hof in Wien übermittelten Forderungen des Kongresspräsidenten František Palacký.8 Die Zentralgewalt lehnte die Forderungen dennoch ab; in der Folge brach am 12. Juni 1848 der Prager Aufstand aus. Der Oberbefehlshaber der Truppen, Alfred Fürst Windischgrätz, verhängte den Ausnahmezustand und ließ die Erhebung niederschlagen.9
Das Revolutionsjahr 1848
Die von Grassmann angeführte „Linie Stettin-Triest“ taucht tatsächlich im Jahr 1848 auf – allerdings völlig anders als behauptet. Triest gehörte 1848 zum Deutschen Bund und war Teil des Wahlgebiets zur Frankfurter Nationalversammlung; aus den Wahlkreisen Küstenland-Triest wurden drei Abgeordnete in die Paulskirche gewählt. Die Linie Stettin-Triest markierte damit schlicht die Nord-Süd-Ausdehnung des Gebiets, über das die Nationalversammlung eine „großdeutsche“ Ordnung verhandelte – von der Ostsee bis zur Adria. Der Slawenkongress in Prag fürchtete nun um die Minderheitenrechte der westlich dieser Linie perspektivisch unter deutscher Dominanz lebenden Tschech:innen und Slowen:innen und hoffte auf die Habsburgermonarchie als Schutzmacht. Wie ernst diese Furcht war, zeigt ein zweites, noch einschlägigeres Dokument: Palacký selbst wurde durch den Fünfzigerausschuss der Frankfurter Nationalversammlung in die Paulskirche eingeladen, lehnte aber in einer bis heute lesenswerten Antwort vom 11. April 1848 dankend ab. Darin formulierte er eine Absage an ein russisch dominiertes, slawisches Universalreich als ein „unabsehbares und unnennbares Übel, […] ohne Maß und Ende“, warnte aber auch vor großdeutschen Vereinigungsplänen, die „nothwendiger Weise darauf ausgehen wollen und werden, Österreich als selbständigen Kaiserstaat unheilbar zu schwächen, ja ihn unmöglich zu machen, – einen Staat, dessen Erhaltung, Integrität und Kräftigung eine hohe und wichtige Angelegenheit nicht meines Volkes allein, sondern ganz Europa’s, ja der Humanität und Civilisation selbst ist und sein muß.“10
Grassmann vertauscht hier also die Rollen: Aus den Plänen für eine großdeutsche Lösung entlang der Linie Stettin-Triest macht er angebliche slawische Vertreibungspläne eben hinter diese Linie. Die Furcht vor dem Zusammenschluss von 80 Millionen Slaw:innen wurde von einigen Vertreter:innen des Kongresses zwar als propagandistische Waffe eingesetzt, um politischen Druck auszuüben – Mehrheiten gab es dafür jedoch nicht. Vielmehr sahen die österreichischen Slaw:innen keine Alternative zum Weiterbestand das Habsburgerreichs.11 Von der deutschen (und ungarischen) Gegenpropaganda wurde die Furcht vor dem Gespenst das Panslawismus jedoch aufgegriffen, allzu ernst genommen und übertrieben.12 Ängste vor dem zaristischen Russland bzw. der späteren Sowjetunion samt ihren slawischen Satelliten konnten im 19. und 20. Jahrhundert bei passender Gelegenheit immer wieder reaktiviert werden.13 Palacký selbst wandte sich der Idee des Panslawismus im Übrigen erst nach dem österreichisch-ungarischen Ausgleich 1867 zu, nachdem eine von ihm erhoffte Gleichberechtigung der Tschech:innen ausgeblieben war.
Vernichtungspläne gegen Deutschland?
Während Grassmann sich mit dem Ursprung vermeintlicher Vertreibungspläne auseinandersetzt, stellt Gründl die angeblichen (jüdischen) Vernichtungspläne gegen die Deutschen vor. Dass der offene Antisemitismus dabei kein Beifang, sondern viel mehr die Prämisse des Buches selbst ist, bestätigen die Autoren zu Beginn gleich selbst: „Wir werden im Rahmen dieses Buches nachweisen, dass die Millionen deutschen Toten nach Kriegsende weniger als Rache für Hitler und den Krieg interpretiert werden können, sondern vielmehr als ein lange geplantes Verbrechen an den Deutschen.“ 14 Um dies zu verdeutlichen habe sich Alois Gründl im Anhang explizit mit Vernichtungsplänen gegen Deutschland beschäftigt. Ein Anhang, der es in sich hat: Darin findet sich neben dem Morgenthauplan auch der Kaufmann,- Nizer- und Hooton-Plan.
Der damalige US-Finanzminister Henry Morgenthau schlug im August 1944 vor, Deutschland nach dem Krieg in eine international verwaltete Zone und zwei entmilitarisierte Agrarstaaten aufzuteilen, um das militärische Potential bis auf Weiteres zu zerschlagen. Der Plan wurde von US-Präsident Roosevelt zurückgewiesen und blieb in der Schublade, drang aber im September 1944 durch eine Indiskretion an die Öffentlichkeit und wurde von der NS-Propaganda als „Judas Mordplan“ ausgeschlachtet. Die jüdische Herkunft des US-Politikers Morgenthau instrumentalisierend suggerierte die NS-Propaganda einen angeblich jüdischen Vernichtungsplan gegen Deutschland.
Während Morgenthau zumindest noch die notwendige politische Funktion innehatte, um bei der Umgestaltung des Nachkriegsdeutschlands mitzureden, können Kaufman, Nizer Hooton getrost als unbedeutende Randfiguren abgetan werden – drei Privatpersonen ohne jede politische Funktion oder Regierungsnähe.
Der Geschäftsmann Theodore Newman Kaufman veröffentlichte im Frühjahr 1941 im Selbstverlag die Broschüre „Germany Must Perish!“ und forderte darin die Sterilisierung der deutschen Bevölkerung sowie die territoriale Zerschlagung Deutschlands. Das Werk fand in den USA selbst kaum Beachtung – Goebbels dagegen erkannte im Werk „des Juden Kaufmann“, wie er in seinem Tagebuch notierte, sofort den propagandistischen Wert: Kaufman „hätte es nicht besser und vorteilhafter für uns machen können, wenn er das Buch in unserem Auftrag geschrieben hätte“.15 Der Propagandaminister plante unmittelbar nach der Lektüre, das Buch in Form einer „Volksausgabe“ millionenfach drucken zu lassen, um aufzuzeigen, „was man mit dem deutschen Volke anfangen würde, wenn es noch einmal wie im November 1918 ein Schwächezeichen gäbe.“16
Auch der New Yorker Anwalt Louis Nizer wird von Gründl unter antisemitischen Generalverdacht gestellt: Als Kind habe er im Chor des renommierten Londoner Kantoren Josef Rosenblatt gesungen. 17 Ein Umstand, den Gründl nicht weiter ausführt – für seine Leserschaft ist damit ohnehin alles gesagt. Nizer setzte sich in seinem 1944 erschienenen Buch „What to do with Germany“ ebenfalls mit Sterilisierungsplänen auseinander – er rechnete sogar vor, wie viele Chirurgen in welcher Zeit die gesamte deutsche Bevölkerung sterilisieren könnten –, verwarf den Vorschlag jedoch ausdrücklich. Seine eigenen Forderungen waren gleichwohl drastisch: Kriegsverbrecherprozesse mit geschätzt 150.000 Todesurteilen, Zwangsarbeit für weitere rund eine Million Deutsche, wirtschaftliche Sanktionen, politische Aufteilung und Umerziehung.
Der Harvard-Anthropologe Earnest Albert Hooton schließlich veröffentlichte am 4. Januar 1943 in der New Yorker Tageszeitung PM den Artikel „Breed War Strain Out of Germans“ – im Rahmen einer Debattenreihe, in der unter anderem auch Albert Einstein, Franz Boas und Dorothy Thompson mit deutlich moderateren Vorschlägen zu Wort kamen. Hooton plädierte für eine über rund zwanzig Jahre angelegte biologische „Auszüchtung“ des vermeintlich kriegerischen deutschen Nationalcharakters: gezielte Masseneinwanderung und -ansiedlung von Nicht-Deutschen, Verheiratung deutscher Frauen mit nicht-deutschen Männern, Verschickung von zehn bis zwölf Millionen deutscher Männer zur Zwangsarbeit ins Ausland – dort ebenfalls zur Vermischung mit nicht-deutschen Frauen angehalten –, dazu Hinrichtung oder lebenslange Haft für NS-Führungskader und die Zerschlagung Deutschlands in kleinere, dezentrale Staaten.
Keiner dieser Vorschläge wurde zur Grundlage der amerikanischen Deutschlandpolitik; in der deutschen geschichtsrevisionistischen Propaganda dagegen finden sie bis heute Verwendung – etwa als „Hooton-Plan“ in neonazistischen Kreisen, die darin bis in die Gegenwart hinein ein angebliches Blaupause-Dokument für den „großen Austausch“ sehen. Gründl selbst gibt zwar zu, dass von den genannten bis auf Morgenthau keiner relevanten Einfluss auf die Politik gehabt haben dürfte; „[u]ngeachtet dessen ist aber zu bedenken, dass in den USA einflussreiche Netzwerke und Hintergrundkräfte zumindest indirekt auf die Umsetzung ihrer politischen Ziele hinwirken hätten können.“18
Dieser antisemitischen Paranoia von Vernichtungsplänen gegen Deutschland folgend listen die Autoren ausschließlich vermeintliche und tatsächliche alliierte Verbrechen auf. Das Buch wartet mit allen „Evergreens“ der geschichtsrevisionistischen Propaganda auf: Die Bombardierung Dresdens, die Rheinwiesenlager sowie die repressive polnische Minderheitenpolitik der Zwischenkriegszeit. Zu den NS-Verbrechen hingegen heißt es: „es nicht Absicht dieses Buches […] deutsche Verbrechen im Zweiten Weltkrieg in irgendeiner Form zu beschönigen oder zu relativieren. Sie sind historische Tatsache und dürfen […] als bekannt vorausgesetzt werden.“19 Mit dieser Negation scheint für die Autoren alles über das nationalsozialistische Deutschland, seinen Eroberungs- und Vernichtungskrieg sowie seine Verbrechen gesagt. In den nächsten circa 400 Seiten werden die NS-Verbrechen ausschließlich in der rhetorischen Formel bemüht, dass ein Verbrechen nicht das andere rechtfertige.
Die Flucht und Vertreibung der Deutschen aus Ost- und Südosteuropa
Ein zentrales Thema des Buches sind die Flucht und Vertreibung der Deutschen aus Ost- und Südosteuropa. Ein Dauerbrenner der extremen Rechten, der angesichts der Tatsache, dass europäische Aussöhnungsprozesse durch das Erstarken nationalistischer und rechtsextremer Kräfte in Mittel- und Osteuropa vermehrt unter Druck geraten, neue Aktualität gewinnt. Gleichermaßen bietet das Feld mit seinen vielfältigen Akteur:innen (Rote Armee, polnische Heimatarmee, tschechoslowakische Gendarme, jugoslawische Partisan:innen etc.), großflächigen Räumen und bis heute schwer zu differenzierenden Opferzahlen ein relativ offenes Feld. Eine Problemstellung, die offenbar auch bei den Autoren selbst für Verwirrung sorgt. Schon im Vorwort liefern sie zwei divergierenden Angaben: So zitieren sie die ultrakonservative Politikkommentatorin Candace Owens: „Wussten sie, dass 12 Millionen Deutsche nach dem Zweiten Weltkrieg vertrieben wurden? […] Wussten Sie, dass eine halbe Million von ihnen wegen des Verbrechens, Deutsch zu sprechen, ermordet wurden?“20 Die der MAGA-Bewegung nahestehe Kommentatorin bietet für Kandil und Co. die perfekte Kronzeugin: Eine afroamerikanische Journalistin, die einen angeblichen Massenmord an den Deutschen behauptet, eben nur, weil sie Deutsch gesprochen hätten. Eine rhetorische Figur, die einen Völkermord anhand ethnischer Kriterien mindestens insinuiert und die Deutschen so in den Opferkanon organisierter Massenvernichtung einreiht. Für Kandil und Co. jedoch offenbar nicht genug, denn schon eine Seite später echauffieren sie sich: „Rund 20 Millionen Deutsche wurden vertrieben und dabei etwa drei Millionen ermordet und keiner spricht davon?!“21
Später widmet Reisinger dem Problem der Gesamtzahl nochmal ein eigenes Unterkapitel: Darin bezeichnet er die 1958 vom Statistischen Bundesamt geschätzte Zahl von rund 2,2 Millionen Opfern als zu niedrig und legt sich auf die von dem Geschichtsrevisionisten Heinz Nawratil behaupteten 2,8 bis 3 Millionen Tote fest.22 Dabei übernimmt Reisinger nicht nur Nawratils Zahlen, sondern offenbar auch nahezu wortgleich ganze Passagen aus dessen „Schwarzbuch der Vertreibung“.23 In der Vertriebenenliteratur sowie in älteren Bevölkerungsbilanzierungen – die nicht bestätigte Todesfälle erhoben, sondern Einwohner:innenzahlen der Vertreibungsgebiete vor und nach dem Krieg verglichen – findet sich häufig eine Spannweite zwischen 2 bis 2,3 Millionen. In diesen ungeklärten Fällen waren jedoch, wie spätere Nachforschungen zeigten, auch die „Unidentifizierten […] vermeintlichen deutschen Geburtenausfälle, die Staatsangehörigkeitswechsler, ungezählte Wehrmachtstote und die ermordeten deutschen Juden und Vermisste“enthalten.24 Neuere, auf nachgewiesenen Todesfällen beruhende Untersuchungen kommen dagegen auf eine Größenordnung von etwa 500.000 bis 600.000 Toten – Nawratils Zahl liegt damit um das Fünf- bis Sechsfache über dem Forschungsstand, den Reisinger als Korrektiv präsentiert. Der Diskussion um die Gesamtzahl der deutschen Vertreibungsverluste haben wir uns intensiv schon einmal hier gewidmet.
Alliierter Massenmord nach 1945?
Doch auch nach Kriegsende hätten die Verbrechen gegen Deutschland nicht aufgehört. Angeblich hätten die Alliierten Hunger gezielt als Waffe gegen die deutsche Bevölkerung eingesetzt: Die Opfer des Hungerwinters 1946/1947, der mit einer bis dahin ungekannten, viermonatigen Kälteperiode einherging, werden allein der Zerstörung deutscher Städte durch die Alliierten zugeschrieben und der angeblich gezielten Weigerung der Briten und Amerikaner, die Deutschen angemessen zu versorgen.25 Insgesamt seien so 4 Millionen (Heinz Nawratil) bis sogar 5,7 Millionen (James W. Bacque) gestorben.26 Dabei verschweigen die Autoren nicht nur, dass die allgemeine Lage in Europa nach dem Krieg – und insbesondere während des Hungerwinters 1946/1947 – für alle betroffenen Nationen kritisch war, sondern auch eine der Hauptursachen für die katastrophale Lage: den von Deutschland entfesselten Zweiten Weltkrieg und die damit einhergehende Zerstörung. Auch bei den Opferzahlen übertreiben die Autoren massiv. In der deutschsprachigen Literatur werden unter Berufung auf zeitgenössische Schätzungen z.T. hunderttausende Tote angegeben, während Historiker:innen aus den USA wie bspw. Alice Weinreb oder Atina Grossmann kritisieren, es dass für Opferzahlen dieser Größenordnung keine stichhaltigen Beweise gibt und die hohen Zahlen vielmehr als Teil eines Selbstviktimisierungsnarratives interpretiert werden können.27 Für vier bzw. 5,7 Millionen Todesopfer jedoch gibt es keine seriösen Belege. Allerdings dürften es diese Zahlen bei geneigten Leser:innen schaffen, eine Symmetrie mit anderen Opferzahlen herzustellen – insbesondere zum Holocaust mit sechs Millionen Toten.
Umerziehung zum „Schuldkult“
Die physische Vertreibung und die behaupteten Nachkriegsverbrechen sind für die Autoren jedoch nur die halbe Geschichte. Nach der Vertreibung der Deutschen aus Ost- und Südosteuropa sei noch eine zweite Vertreibung im Gang, nämlich die aus der „Geschichte und Tradition“.28 Die Grundlage dafür sei schon während des Krieges durch die Frankfurter Schule – einer Verbindung von marxscher Kapitalismuskritik und freudscher Psychoanalyse – um Max Horkheimer gelegt worden. Horkheimer selbst hätte angeblich für den amerikanischen Geheimdienst an der geplanten Umerziehung mitgearbeitet,29 doch hat er sich nie den US-Geheimdiensten angedient – die Zuschreibung dürfte praktisch wortgleich aus dem Artikel zur „Frankfurter Schule“ des rechtsextremen Wikipedia-Klons Metapedia stammen. Tatsächlich waren Vertreter der Kritischen Theorie, wie Herbert Marcuse, an der Vorbereitung zur Reeducation beteiligt: Sie verfassten Analysen über das nationalsozialistische Deutschland und entwickelten Überlegungen zur Entnazifizierung und zur demokratischen Neuordnung nach dem Krieg.
Kandil und Co. sehen darin die Geburtsstunde des „Kulturmarxismus“: Dieser bedeute […] die totale Auflösung alles Gewachsenen auf allen Ebenen: von den Völkern und Kulturkreisen bis hin zum einzelnen Individuum […] Erst die Zerstörung alles Natürlichen und organisch Gewachsenen ermöglicht den Bau eines ‚neuen Menschen‘, einer neuen Gesellschafts- und Weltordnung.“30 Der Kampfbegriff des „Kulturmarxismus“ geht auf den US-amerikanischen Rechtsaußen-Aktivisten William S. Lind zurück, der in den 1990er-Jahren behauptete, die – überwiegend jüdischen – Vertreter der Frankfurter Schule hätten gezielt eine Zersetzung der westlichen Kultur eingeleitet; seither dient er als antisemitisch codierte Fortschreibung der NS-Erzählung vom „Kulturbolschewismus" und wurde unter anderem vom Attentäter Anders Breivik zur Rechtfertigung seines Terrors angeführt. Der kritischen Aufarbeitung der Geschichte – „bis nichts mehr übrigbleibt, was als ‚historisch belastet‘ wahrgenommen werden kann.“31 – wird dagegen eine Absage erteilt: Geschichte soll kein Gegenstand kritischer Befragung sein, sondern einer scheinbar natürlich gewachsenen Gemeinschaft und Identität dienen.
Aufarbeitung der Vergangenheit
Die vermeintliche „Umerziehung“ endet in der Darstellung der Autoren nicht mit der unmittelbaren Nachkriegszeit. Vielmehr bildet sie den Ausgangspunkt für eine bis in die Gegenwart reichende Erzählung: Die Deutschen seien nach 1945 systematisch dazu gebracht worden, sich selbst vor allem als Täter zu begreifen und die eigenen Opfer auszublenden. Als einen frühen Ausgangspunkt dieser angeblichen „Schuldtheologie“ führen die Autoren das Stuttgarter Schuldbekenntnis vom 19. Oktober 1945 an. Seitdem seien alle von den Alliierten „geduldeten gesellschaftlichen Kräfte“ damit beschäftigt, „aus Opfern Täter zu machen, die Vertreibung zu relativieren und zu verschweigen.“32 Schon das gewählte Beispiel trägt diese Erzählung jedoch nicht. Das Stuttgarter Schuldbekenntnis thematisiert Flucht und Vertreibung der Deutschen aus Ost- und Südosteuropa gar nicht. Es war ein kirchliches Schuldbekenntnis gegenüber Vertretern der Ökumene und bezog sich auf die Mitverantwortung der evangelischen Kirche für das vom nationalsozialistischen Deutschland verursachte Leid. Den Zusammenhang zwischen Schuldbekenntnis und Vertreibung stellen die Autoren selbst her. Auf diese Weise werden unterschiedliche Prozesse der deutschen Nachkriegsgeschichte zu einer einzigen, vermeintlich von außen gesteuerten Entwicklung verbunden: von alliierter „Umerziehung“ über die kirchliche Auseinandersetzung mit der eigenen NS-Vergangenheit bis zur späteren Erinnerungskultur.
Die Darstellung der Nachkriegsgesellschaft als Büßer:innengemeinschaft hält der historischen Überprüfung ohnehin nicht stand: Abwehr- und Selbstviktimisierungsnarrative prägten die Bundesrepublik bis in die 1960er-Jahre. Wer in ihrer Anfangsphase von „Wiedergutmachung“ sprach, meinte damit meist nicht die Opfer des NS-Terrors, sondern die „Entnazifizierungsgeschädigten“ – vormalige Parteigenossen, die aus dem Beamtenapparat entfernt worden waren.33 Zugleich betrieb die Bundesrepublik aktive Erinnerungspolitik in die andere Richtung: Das zuständige Bundesministerium dokumentierte das Schicksal der Vertriebenen kleinteilig und übertrieb dabei nicht selten die Opferzahlen; Landsmannschaften und der 1957 gegründete Bund der Vertriebenen (BdV) übten jahrzehntelang erheblichen Einfluss auf die Politik aus, und revisionistische bis revanchistische Töne gehörten bis in die 1970er-Jahre – bis zu Willy Brandts neuer Ostpolitik – dazu. Bis heute gedenkt der Bundestag jährlich am 20. Juni der Opfer von Flucht und Vertreibung, und in Landsmannschafts- und Heimatkreiszeitschriften zirkulieren solche Narrative weiter. Von Verschweigen kann also keine Rede sein. Verändert hat sich vielmehr der Umgang mit der Vergangenheit: weg von Abwehr- und Opfernarrativen, hin zu Fragen von Wissen, Täter:innenschaft und gesellschaftlicher Beteiligung am Nationalsozialismus.
Einordnung
„Der vertuschte Völkermord an den Deutschen“ kommt mit reißerischem Titel und pseudoakademischem Anspruch daher, schenkt dabei aber vor allem alten Wein aus neuen Schläuchen ein und wärmt längst widerlegte Legenden, Falschbehauptungen und Mythen wieder auf. Einige Passagen scheinen nahezu wortgleich aus den Werken anderer Geschichtsrevisionisten übernommen; Befunde der seriösen Geschichtswissenschaft finden sich im Literaturverzeichnis dagegen kaum. Das hat System: Während NS-Verbrechen als „bekannt vorausgesetzt“ werden, werden tatsächliche und vermeintliche Verbrechen der Alliierten ausgebreitet und übertrieben, seriöse Gegenbefunde schlicht ignoriert. Am Ende steht eine fixe Idee: Die halbe Welt, insbesondere die Slaw:innen und das nur in Chiffren benannte „Weltjudentum“, habe sich seit über 150 Jahren gegen die Deutschen verschworen – und sei damit während und nach dem Zweiten Weltkrieg fast erfolgreich gewesen. Dieser Täter-Opfer-Umkehr folgend werden so weder der Ausbruch des Krieges noch seine Folgen für die deutsche Bevölkerung explizit dem NS-Regime zugeschrieben, sondern vielmehr den Alliierten.
Solche Pamphlete erreichten früher, so tendenziös sie auch waren, meist nur überschaubare Kreise. Mit dem „AUF 1“-Konzern und dem angeschlossenen Pionier-Verlag steht demselben Gedankengut nun eine deutlich reichweitenstärkere Medieninfrastruktur zur Verfügung: Allein auf YouTube hat der Sender knapp 200.000 Abonnent:innen; Co-Autor Roy Grassmann stellte das Buch im Podcast „eingast“ vor, das Video wurde bis September 2026 knapp 70.000 Mal angesehen, die Kommentarspalte füllt sich mit tausendfacher Zustimmung.
Darin liegt die eigentliche Verschiebung: Nicht der Inhalt hat sich verändert, sondern seine Reichweite. Mit dem Erstarken rechtsextremer Bewegungen ist um sie herum eine eigene Medienöffentlichkeit entstanden, die ihr Publikum zuverlässig mit offen geschichtsrevisionistischen Inhalten versorgt – ein in sich geschlossenes System, in dem Gegenrede, Faktencheck und Korrektur gar nicht mehr vorgesehen sind.
[1] Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands: Abwicklung eines Pseudonyms. Neues von ganz rechts, dort datiert 01.07.2025, URL: https://www.doew.at/erkennen/rechtsextremismus/neues-von-ganz-rechts/archiv/juli-2025/Abwicklung-eines-Pseudonyms (15.09.2026).
[2] Mario Kandil/Konrad Reisinger: Der vertuschte Völkermord an den Deutschen. Wie die Vernichtung nach 1945 weiterging... Linz 2025, S. 393.
[3] Zitiert nach: Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands: Zitate (ab 2011). Kritische Demokraten/ fakten, URL: https://www.doew.at/erkennen/rechtsextremismus/rechtsextreme-organisationen/kritische-demokraten-fakten/zitate-ab-2011 (15.09.2026).
[4] Andreas Moritsch: Revolution 1848 - Österreichs Slaven wohin? In: Andreas Moritsch: Der Prager Slavenkongreß 1848, Wien, Köln, Weimar 2000, hier S. 15.
[5] Kandil, Reisinger: Der vertuschte Völkermord an den Deutschen. Wie die Vernichtung nach 1945 weiterging..., S. 38.
[6] Vgl. etwa: Alois Stürzl: 40 Jahre Verband der Böhmerwäldler in Oberösterreich. 70 Jahre Verweigerung des Rechtes der Selbstbestimmung. 105 Jahre Deutscher Böhmerwaldbund. In: Sudetenpost (1989), H. 17, S. 8.
[7] Moritsch: Revolution 1848 - Österreichs Slaven wohin?, S. 12.
[8] František Palacký: Frank Palacký über den Slawen-Congress in Prag. Universität Klagenfurt, dort datiert 1848, S. 324, URL: https://eeo.uni-klu.ac.at/wwwg.uni-klu.ac.at/eeo/Prag_Slawenkongress.pdf (15.09.2026).
[9] Moritsch: Revolution 1848 - Österreichs Slaven wohin?, S. 17.
[10] Zitiert nach: František Palacký: František Palackýs berühmter Brief nach Frankfurt 1848. bohemistik.de, URL: http://www.bohemistik.de/palacky2.html (22.09.2026).
[11] Moritsch: Revolution 1848 - Österreichs Slaven wohin?, S. 11.
[12] Andreas Moritsch: Einleitung. Der Prager Slavenkongreß 1848, Wien, Köln, Weimar 2000, hier S. 3.
[13] Moritsch: Revolution 1848 - Österreichs Slaven wohin?, S. 5.
[14] Kandil, Reisinger: Der vertuschte Völkermord an den Deutschen. Wie die Vernichtung nach 1945 weiterging..., S. 15.
[15] Elke Fröhlich (Hrsg.): Die Tagebücher des Joseph Goebbels, Bd. 1. München, New Providence, London, Paris 1996 ( 2), S. 168.
[16] Ebd., S. 169.
[17] Kandil, Reisinger: Der vertuschte Völkermord an den Deutschen. Wie die Vernichtung nach 1945 weiterging..., S. 376.
[18] Ebd., S. 381.
[19] Ebd., S. 14.
[20] Ebd., S. 11.
[21] Ebd., S. 12.
[22] Ebd., S. 167.
[23] Vgl. Heinz Nawratil: Schwarzbuch der Vertreibung 1945 bis 1948. Das letzte Kapitel unbewältigter Vergangenheit, 4. Aufl. München 1999.
[24] Ingo Haar: Die deutschen ›Vertreibungsverluste‹ – Forschungsstand, Kontexte und Probleme. In: Rainer Mackensen/Jürgen Reulecke/Josef Ehmer (Hrsg.): Ursprünge, Arten und Folgen des Konstrukts „Bevölkerung“ vor, im und nach dem „Dritten Reich“, Wiesbaden 2009, hier S. 378.
[25] Kandil, Reisinger: Der vertuschte Völkermord an den Deutschen. Wie die Vernichtung nach 1945 weiterging..., S. 262.
[26] Ebd., S. 271.
[27] Siehe dazu: Victor Jaschke: Vom Wassermangel zur Westbindung: Die Dürre von 1947 in der Bizone und das deutsch-amerikanische Verhältnis. Zeithistorische Forschung, dort datiert 11.12.2025, URL: https://zeithistorische-forschungen.de/2-2024-2025/6218?utm_source=chatgpt.com (23.09.2026).
[28] Kandil, Reisinger: Der vertuschte Völkermord an den Deutschen. Wie die Vernichtung nach 1945 weiterging..., S. 281.
[29] Ebd., S. 22.
[30] Kandil, Reisinger: Der vertuschte Völkermord an den Deutschen. Wie die Vernichtung nach 1945 weiterging..., S. 281–182.
[31] Ebd., S. 283.
[32] Ebd., S. 20.
[33] Norbert Frei: Vergangenheitspolitik. Die Anfänge der Bundesrepublik und die NS-Vergangenheit, 2. Aufl. München 1997, S. 14.